„Darf ich darüber überhaupt lachen?“

Conchita Wurst spricht im Interview über die Neuverfilmung der britischen Kultserie „Absolutely Fabulous“.

08.09.16 > Film & Serien

Von Jacinta Nandi

Okay, erst mal eine Geschichte von mir. Ich hatte mal eine deutsche Freundin, die sich aufgeregt hatte, weil ich nicht wusste, wo die Regenhose meines Sohnes war. „Ich weiß nicht, wo Lennys Regenhose ist“, sagte ich. „Was!“, schnaubte sie. „Ich bin mir nicht sicher, wo Lennys Regenhose ist“, wiederholte ich. „Das verstehe ich nicht“, sagte sie. „Ich weiß nicht, wo ich sie hingetan habe“, erklärte ich. „Was meinst du damit?“, sagte sie. „Vielleicht irgendwo hier in der Wohnung …“, sagte ich, „Oder vielleicht in der Kita. Oder vielleicht beim Papa. Ich bin mir unsicher.“ „Aber Jacinta!“, rief sie, „Es regnet doch draußen! Was hat bitte schön eine Regenhose in der Kita zu suchen, wenn es draußen regnet?“ Ich schaute sie verständnislos an. „Aber gestern, als ich ihn von der Kita abgeholt habe, hat es noch nicht geregnet.“ „Hast du nicht den Wetterbericht gelesen?“, fragte sie entsetzt.

„Nein“, sagte ich.

„Jacinta“, sagte sie, „da hört bei mir ehrlich gesagt der Spaß auf.“

Was ich damit sagen will: Die Grenze, bei der für deutsche Frauen der Spaß aufhört ist, na ja, ziemlich niedrig, würde ich sagen. Regenhose nicht finden, zum Beispiel.

Die Grenze hingegen für Patsy und Edina, die zwei Protagonistinnen der britischen Comedy-Serie  „Absolutely Fabulous“, die nun auch in Deutschland als Film herauskommt, ist ähm – die ist nicht so niedrig.

In den frühen 1990ern war die Serie in meiner Heimat Großbritannien ein Hit – und Hit ist wirklich nicht untertrieben. In dem Land, aus dem ich komme, war sie fast so beliebt wie „Sex and the City“ oder „Friends“. Patsy und Edina waren damals um die vierzig Jahre alt oder vielleicht eher fünfzig, Londoner-City-PR-Frauen, selbstsüchtige Alkoholikerinnen, die Nichtraucher-Taxis (damals neu) nicht leiden konnten, und natürlich beste Freundinnen.

Sie haben ordentlich gesoffen, gestritten, gekifft und gezankt. Edinas Teenagetochter Saffy, so normal, vernünftig und organisiert wie ihre Mama es nie war, fand ihre verrückte Mama samt bester Freundin unglaublich peinlich und lächerlich. Die Oma war ziemlich sarkastisch, die Sekretärin ein bisschen hohl.

Die Serie war großartig, um Conchita Wursts Lieblingswort zu benutzen. Hier in Deutschland kennt sie (leider) kaum jemand, außer schwule Männer über vierzig. Ich habe sehr unwissenschaftliche Umfragen durchgeführt, die zu diesem Ergebnis kamen. Und ich habe Conchita Wurst, die in der deutschsprachigen Version des neuen Filmes eine kleine Synchronsprecher*innenrolle hat, gefragt, warum.

Absolutely großartig: Popstar Conchita Wurst. © Wikimedia Commons/Ailura/CC BY-SA 3.0 at

Conchita, warum denkst du, war die Serie im deutschsprachigen Raum nicht so bekannt wie in England? Vielleicht waren Patsy und Edina zu verrückt für den deutschsprachigen Markt. Ich erinnere mich an eine Folge, in der die zwei in einer Mülltonne aufgewacht sind. Ich denke, deutsche Frauen identifizieren sich nur mit Saffy, oder? Als ich die deutsche Version geguckt habe, spürte ich, wie meine innere Deutsche mit Saffy leidet und von Edina und Patsy genervt war …
Sind alle deutschen Frauen mehr Saffy als Patsy oder Edina? Ich weiß nicht, ich würde es so nicht pauschalisieren. Ich glaube, dass es viele Patsys und Edinas in Deutschland gibt, und ich glaube sogar in Österreich. Aber vielleicht ist es so, dass es nicht die deutsche Mentalität ist, so etwas nach außen zu strahlen. Trotzdem denke ich, dass der Film erfolgreich sein wird, obwohl die Serie hier nicht wirklich bekannt ist! Denn zum einen ist der Film lustig und unterhaltsam, die Geschichte ist gut und die Charaktere sind großartig. Man muss die Sendung nicht kennen.

Meine einzigen deutschen Freunde, die Patsy und Endina kennen, sind schwule Männer über vierzig. Kanntest du denn die Serie überhaupt?
In Österreich kennt die Serie auch kaum jemand, aber ich kenne sie schon sehr, sehr lange. Das ist vielleicht ein bisschen ein Klischee, aber es ist auch wahr: Ein großer Teil der Fan-Base kommt aus der Gay Community. Viele meiner Freunde haben früh angefangen, diese beiden Charaktere zu zitieren und ihre Witze in Gespräche einzubauen. Ich habe mich immer gefragt, warum sie alle so lustig sind und wo diese Sprüche herkommen. Dann habe ich mir die Serie angeguckt, den Humor verstanden und mich sehr, sehr schnell in diese Show verliebt.

Wer ist dein Lieblingscharakter? Wen magst du mehr? Patsy oder Edina?
Natürlich mag ich Patsy am liebsten! Natürlich! Sie ist Fashion Chief Editor! Und ich denke, Patsy ist ganz, ganz, ganz großartig. Was ich an dem Humor und der Art und Weise, wie diese Show funktioniert, so liebe, ist, dass man manchmal in Situationen kommt, wo man sich fragt: Darf ich darüber überhaupt lachen? Weil es so ernst und so brutal ist. Und ich finde es toll, dass Jennifer Saunders es schafft, ein Drehbuch zu schreiben, das nicht nur wahnsinnig lustig ist, sondern auch Leute zum Denken animiert. Und für so etwas bin ich immer zu haben!

Ich finde, Joanna Lumley, die Darstellerin der Patsy, ist so eine tolle Komikerin, sie kann das so gut. Wie sie die Champagnerflasche leckt, als sie rauskriegt, dass der Champagner alle ist. Was war deine Lieblingsszene?
Ich finde die Stelle großartig, wo Patsy Jon Hamm trifft und er sagt zu ihr: Ich kann nicht glauben, dass du noch lebst …

Wem bist du am ähnlichsten? Deutsche Frauen sind Saffy, wer bist du?
Ich glaube, ich bin weder Patsy noch Edina besonders ähnlich, aber ich identifiziere mich am meisten mit Patsy. Dieser Egoismus! Meine beste Freundin muss zum Beispiel immer Zeit für mich haben. Auch wenn sie eigentlich zu tun hat. Sie würde ja gerne mit mir shoppen oder essen gehen, aber weiß eigentlich, sie müsste bei ihrem Freund zuhause sitzen und einen netten Fernsehabend machen. Und dann rufe ich an und sage: „Komm jetzt! Wir müssen!“ Also da finde ich mich wieder, ich bin doch oft ein bisschen unsensibel. Und egoistisch!

© 2016 Twentieth Century Fox
Saufen, streiten, kiffen, zanken, Yacht fahren: Die besten Freundinnen Patsy (Jennifer Saunders) und Edina (Joanna Lumley). © 2016 Twentieth Century Fox

Ich habe neulich im „Guardian“ ein Interview gelesen, in dem Jennifer Saunders behauptet, dass Patsy und Edina böse Menschen sind. Ich teile diese Meinung nicht. Was denkst du?
Sind Patsy und Edina böse Menschen? Ich würde nicht sagen, dass sie böse sind. Sie sind selbstsüchtig, aber sie haben gute Herzen. Es gibt viele Szenen zwischen Saffy und ihrer Mama, die Situationen zeigen, bei denen man denkt: „Hey, das darf eine Mütter zu ihrem Kind nicht sagen.“ Doch dann kommen Momente, in denen man merkt, wenn es hart auf hart kommt, sind sie eine Familie. Und das merkt man auch bei Patsy und Eddie. Sie lassen sich gegenseitig nicht im Stich. Sie sind total loyal miteinander. Das finde ich toll.

Mein bester deutscher Freund ist voll der „Absolutely Fabulous“-Fan und er behauptet, dass „AbFab“ hierzulande als Serie nicht erfolgreich war, weil Deutschland in den 1990ern nicht bereit für lustige Frauen war. Und er behauptet, Deutschland wäre immer noch nicht dafür bereit?
Ach was! Ich glaube nicht, dass Deutschland nicht bereit für lustige Frauen ist! Da gibt es Gegenbeispiele ohne Ende. Anke Engelke, Cindy aus Marzahn, Ina Müller! Also natürlich haben wir lustige Frauen – wir, sage ich, ich meine ihr! Ihr habt lustige Frauen! Wahnsinnig viele lustige Frauen! Die Stadien füllen! Sogar Barbara Schöneberger – sie ist zwar keine Komikerin, doch eine sehr lustige Frau. Mit ihrem Wortwitz ist sie total charmant und natürlich. Und ich liebe Ina Müller, wirklich. Die finde ich ganz, ganz großartig. Nein, ich bin nicht damit einverstanden, dass Deutschland noch nicht bereit ist für lustige Frauen, überhaupt gar nicht. Da bin ich anderer Meinung.

Ist dieser Film deiner Meinung nach ein feministischer Film? Sind Patsy und Edina Feministinnen?
Es ist schwierig zu sagen, ob Patsy und Edina Feministinnen sind oder nicht – vor allem ist die Frage schwierig zu beantworten, wenn man eigentlich ein Mann ist. Sie haben bestimmt etwas Feministisches an sich, denn sie spiegeln ein Frauenbild wider, das in unserer Gesellschaft abseits vom Fernsehen als zickig, arrogant und schwierig gezeichnet wird. Ich finde es doch ein feministisches Statement, wie diese Frauen mit einer Selbstverständlichkeit trinken, rauchen, Drogen nehmen und Spaß haben. Allein die Tatsache, dass wir darüber reden, ob Frauen das dürfen oder nicht, zeigt mir doch, wie revolutionär die Serie ist, die es schon seit den frühen 1990er-Jahren gibt. Und warum stößt es den Menschen auf? Weil wir in einer männerdominierten Welt leben. Es ist eigentlich schon ein Ausbruch aus dem Patriarchat, eine Emanzipation. Sie schämen sich nicht. Was ich auch großartig finde: Jennifer Saunders hat mit Patsy Stone einen der ersten transsexuellen Fernsehcharakter geschaffen. Es gibt immer wieder diese Szenen in der Serie, die zeigen, dass Patsy früher vielleicht ein Mann war … Es gibt Traumsequenzen, in denen sie als Mann erscheint. Abgesehen davon, ob das nur Fantasie ist oder nicht – das wurde thematisiert. Und das in den frühen 1990er-Jahren! Und sogar, wenn Patsy keine Transfrau ist, ist sie wie eine Dragqueen! Deswegen ist es so leicht für uns Dragqueens, sie darzustellen. Und ich finde, dass Joanna Lumley eine sehr tiefe Sprechstimme hat für eine Frau, oder?

Ein amerikanischer Kumpel von mir, der ziemlich queer unterwegs ist, fand den Film transfeindlich. Was denkst du dazu?
Bezüglich Transfeindlichkeit in dem Film: Prinzipiell verstehe ich, wenn man darüber sprechen möchte. Heutzutage werden alle immer sehr schnell offended und beleidigt. Und das finde ich eigentlich gut, weil man so über Missstände spricht. Aber man muss es auch schaffen, ein komödiantisches Stück als nur das zu sehen. Natürlich ist das auch schwierig. Ich verstehe, dass es ein sehr sensibles Thema ist. Aber ich glaube, dass es gut ist, dass man heutzutage über Misstände sprechen kann und dass es diese Konversation gibt.

„Absolutely Fabulous“
Regie: Mandie Fletcher
UK/USA 2016, 91 Minuten
Mit: Jennifer Saunders, Joanna Lumley, Jane Horrocks u.a.

Conchita Wurst spricht in der deutschsprachigen Synchronisation der Komödie das Model Jourdan Dunn. Der Film startet heute in den Kinos.

Willst du ab jetzt vielleicht mehr im Bereich Film arbeiten? Weißt du, was ich mir heute Früh unter der Dusche gedacht habe? Warum machst du nicht einen „James Bond“-Song? Das würde doch super zu dir passen!
Ich frage mich auch immer, warum ich nicht den nächsten „James Bond“-Song singen sollte! Aber es ist nicht so leicht, wie man denkt. Ich kann nicht einfach da anrufen und sie sagen, großartig, kommen Sie vorbei, machen Sie das. Es ist ein bisschen komplizierter. Und ich glaube, da werden Engländer*innen bevorzugt. Alicia Keys hat zwar einen gemacht, aber oft sind es Engländer*innen, die den „James Bond“-Song singen dürfen. Ich würde es auf jeden Fall super großartig finden, wenn ich es machen dürfte.

Conchita, du bist bestimmt die berühmteste Person, die ich jemals kennengelernt habe. Sogar meine Mama wusste, wer du bist, als ich ihr erzählt habe, dass ich dich interviewen werde. Wer ist die berühmteste Person, die du jemals kennengelernt hast?
Der berühmteste Mensch, den ich je kennengelernt habe, ist entweder Ban Ki-moon oder Kim Kardashian!


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