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Mensch und Technik, Mensch und Natur: stetige Verbindungen?

13.09.16 > Emine Aslan
Profilfoto Emine Aslan

Emine Aslan
Emine studiert Soziologie an der Goethe Uni Frankfurt am Main und engagiert sich ehrenamtlich gegen Rassismus und Mehrfachdiskriminerung. Sie bloggt auf Diaspora Reflektionen, gründete letztes Jahr die PoC Hochschulgruppe Mainz mit und ist Vorstandsmitglied bei #SchauHin. Postkoloniale Perspektiven sind für sie sowohl für Feminismen als auch andere Bereiche unverzichtbar.

Von Emine Aslan

Menschen beobachteten schon immer ihre Mitwelt. Beobachtungen werden zu Reflexionen. Zu Assoziationen. Zu Wissen. Erinnerungen. Erinnerungen sind Wissen. Unsere Beobachtungen inspirieren uns und fließen in unsere Kreativität ein. In Kunst. Literatur. Technik. Musik. Ohne das schwerelose Gleiten von Vögeln am Horizont wäre der Mensch nicht aufs Fliegen gekommen. Das Studium der Körper und Bewegungen von Vögeln und Meereslebewesen wurden in technische Erfindungen übersetzt. In vielerlei Hinsicht hängen Menschen und Technik miteinander zusammen. In stetiger Interaktion.

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Blauer Vogel Transformation. © Tine Fetz

Das Sichtbare, Wahrnehmbare macht unseren Horizont aus. Was womöglich der Grund dafür ist, dass wir beim Blick in den Himmel vom Horizont reden und im Hinblick auf persönliche Weiterentwicklung davon, unseren „Horizont zu erweitern“. Vielleicht reizen uns die Weiten des Himmels und die Tiefen des Ozeans deshalb so sehr.

Phänomene, die ausschließlich sozial zu sein scheinen, sind teilweise technisch. Phänomene, die ausschließlich technisch zu sein scheinen, haben ebenso soziale Eigenschaften.

Mensch und Technik spielen zusammen. Als eine sehr gute Veranschaulichung dient hierbei Social Media. Bereits in dem Begriff kommen soziales Geschehen und Technologie zusammen. Mensch und Technik kommen zusammen, um als Ganzes zu handeln. So gesehen agieren sie in gemeinsamen Handlungszusammenhängen. Ich lasse mich auf die „Bedienungsanleitung“ von Netzwerken wie Facebook, Twitter, Instagram oder Google ein. Google-Algorithmen und Sucheingaben von Menschen reagieren wechselseitig aufeinander.

Social-Media-Plattformen unterscheiden sich in der Art und Weise, wie sie bedient werden können, oder anders ausgedrückt: wie sie sich bedienen lassen. Facebook gibt mir vor, welche Funktionen mir zur Verfügung stehen, und macht sich hierbei ausführlich Gedanken darüber, wie soziale Interaktion abläuft. Wovon sie beeinflusst wird, und wie sie beeinflusst. Ebenso reagiert Facebook auf meine Befehle. Der unbeschriebene, weiße Kasten in meiner Facebook-Timeline fordert mich zur Kommunikation auf. „What’s on your mind?“ Ich schreibe. Klicke auf „posten“. Facebook greift diesen Befehl auf. Programierer*innen und Nutzer*innen dieser Plattformen folgen den gleichen Kommunikationsregeln. Der Mensch fließt in die Technologie ein. Die Technologie in den Menschen.

Wenn Menschen in die Technologie hineinschreiben, in Handlungsanweisungen und Algorithmen ein Stück von sich selbst einschreiben, ihre menschlichen Assoziationen technisieren, geben sie dann auch etwas von sich ab?

Der Vogel schießt uns ab.

Manchmal erscheinen mir die Funktionsweisen von Social Media menschlicher als die Menschen, die mit ihnen hantieren. Von den Vögeln lernten wir das Fliegen, doch das blaue Vögelchen scheint die fließende Informationsverarbeitung besser zu beherrschen als wir. Wir lehrten den blauen Vogel die fluiden Dynamiken von Diskursen. Etwa, dass Diskurse nicht fix sind. Menschen auch nicht. Dass die Aktualität einer Information ausschlaggebend für die Diskussion eines Phänomens ist beispielsweise. Vielleicht müssten wir den blauen Vogel, den wir lehrten, wieder zu beobachten lernen.

Die aktuellste Information finden wir ganz oben. Das zuletzt geteilte Wissen kann dem zuerst geteilten Wissen widersprechen, ohne ein Widerspruch zu sein. Eine neue Information tritt ein.

Sie rückt im Feed nach oben.

Die andere rückt weiter nach

unten.

Zwei Tweets,

drei Tweets,

vier Tweets.

Fünf,

sechs,

sieben,

acht …

Mit den Kreisen, die er zieht, kreiert dieser Vogel globale Verbindungen. Die Globalisierung schreibt sich in ihn ein und er zwitschert in die Globalisierung hinein. In stetiger Interaktion.

Gezwitscher für Gezwitscher verändert sich der Diskurs. Eine Information, die fünf Minuten zurückliegt, kann bereits an Relevanz verloren haben. Ein Feed ist nicht fix. Er stagniert nicht. Bewegt sich, schnell, dynamisch, live. Wandelbar. Interaktiv. Lernend, wachsend, in Transformation.

Ein Mensch ist nicht fix. Er stagniert nicht. Bewegt sich, schnell, dynamisch, live. Wandelbar. Interaktiv. Lernend, wachsend, in Transformation.

„You can’t put your finger on who I am. I can’t put my finger on who I am.“ (Beyoncé)


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