Mund aufmachen!

Weil Marginalisierung nicht davor schützt, andere zu diskriminieren.

02.08.16 > Azadê Peşmen
Profilfoto Azadê Peşmen

Azadê Peşmen

Azadê ist in Berlin geboren und aufgewachsen und hatte auch zum Studium keine Lust die Stadt zu verlassen – mal abgesehen von einem Auslandssemester in São Paulo und ein bisschen Feldforschung im Nordirak. Interkulturelle Kompetenzen hat sie aber erst in Köln erworben. Mittlerweile spricht sie der Integration halber ganz passabel Kölsch. Bier findet sie aber trotzdem ekelhaft und von dem Kulturschock, den sie sich am 11.11. geholt hat, erholt sie sich immer noch – ist aber ganz froh darüber, das in Berlin tun zu dürfen.
Ihre parallelgesellschaftliche Filterbubble befindet sich hier: @Azadethunda

Von Azadê Peşmen

EILMELDUNG: Menschen knipsen ihre Vergangenheit und die sich daraus ergebenden Positionen und Erfahrungen nicht einfach aus, wenn sie Territorialgrenzen übertreten. Ja, wirklich. Vor allem dann nicht, wenn ihnen alle zwei Sekunden, in der Uni, in der Schule, beim Bäcker, auf jeder Party,[…] weißgemacht wird, dass sie nicht von hier seien. Wenn sie ständig dazu gezwungen werden, zu Ereignissen und Entwicklungen eine Meinung zu haben, die zwar kilometerweit entfernt stattfinden, aber irgendwie trotzdem mit dem Schwarzkopf assoziiert werden. Ich hatte einen tollen Erdkundelehrer, ich glaube, er war auch einer derjenigen, die mir wohlgesinnt waren. Aber er war maßlos enttäuscht, als ich nichts über den aktuellen Stand des Assuan-Staudamms sagen konnte. Yani, I’m sorry, aber ich wusste in der achten Klasse nichtmal, dass er existiert, geschweige denn, dass er sich im Südosten der Türkei befindet.

azade_august

So wie ich wurden und werden viele dazu gebracht, Stellung zu beziehen. Manche machen das auch ganz bewusst und posten ihre Meinung dann auch. Seit dem gescheiterten Militärputsch in der Türkei brennt die Hütte in den sozialen Medien, vor allem in der türkischen und kurdischen Diaspora (womöglich auch bei anderen Minderheiten, die in der Türkei ansässig sind, aber mein Aramäisch und Armenisch ist leider nicht existent). Die Stimmung ist aufgeheizt und wurde nicht entspannter, als sich der deutschen Medienöffentlichkeit bekannte Personen wie Betül Ulusoy sich dazu äußerte.

Sie kämpft an vorderster Front gegen antimuslimischen Rassismus und bekommt nicht nur durch ihren Blog, auf dem sie ihre Erfahrungen als Muslima mit Kopftuch schildert, eine Menge Aufmerksamkeit. Als ihr ein Referendariat im Berliner Bezirksamt Neukölln wegen ihres Kopftuchs (zunächst) verwehrt wurde, löste sie damit eine erneute, bundesweite „Kopftuch“-Debatte aus. Jetzt schafft es Betül Ulusoy wieder Gesprächsthema zu werden, in dem sie sich zum Thema Militärputsch direkt äußerte: Sie wäre ganz froh darüber war, dass „wenigstens der Dreck ein wenig gesäubert (sic!) wurde“. Und nein, anders als die angehende Juristin es selbst behauptet ist dieses Wort nicht weniger negativ konnotiert, wenn es auf Türkisch da steht, wie Ulusoy argumentierte, denn leider hat Deutschland den Genozid an sich nicht für sich allein gepachtet, die Türkei hat da auch einiges vorzuweisen. Nachdem Ulusoy dafür kritisiert wurde, habe ich wiederum in sozialen Netzwerken von Kritik über die Kritik gelesen. Einige fanden es nicht richtig, Betül Ulusoy öffentlich zu kritisieren, das würde Rassist*innen in die Hände spielen.

Bring the Beat back: Genau diese Menschen warteten wahrscheinlich nur darauf, dass Betül Ulusoy einen „Fehler“ macht und fanden die angehende Juristin sehr wahrscheinlich vorher schon nicht so knorke. Und bloß weil Betül Ulusoy (zu recht) Problematisches, insbesondere AKP-Fangirling vorgeworfen wird, heißt das noch lange nicht, dass es keinen (antimuslimischen) Rassismus in Deutschland gibt. Die Kritik an ihren Postings und ihrer Position(en) delegitimiert nicht ihre Erfahrung als Frau mit Kopftuch in Deutschland. Natürlich ist es klar, dass auch Jurist*innen mit Kopftuch ein Referendariat im öffentlichen Dienst machen dürfen und es ist diskriminierend, wenn ihnen das untersagt wird (zumindest solange, wie Artikel vier Teil des Grundgesetzes ist). Trotzdem muss es möglich sein, sie für die Unterstützung Erdoğans und für ihre genozidale Wortwahl ankreiden zu können. Wer dazu keinen Ton sagt, steht sehr wahrscheinlich auf der türkischen Sonnenseite des Lebens. Für Minderheiten wie Alevit*innen, Aramäer*innen, Kurd*innen, Êzid*innen (und deren Identitätsüberschneidungen) war die Türkei auch vor dem gescheiterten Putsch kein Paradies auf Erden, im Gegenteil. Für Menschen, wie Betül Ulusoy, also vor allem weiße Sunnit*innen, halt schon.

Wie so vieles ist für mich auch Kritik intersektional und ich will sie äußern können, ohne das mir vorgeworfen wird, ich würde der Hegemonie in die Hände spielen. Denn das würde bedeuten, dass ich mir selbst einen Maulkorb auferlege, was schlicht und ergreifend einer kolonialen Kontinuität gleichkäme. Denn genauso wie bereits zu Anfang erwähnt: Menschen legen ihre Positionen und Erfahrungen nicht an Ländergrenzen ab. Und in Deutschland leben nicht nur weiße Türk*innen, sondern eben auch Communities, die von genau diesen Menschen verfolgt und diskriminiert werden. Letzteres passiert nicht nur in der Türkei, sondern auch hier und darüber muss auch geredet werden.

  • Joss

    Für mich differenziert sich durch die Diskussion das Feld. Meiner Meinung nach sollten politische Verzahnungen (wie auch die unspezifischere „Nähe zu“) offen ausgesprochen werden. Darauf wird Streit folgen und wie immer wird man dabei wieder differenzieren müssen, wo er die Sache betrifft und wo nur gegen die Person gehetzt (oder, was genau so dumm ist, gedaumenhocht wird). Bestenfalls werden wir am Ende mehr übereinander wissen, gewiss auch solches, was man vielleicht lieber nicht gewusst hätte. Erkenntnis ist eben was anderes als Daumenhoch und -runter. Aber das daraus resultierende unglückliche Bewusstsein über die Komplexität von Diskurs und Gesellschaft, ist nun auch keine so große Neuigkeit, dass man darunter zu Fall kommen müsste.


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