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All Cops are TV-Stars

Wie Fernsehkrimis und Cop-Realityshows – unter anderem – der Legitimierung von Polizeigewalt dienen.

06.12.16 > Olja Alvir
Profilfoto Olja Alvir

Olja Alvir

Geboren 1989 in einer eher unbekannten Stadt im Herzen Jugoslawiens. Flüchtete 1992 nach Österreich und schlägt sich dort als „Jungautorin, Jugošlawienerin und Journalistin“ durch. Ihr autobiografischer Debütroman „Kein Meer“ erschien 2015 im zaglossus Verlag und handelt von Krieg, Flucht, Narben und was man mit den Faschos in der eigenen Familie tun soll. Studiert auch irgendwas in Wien und traut sich nicht mehr nachzuzählen, wie lange schon. Twittert wankelmütig unter @OljaAlvir.

Von Olja Alvir

Ich habe ja Krimis immer schon gehasst. Ich hab einfach nie verstanden, was den Reiz ausmacht. Als Kind mit zu viel Fantasie (und einem Kriegstrauma) waren mir auch Darstellungen von Gewalt und insbesondere Tod sehr unangenehm und sind es bis heute. Außerdem verstehe ich die anhaltende Faszination mit dem Detektivspiel nicht: Es gibt genau drei Arten, einen Krimi aufzuziehen, und nach spätestens zwei Mal sehen müssen die doch langweilig werden: Entweder ich kenne den Killer nicht und sehe zu, wie der Kommissar (hier ist alles mal nicht gegendert, aus Gründen) Hinweise zu ihm zusammenpuzzelt, oder ich kenne den Killer und beobachte die Interaktion zwischen den beiden (à la „Columbo“) oder es geht eigentlich gar nicht um das Verbrechen, sondern um die ach so interessante, mysteriös-dunkle Psyche und das konfliktgeladene Leben des Genie-Kommissars (Wallander u.a.).

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Überall nur nette Polizist*innen. © Tine Fetz

In jedem Fall – und das gilt besonders für deutschsprachige Formate wie „Tatort“ (igitt, Tatort) – sind die Bezugspersonen immer die Kommisar*innen beziehungsweise Polizist*innen. Sie sind immer die Good Guys auf der Suche nach Gerechtigkeit, die für deren Vollstreckung halt auch mal handgreiflich werden, Vorschriften umgehen und Gesetze brechen müssen. Es ist ja für einen guten Zweck, nicht wahr? Die Zuseher*innen sollen sich mit ihnen identifizieren und sich gemeinsam mit den Polizist*innen durch Szenariotechnik moralischen Fragen stellen und, im Idealfall, zu denselben Antworten kommen. Weil die Funktion dieser Fernsehsendungen eben ist, dass das Publikum mit den Einsatzkräften sympathisiert, fallen auch viele andere Dinge weg. Da kann es schon Verhöre geben, die nicht aufgezeichnet oder protokolliert werden, da kann sich die Polizei schon ohne richterliche Genehmigung Zugang zu Räumen und Informationen verschaffen. Von Papierkram, der die Polizeiarbeit eben auch ausmacht, oder Rechtsbelehrungen und Anwält*innen kaum eine Spur, lediglich als stupides Ärgernis vielleicht.

Die Popularität von Krimis wird, besonders wenn es um Belletristik geht, oft mit einem „menschlichen Hang zum Morbiden“ erklärt. Vielleicht liegt sie aber auch einfach nur in einem bürgerlichen Bedürfnis, das vermeintlich Gute gewinnen zu sehen und beruhigt zu werden.

Noch deutlicher wird die Funktion von Polizeifernsehen – in der Bevölkerung „Respekt“ und Nähe zur Exekutive zu erzeugen – im Rahmen der sogenannten „Scripted Reality“. „Verdachtsfälle“, „Auf Streife“ und „Der Blaulicht Report“ heißen diese Formate, bei denen Kamerateams vermeintliche Polizeikommandos bei vermeintlichen Einsätzen und Zugriffen begleiten. Hier reicht die Palette von komplett erfundenen Szenarien mit Laienschauspieler*innen bis zu Sendungen, bei denen real existierende Polizeieinheiten und Produktionsfirma beziehungsweise Kanal sehr eng zusammenarbeiten (als Beispiel sei hier die österreichische ATV-Produktion „24 Stunden“ genannt). Dieser eigentlich wesentliche Unterschied wird aber bei oberflächlicher Betrachtung nicht klar, es bleibt intransparent, welches Material mit welcher Intention (nicht) gesendet wird.

Diese Shows sind also, ganz anders als die Ästhetik gerne vermuten lässt, keinesfalls Dokumentationen, sondern bewusst und sorgfältig ausgesuchtes PR-Material. Andernfalls würden sie nie gesendet, denn die Polizei ist sehr vorsichtig mit den Informationen, die sie über sich, ihre Methoden und inneren Vorgänge ausgibt. Wie so oft in der Unterhaltungsindustrie gilt außerdem: Eine realistische Darstellung wäre das Langweiligste, was eins sich vorstellen kann.

Hiermit sind also beide Genres – „Realität“ und Fiktion – abgedeckt, wunderbar. Um Fehlverhalten von Polizist*innen und eine Kritik daran geht es im Fernsehen wie in der Literatur allerdings kaum beziehungsweise nur im absoluten Ausnahmefall.

Und das Ganze hier ist jetzt nicht nur obergescheites Gerede von Staatsfeindin Nr. 1 Olja, sondern dazu gibt es durchaus auch kritische wissenschaftliche Studien und Untersuchungen. Die Wirkung von Medien auf gesellschaftliche Einstellungen ist der Polizei selbstverständlich bewusst, daher versucht sie auch, in Zusammenarbeit mit dem Business ihre Narrative selbst in die Hand zu nehmen und/oder korrigierend einzugreifen.

Denn eine Bevölkerung, die kein Vertrauen in ihre Exekutive hat, ist ein potenzielles Pulverfass. In diesem Sinne: Ein Hoch auf den kritischen Mediengenuss, auch und besonders, wenn es wortwörtlich um „guilty pleasures“ geht …

 

 


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