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Girls just wanna have Sexualpädagogik

Für eine emanzipierte Kommunikation über Sex.

08.11.16 > Olja Alvir
Profilfoto Olja Alvir

Olja Alvir

Geboren 1989 in einer eher unbekannten Stadt im Herzen Jugoslawiens. Flüchtete 1992 nach Österreich und schlägt sich dort als „Jungautorin, Jugošlawienerin und Journalistin“ durch. Ihr autobiografischer Debütroman „Kein Meer“ erschien 2015 im zaglossus Verlag und handelt von Krieg, Flucht, Narben und was man mit den Faschos in der eigenen Familie tun soll. Studiert auch irgendwas in Wien und traut sich nicht mehr nachzuzählen, wie lange schon. Twittert wankelmütig unter @OljaAlvir.

Von Olja Alvir

Heute muss ich ganz klischeehaft anfangen: Damals, vor dem Internet, da haben wir jungen Leute uns noch ganz anders Informationen beschaffen müssen. Was Sex angeht, war beispielsweise das bekannte Jugendblatt „Bravo“ mit seiner Dr.-Sommer-Sektion tatsächlich eine wichtige Quelle. Hier konnten Leser*innen der Redaktion unverblümt Fragen stellen, die sie sich sonst niemanden zu fragen trauten. Allein schon die Tatsache, dass eine solche Rubrik derart wichtig war, zeugt übrigens von den Fehlern und Mängeln der Reproduktions- und Sexualpädagogik an Schulen.

© Tine Fetz
So stellt sich die „Bravo“ dein erstes Mal vor. © Tine Fetz

Eine besonders häufig beantwortete Frage war hierbei jegliche Variation von: „Wie ist das erste Mal – und tut es weh?“ Dr. Sommer, beziehungsweise die „Bravo“-Redaktion, beantworteten diese Fragen immer mit den gleichen Stehsätzen: Mädchen hätten ein Jungfernhäutchen, das beim ersten Mal Penetration vom Penis durchbrochen werde. Es könne hierbei zu Blutungen kommen. Wenn das Jungfernhäutchen reiße, tue es meistens (ein bisschen) weh.

Mir hat das erste Mal nicht wehgetan. Auch habe ich nicht gespürt, wie etwas gerissen wäre, Blutung gab es ebenfalls keine. Ich dachte immer, das wäre ein extrem seltener Glücksfall gewesen, doch heute weiß ich, dass die Ausführungen von Dr. Sommer sich lediglich in (cis-)sexistische Tendenzen in der Sexualpädagogik einreihen, die Menschen mit Vulva – aber auch anderen – Unrecht tun. Warum wird Mädchen versichert, dass Sex wehtut (und dass sie es trotzdem über sich ergehen lassen sollen), und Jungen nicht eingetrichtert, dass sie gefälligst vorsichtig sein sollen? Ganz abgesehen von der Tatsache, dass ein „erstes Mal“ auch ohne Penis auskommen kann, aber gut.

Die Sexual- und Reproduktionspädagogik im deutschsprachigen Raum ist einerseits einige Jahrzehnte lang überholt, und andererseits wird dieses ohnehin schon schüttere Wissen – in Schulen wie auch in den Medien – sehr mangelhaft kommuniziert. Komplett fehlen Ausführungen zu Gender als soziales Konstrukt sowie die Information über verschiedene Begehren und Identitäten. Wenn Homosexualität auch nur mit einem Wort erwähnt wird, dann ist das schon als progressiv zu verstehen. Während trans- und intergeschlechtliche Personen sowie Narrative in der Unterhaltungsindustrie Hollywoods langsam Einzug halten, wissen die meisten jungen (und alten) Menschen nun doch nicht so genau, was sie ausmacht und mit welchen Definitionen gearbeitet wird. Mittlerweile gibt es feministische Bilder- und Kinderbücher, die um einiges fortschrittlicher sind als Biologie-Lehrbücher mit ihren kruden Ausführungen zu „männlicher und weiblicher Anatomie“.

Die „Bravo“ spielt heute, als Printmedium, eine immer kleinere Rolle, aber das Problem bleibt dasselbe. Viele junge Menschen lernen wohl hauptsächlich über das Internet und Pornografie über Sex. Ohne Pornografie verteufeln zu wollen: Eine realistische und vertrauensvolle Quelle für dieses gerade in der Pubertät brennend interessante Thema stellt sie wohl nicht dar. Auch die Eltern mögen nicht immer die beste Ansprechpartner*in sein – soweit vorhanden. Viele werden Sex auch noch immer durch die herkömmlichste und wohl umwegreichste Methode kennenlernen, durch Trial and Error nämlich. All diese Umstände führen dazu, dass patriarchale Machtstrukturen und vor allem auch Rape Culture zementiert werden.

Das Wichtigste – beim Sex wie auch im Leben – würde ich mich trauen zu sagen: Information und Kommunikation. Für eine fortschrittliche, feministische Praxis, und zwar hopp, hopp! Denn Sexualpädagogik bedeutet auch Emanzipation.

  • Cicatrice

    „Warum wird Mädchen versichert, dass Sex wehtut (und dass sie es trotzdem über sich ergehen lassen sollen)“ – da ich selbst unterrichte, dazu eine kleine Anmerkung: normalerweise wird heutzutage gesagt das es etwas weh tun kann und zu einer kurzen Blutung führen kann, das dies allerdings nicht passieren muss und das es möflich ist das das Hymen auch bei anderen Gelegenheiten schon reissen kann, auch unabhängig von Sex. Zumindest in Deutschland ist das die gängige Art wie an Schulen darüber aufgeklärt wird. Der Grund warum die Erwähnung dabei nicht ausgelassen wird das es schmerzhaft sein kann liegt in der Überlegung das es darauf vorbereitet wenn es in der Praxis wirklich schmerzt, umgekehrt: würde man das nicht erwähnen, dann ist die Überlegung das es sehr viel irritierender sein kann wenn es dann doch zu einer Blutung und Schmerzen kommt. Ich persönlich weiss das es schwierig ist – denn natürlich kann niemand vorhersehen welche Situation die Schülerin tatsächlich in der Praxis erwarten wird – um sich abzusichern weist man darauf hin das es auch unangenehm sein kann. Und ich kann aus persönlicher Erfahrung sagen – ja, man fühlt sich ein wenig mulmig dabei das so auszudrücken, denn was einem völlig klar dabei ist: die negativen Geschichten sind diejenigen welche Schülerinnen am meisten beschäftigen. Dennoch denke ich es wäre nicht richtig das einfach nicht zu erwähnen und die Jugendlichen in dieser Hinsicht unvorbereitet zu lassen, da es ansonsten zu noch mehr Unsicherheiten kommen würde.

    Was die Besprechung von Homosexualität bzw sexueller Identitäten angeht: in den deutschen Bundesländern wird daran gearbeitet die Richtlinien zur Sexualerziehung entsprechend zu modernisieren, das Problem hierbei liegt allerdings weniger bei den Lehrern oder den zuständigen Institutionen – diejenigen welche eine Reform versuchen zu Blockieren sind zur Zeit hauptsächlich Elternverbände im Verein mit diversen religiösen Unterstützergruppen und obskuren weiteren ideologischen Vereinen. Und diese bringen tatsächlich einiges an Druck zu stande auf LehrerInnen. In dem Bundesland in dem ich lebe beispielsweise kam es vor zwei Wochen erst zu einer leider erstaunlich grossen Demonstration gegen den neuen Lehrplan zur Sexualerziehung.

    Daher – ich verstehe warum es den Schulen vorgeworfen wird nach teilweise veralteten Lehrplänen zu unterrichten, allerdings glaube ich es ist etwas zu einfach die Schuld allein den Schulen zu zu schieben. Natürlich gibt es immer irgendwo noch einen Lehrer der gedanklich 1950 stehengeblieben ist, im Grossen und Ganzen ist aber nach meiner Einschätzung das Gros der Kollegien durchaus sehr progressiv eingestellt und begrüsst ein Update der vorgegebenen Unterrichtsrichtlinien. Die Blockade ebendieser allerdings kommt meist von anderen Stellen und diese Leute sind leider sehr schwer argumentativ zu erreichen. So sehr ich mir auch wünschen würde das es schneller voran gehen könnte mit der Sexualpädagogik in der Praxis – ich fürchte um die Bevölkerung tatsächlich zu überzeugen das die Schule in dieser Hinsicht auch einen Bildungsauftrag hat wird es Zeit brauchen.

  • sim2908

    Rape Culture existiert nicht.
    Wenn sie es tut bitte zeige mal auf Beweise wie Gesetze.
    Wenn nicht höre auf solche Lügen zu verbreiten.

    MFG


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