Schildkröte, Krokodil, Ente, Omelett

Über die Frage nach einem transfreundlichen Leben in einer transfeindlichen Welt.

26.07.16 > Tove Tovesson
Profilfoto Tove Tovesson

Tove Tovesson

Geboren 1986 in der Nähe von Frankfurt. Studium der Sonderpädagogik und Angewandten Ethik im Ruhrgebiet und in Thüringen. Ein Jahr Landleben bei Hamburg, nun Berlin. Twittert unter @nichtschubsen. Patronus: Seekuh.

Von Tove Tovesson

Ich lese den Text von Jennifer Coates über ihre Erfahrungen als Transfrau in the closet, und bin traurig. Der Text ist traurig, aber ich bin auch traurig, ich bin schon vorher traurig gewesen. Der Text handelt von der Entscheidung, sich niemals zu outen und niemals eine Transition zu machen. Die Autorin lebt so irgendwie, wie ich auch irgendwie lebe, und das macht mir Hoffnung, dass man so irgendwie leben kann, weil ich vielleicht so leben muss.

© Tine Fetz
Ei oder nicht Ei? © Tine Fetz

Manche Transpersonen sagen, es gibt keine Vorschriften, wie eine Transition auszusehen hat, geschweige denn, dass man überhaupt eine machen muss, um als trans anerkannt zu werden. (Die Frage ist hier auch, von wem anerkannt werden.) Es gibt aber auch die – liebevoll gemeinten – Begriffe trans egg und trans baby für Personen vor bzw. in frühen Phasen einer Transselbstrealisierung. Coates wäre demzufolge ein ewiges trans egg, ich vielleicht ein trans baby. Es gibt einen vorgezeichneten Weg.

Es gibt Studien, die den guten Outcome der meisten Entscheidungen für eine äußerliche Transition belegen. Coates hat Angst vor den sozialen Folgen einer Transition und vor medizinischen Eingriffen an sich. Es gibt so viele Gründe dafür und dagegen, viele Ängste, viel verinnerlichte Transfeindlichkeit. Durch meine Timeline geistern die Bilder von vermissten oder getöteten Transfrauen. Auf tumblr sehe ich Abschiedsbriefe von Jugendlichen, die trans sind und kein unterstützendes Umfeld haben. Dann Zuspruch, dass alle, die trans sind, trans genug sind. „Es wird besser“, können einige schreiben, die überleben und bei denen es besser wurde. Ich sehe glückliche Transpersonen, Vorher-nachher-Bilder. Man sieht ihnen an, dass das Coming-out und die Transition richtig ist. Ja, es wird besser, aber eben nur unter bestimmten Bedingungen. Und so wird auch der Text von Coates gleichzeitig gefeiert und verrissen. Beides zu Recht, denke ich, aber auch zu Unrecht. Es sind Ei-Gedanken und -Gefühle, die ihren Raum haben müssen und mit denen viel anfangen kann, wer sich in diesem Stadium befindet. Sie bekommen nun aber plötzlich einen sehr großen Raum und offenbaren durch die Begeisterung, die sie auch bei Cispersonen auslösen, ihre Schattenseite. Natürlich möchten viele vor Antritt einer langen, mühsamen Reise mit ungewissem Ausgang gerne hören, dass sie auch einfach zu Hause bleiben können und das bestimmt auch nett wird. Bleib doch einfach bei uns, so wie du bist, möchten Angehörige sagen. Auch die wohlwollendsten Eltern und Freund*innen legen diese Fallen aus. Das „so wie du bist“ ist aber gerade das Problem.

Ich lese kritische Antworten auf Coates und merke, wie meine Hoffnung auf ein richtiges Leben im Falschen zerbröselt. Sie machen Mut, eine Transition zu beginnen. Sie sagen, es ist eine gefährliche Illusion, Transpersonen zum Leben im Schrank zu ermutigen. Schwulen*lesbischen Menschen lege man so etwas ja auch nicht mehr nahe. Es sei vergiftete Scheinunterstützung. – Ich weiß nicht, was ich schlimmer finde, die Aussicht, so zu leben, oder die Aussicht, so nicht leben zu können.

Vor einer Weile habe ich mich gefragt, ob ich mein Geschlecht als nonbinär verstehe, einfach weil ein Passing als Mann nicht erreichbar ist. Ich wusste recht früh in meiner Beschäftigung mit Hormontherapie, dass ich von den wenigen gesundheitlichen Kontraindikationen, die es gibt, zwei habe. Ich bin nicht bereit, dieses Risiko einzugehen, weil ich Angst habe, das Ganze dann nicht durchzustehen und halbgar aus dem Ofen zu kommen oder gar nicht. Da schwingen verinnerlichte transfeindliche Gedanken und Ängste mit, ja. Andere Transpersonen gehen dieses Risiko „einfach“ ein, sagt mir eine Beraterin. Vielleicht bin ich nicht trans genug, sage ich mir. Weil trans nicht das Einzige ist, was ich bin, was wiederum vermutlich für alle Transpersonen gilt. Ich könnte mich für 5.000 Euro operieren lassen. Keine Ahnung, wie viel zufriedener mich das machen würde. 5.000 Euro, dafür bekommt man auch ein sehr gutes Pferd. Das würde mein Schrankleben auch verbessern. Nicht, dass ich 5.000 Euro hätte.

Ich versuche eine Transition ohne Hormone. Man kann so viel machen. Leute nennen mich bei einem anderen Namen und es ist schön, aber auch beängstigend, weil ich nichts vorweisen kann, um das zu rechtfertigen. Es ist der gute Wille der anderen. Ich traue mich nicht, mich einfach so mit männlichem Pronomen ansprechen zu lassen, weil es so kolossal unpassend zu meiner Erscheinung ist. Und wenn es jemand tut, horche in mich hinein und frage mich, ob mein Missempfinden daher kommt, dass es eben nicht passt, oder daher, dass ich kein Passing habe.

Es ist nicht schön, ein trans baby zu sein, rumzustrampeln und zu wissen, dass das vielleicht alles ist, was geht; daher vielleicht meine Empfänglichkeit für den Gedanken, wieder ein Ei zu werden. An diesem linearen Motiv ist etwas sehr Schmerzliches, wenn man keine „vollständige” Transition machen kann – und bei aller Solidarität und Liebe gibt es doch diese Vorstellung von Vollständigkeit und Vervollkommnung offensichtlich. Sie ist auch nicht falsch, sofern man sie nicht mit dem Arbeiten an sich selbst verwechselt, das allen Menschen lebenslänglich auferlegt ist.

Es ist gefährlich zu sagen, es gibt nur einen Weg. Es ist gefährlich zu sagen, es gibt keinen Weg. Es ist gefährlich zu sagen, dass jeder Weg gangbar ist. Ein Ei kann sich nicht selbst ausbrüten.


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