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Autorin kaputt

Heute erscheint leider keine Kolumne. Über mental health und neue Selbstständigkeit.

04.10.16 > Olja Alvir
Profilfoto Olja Alvir

Olja Alvir

Geboren 1989 in einer eher unbekannten Stadt im Herzen Jugoslawiens. Flüchtete 1992 nach Österreich und schlägt sich dort als „Jungautorin, Jugošlawienerin und Journalistin“ durch. Ihr autobiografischer Debütroman „Kein Meer“ erschien 2015 im zaglossus Verlag und handelt von Krieg, Flucht, Narben und was man mit den Faschos in der eigenen Familie tun soll. Studiert auch irgendwas in Wien und traut sich nicht mehr nachzuzählen, wie lange schon. Twittert wankelmütig unter @OljaAlvir.

Von Olja Alvir

Tja, jetzt habe ich wieder einmal einen Abgabetermin verpasst. Bis zur letzten Minute dachte ich, ich schaffe es noch, einen Text zusammenzuwürfeln. Wäre ja nicht so, als hätte ich keine Ideen oder keine Übung! Dieses Thema, über das ich schreiben will: ein Knaller. Darüber hat überhaupt noch niemand in dieser Form geschrieben. Und dann noch der interessante Blickwinkel, aus dem ich es analysieren will! Ein provokanter Satz hier, eine kreative Formulierung dort, ein nachdenklich machender Appell. Wörter, Absätze, Satzzeichen, Dings, fertig. Nun, so einfach ist es doch nicht und heute ist wieder einer dieser Tage, an denen ich mich nicht einmal dazu aufraffen kann, das Textprogramm zu öffnen.

©Tine Fetz
Heute erscheint leider keine Kolumne. ©Tine Fetz

Ich ärgere mich, weil ich seit mehr als sechs Jahren als „freie Journalistin“ und „freie Autorin“ (die „Freiheit“ in diesen Begriffen ist wirklich von höchster Zynik) arbeite und erstens mich selbst und zweitens das Business nun endlich mal besser kennen sollte. Ich merke doch, dass es mir gerade nicht besonders gut geht, wieso sage ich nicht rechtzeitig Bescheid? Ich weiß doch, dass andere Leute in der Redaktion von mir abhängig sind, auf meine Meldung warten, planen und weiterarbeiten müssen. „Ich schaffe das schon noch irgendwie“, denke ich mir. Und oft tue ich das auch, zu oft. Doch diesmal erscheint keine Kolumne.

„Hätten Sie rechtzeitig Bescheid gesagt, Frau Alvir“ – so fängt die Antwort meiner Exchefin bei einer österreichischen Tageszeitung an. Ich hatte ihr geschrieben, dass ich krank wäre und meinen Text leider doch nicht rechtzeitig liefern würde. Ich lese weiter und mein Magen verkrampft sich: Sie hoffe, ich würde mir mit solcher Schleißigkeit in Zukunft nicht noch mehr Türen verschließen. Mit diesem Satz schließt sie die Zusammenarbeit. Für mich heißt das: eine existenziell wichtige Einkommensquelle weniger. Und warum? Weil ich „geistesgestört“ bin.

Jep, there, I said it: Ich habe eine psychische Erkrankung. Und die macht es mir manchmal unmöglich zu arbeiten und leider auch oft unmöglich abzuschätzen, wann ich denn arbeiten können werde und wann nicht.

Ich sage jetzt nicht, welches Problem ich genau habe, damit die Hater im Internet weiter spekulieren und sich genüsslich über mich die Finger zerreißen können. So ist das nämlich als Frau im Internet: Wer eine Meinung hat und diese auch noch zu äußern wagt, wird von Maskulinisten und Trollen sowieso, aber auch vom Mainstream als „geisteskrank“ abgestempelt. Dank meinem langjährigen Image als Bad Girl der österreichischen Twitteria habe ich solche Ferndiagnosen bereits von unzähligen Leuten – meist übrigens (glücklicherweise nur in Ösistan bekannte) Kolleg*innen – bekommen.

Und liebe Twitteria, ihr wisst ja, wer ihr seid: Wie geht’s euch jetzt, wo ihr wisst, ihr habt recht? Seid ihr zufrieden? Ist das eine Genugtuung? Wie cool ist die Situation, von dem her, was sie euch persönlich zu geben scheint und wie überlegen ihr euch beim Tippen der Tweets fühlt? Genauso cool wie Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zu verarschen oder eher so leiwand wie Personen mit Krebs zu verhöhnen? Was können wir für unsere Krankheiten und warum verdienen wir dafür eure Verachtung? Welch erbärmlich und eugenisch-faschistoide innere Haltung verbirgt sich hinter der Vorstellung, kranke Menschen seien weniger wert – oder euch unliebsame Menschen seien automatisch krank?

Wobei, krank ist vielleicht nicht das richtige Wort. Ich benutzte die abfälligen Begriffe gerade, um zu illustrieren, wie – nun ja, kränkend – solch sprachlicher Umgang miteinander ist. In Wirklichkeit bevorzuge bei diesem Thema die englischen Begriffe „mental health“und „illness“ – auf Deutsch klingt alles so fürchterlich Nazi. Auch von neurotypisch vs. neuratypisch kann man sprechen, um Menschen mit Verhalten und Gedanken, die gesellschaftlich als „normal“ konstruiert werden, von Menschen mit neurologischen „Auffälligkeiten“ oder Besonderheiten abzugrenzen.

Jedenfalls zieht sich das Stigma, das auf Personen mit psychischen Problemen lastet, durch alle Klassen der Gesellschaft und betrifft Menschen jeder Herkunft, jeden Alters, jeder Arbeitssituation.

Doch sogenannte „neue Selbstständige“ wie ich und viele andere Menschen, die für Geld schreiben, sind besonders schutzlos. Ich bin von vielen Sozialleistungen ausgeschlossen, weil ich mich nicht in einem herkömmlichen Beschäftigungsverhältnis befinde. Ich kann nicht in Krankenstand gehen. Ich kann nicht auf Kur gehen. Wenn etwas in der Welt passiert, dann habe ich zu schreiben, sonst kann ich nicht essen.

Diese Verachtung von Menschen mit „mental illnesses“ schießt bei jedem Terroranschlag oder grausamen Verbrechen pauschal in die Höhe – man denke nur an die Diskussion eines Berufsverbots für Depressive nach dem Germanwings-Absturz. Dann gibt es auch noch das Phänomen, dass Faschisten bzw. Rechten von mitunter auch politisch gebildeten Menschen einfach unterstellt wird, „die meinten das gar nicht so“, sondern seien nur geistig krank. Und hierüber kommen wir gleich zu noch einem Problem: Wir brauchen uns gar nicht einbilden, in der Linken und queerfeministischen Blase gäbe es diese Feindlichkeit nicht. Da gibt es die einen – meist orthodoxe Marxist*innen –, die beispielsweise finden, Depressive sollten sich „einfach mal einkriegen“. Außerdem würde es dann im Kommunismus eh keine psychischen Probleme mehr geben, weil die ja allesamt den Fesseln des Kapitalismus und dem Zwang zur Lohnarbeit entspringen. Dieser Wunsch nach einer Gesellschaft ohne Kranke, nach einer Eliminierung von Krankheit, ist gruselig enttarnend. Aber jetzt höre ich auf, bevor ich noch selbst mit der unerträglichen Hufeisen-Logik anfange, nach der rechts und links die „gleich schlimmen“ Enden eines Spektrums sind, die immer näher zusammenwachsen.

Lasst uns zu den Feminist*innen kommen: Diese vergessen in hitzigen innerfeministischen Streits auf die Solidarität mit Behinderten und versäumen es, bei ihren Events inklusiv und barrierearm zu arbeiten. Dass Behinderung und Inklusion ein feministisches Thema sind, ist bei Weitem noch nicht bei allen angekommen und so kämpfen die Aktivist*innen getrennt und an verschiedenen Fronten statt gemeinsam und gestärkt.

Ach, und der Klassiker, in den alle unisono einstimmen: Wir mit psychischen Problemen würden – egal, wie wir damit umgehen – „ja nur Aufmerksamkeit wollen“. Dieser Vorwurf ist einer der vielen, vielen Gründe, warum ich lange mit diesem Coming-out gewartet, gehadert habe. Aber wisst ihr was? Fuck yeah, will ich Aufmerksamkeit! Ich will Aufmerksamkeit, Rücksicht, Einbindung. Ich habe mir das nicht ausgesucht, dass ich so bin. Ich bin es satt, meine Krankheit verstecken zu müssen und von meinen Kolleg*innen und dem beruflichen Milieu deshalb benachteiligt zu werden. Natürlich habe ich jetzt Sorgen, gerade wegen eines solchen öffentlichen Bekenntnisses erst wieder Diskriminierungserfahrungen zu machen. Aber im Internet denken ja sowieso alle schon, ich sei „crazy“, so I might as well use it to say:

Es muss (nicht nur) im Journalismus Platz geben für das Versäumen von Deadlines. („Deadline“ – welch vielsagende Formulierung das schon ist!) Man könnte sogar argumentieren, dass der Deadline-Journalismus mit dem Internet und dem 24h-News-Zyklus ohnehin, äh, stirbt. Es muss Raum geben für zweite und dritte Chancen, Überarbeitungen, Redigieren, Flexibilität. Füllen wir den momentan leeren, abgründigen Begriff „neue Selbstständige“ mit Verständnis für unkonventionelle, neuratypische Lebenswelten und Arbeitsformen. Bis zum Kommunismus, halt.

***

Puh. Ein bisschen kriege ich Angst, was jetzt passiert. Aber Angst habe ich eigentlich eh immer. Jetzt lege ich mich hin und träume, dass nichts passiert. Hoffentlich schaffe ich den nächsten Text, dann.

 

  • Dana DeLuxe

    Danke-

  • Emma Neuroth

    Ein ganz, ganz toller Text, wunderbar ehrlich und auch entwaffnend und auf deutsch noch viel zu selten zu finden in der medialen Welt!

  • Lucas Andreas

    Ok, normalerweise schreibe ich zu solchen Themen nichts weil es unglaublich schwierig ist als „Gesunder“hier ein Urteil abzugeben. Es gibt aber soch etwas was mich an diesem Text ein wenig stört. Ich habe eine gewisse Zeit ihre ständigen Dispute auf Twitter und sonstigen Sozialen Medien mitverfolgt und ich glaube, dass ein ständiger Konfrontationskurs mit allem und jeden der psychischen Gesundheit nixht unbedingt zuträglich ist. Man sieht es ja in diesem Text wieder mal. „Wer denkt jetzt was über mich? Ich weiß eh was jetzt passiert“ usw. Gut, dass ist vielleicht eine Art das Geschehene auf Textebene zu verarbeiten, aber es lässt doch tiefe Einblicke zu.

    Egal, darum geht es mir im Grunde genommen gar nicht. Ich finde nämlich, dass hier ein bisschen Äpfel mit Birnen vermischt werden. Das arbeiten als Journalist ist wahrscheinlich eine der fordernsten und mittlerweile undankbarsten Arbeite die es gibt. Hut ab vor jedem Menschen der sich das unter diesen beschissenen Bedingungen noch antut.

    Um auf den Kern meiner Antwort zurückzukommen: Es gibt Berufe die aufgrund einer psychischen Erkrankung quasi nicht mehr ausgeübt werden können. Wenn Dauerstress bereits vorhandene Symptome noch mehr verstärkt und man sich damit in eine Spirale des „unglücklich seins“ begibt hat keine Partei etwas davon. Nicht die Redakteurin, die in so einem Umfeld krankheitsbedingt nicht arbeiten kann und auch nicht der Verlag, der unter enormen Druck steht und das natürlich auf alle MitarbeiterInnen überträgt. Ich bin der Meinung, dass man hier auch so ehrlich zu sich selbst sein muss das zu erkennen. In Krankenstand zu gehen löst das Problem nicht. Das prekäre Arbeitssituationen scheisse sind und den Stress zusätzlich noch verstärken ist klar, aber es ändert nichts am grundsätzlichen Problem, dass diese Branche eben so ist und ganz ehrlich, es gibt viele viele andere Jobs die noch 100 mal beschissener sind. Ein menschliches Arbeitsumfeld zu haben ist wohl neben guter Gesundheit das beste was man sich wünschen kann, aber wer mit einem Arm rudert wird sich ewig im Kreis drehen.

  • Jasmin Koppe

    Ich finde den Artikel sehr mutig. Schwäche im öffentlichen Diskurs zuzugeben, bedeutet für mich Stärke zu zeigen. Stärke ist ein Attribut, dass normalerweise einem „männlichen“ Rollenbild zugesprochen wird, das Gegenteil von Schwäche bedeutet. Die Umkehrung ist erst einmal irritierend. Doch werden patriarchale Wert- und Moralvorstellungen, die Heteronormativität hinterfragt, wird deutlich, das wir unsere eigenen Bedürfnisse in der herrschenden Geschlechterordnung oft unterdrücken. Die eigene Schwäche zuzugeben, bedeutet die eigene Überforderung zu akzeptieren und eröffnet die Möglichkeit, sich Unterstützung zu suchen oder an dem eigenen Verhalten etwas zu ändern.


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