Revisiting Witzenhausen

Die Comicanthologie „Raus Rein“ rückt ein Kapitel wenig bekannter deutscher Kolonialgeschichte ins Bild.

Von Imke Staats

Den deutschen Kolonialismus in den Blick gerückt und ins (Comic-)Bild gesetzt – das haben die Herausgeber*innen Henrik Dorgathen und Marion Hulverscheidt zusammen mit Studierenden der Kunsthochschule sowie der (land-)wirtschaftlichen Zweige der Universität in Kassel. Ausgangspunkt ist die ehemalige Kolonialschule in Witzenhausen in Hessen, auf der Studierende auf das Leben in den Kolonien vorbereitet werden sollten.

Aus dem Comic über Selemani Bin Juma © Kunsthochschule Kassel / Florian Biermeier / Avant-Verlag

Das entmenschlichende Bild, das sie von den kolonisierten Untertanen zeichneten – gespeist aus populären Werbezeichnungen, Buchillustrationen und Fotografien –, findet sich bis heute als hartnäckiges rassistisches Klischee wieder.  „Nicht nur ist das koloniale Erbe Deutschlands per se schon mangelhaft aufgearbeitet“, heißt es in einem Text im Sammelband. „Mit den kolonialen Bildwelten – zumeist diskriminierende Darstellungen von Bewohnern der Kolonien – hat überhaupt nie ein wirklicher Bruch stattgefunden.“

Anhand von historischen Fragmenten haben die Autor*innen von „Raus Rein“ im Modus der „fiktiven Narration“ verschiedenartige Bild-Text-Kombinationen entworfen. Mittels Zeitleisten, Interviews, Fotos u. Ä. wird so ein folgenschweres Kapitel der deutschen Geschichte vergegenwärtigt.

rausrein_coverHendrik Dorgathen / Marion Hulverscheidt (Hg.) und Comicklasse Kassel: „Raus Rein“
Avant-Verlag, 178 S., 24,95 Euro, bereits erschienen

In einer – durchaus diskussionswürdigen – Zusammenstellung kolonialer und postkolonialer Darstellungen stehen sich Stereotype in Gebrauchsgrafiken (z. B. die Figur Lurchi, die auch Maskottchen der Salamander-Kinderschuhe ist) gegenüber. Mitherausgeber und Comiczeichner Dorgathen bringt Licht in die Geheimnisse der Herkunft dreier Totenschädel, die einst nach Witzenhausen gelangten. Wie sich zwei Kolonialschüler in den 1930er-Jahren völlig konträr entwickelten, zeigt die Geschichte „Kameraden“ von Anne Zimmermann.

Das Schicksal des geraubten und nach Deutschland verschleppten Jungen Selemani Bin Juma versucht Florian Biermeier zu rekonstruieren: Juma wurde als Hausdiener in deutschen Offiziershaushalten eingesetzt und war zuletzt Putzkraft in der Kolonialschule in Witzenhausen. Biermeiers Recherchen basieren auf einem Foto samt Besitzschein mit dem Reichsadlerstempel und dem Zusatz „Heil Hitler!“. „Raus Rein“ ist ein Buch, das zur kritischen Auseinandersetzung einlädt und dennoch unterhaltsam und grafisch spannend aufbereitet ist.


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