Racial Profiling Roulette

Im Racial Profiling Roulette findest Du heraus, wie gefährlich du bist!

17.01.17 > Leyla Yenirce
Profilfoto Leyla Yenirce

Leyla Yenirce

Leyla Yenirce (*1992) lebt und arbeitet als Autorin, Filmschaffende und Künstlerin in Hamburg. In Niedersachsen aufgewachsen, folgten dort ein Studium der Kultur der Metropole plus Einschreibung an die Kunsthochschule. Sie ist Gründerin des intersektionalen Musikkollektivs OneMother und arbeitet derzeit an einem Film über die yezidische Diaspora in Deutschland.

Von Leyla Yernice

Disclaimer: Galgenhumor

Du bist Schwarz, Brown oder of Color und fragst dich, wie gefährlich du bist, obwohl du keinen Terror ausübst oder nicht jemandem ungewollt an den Arsch fassen möchtest? Du weißt, dass es rassistische Kontrollen schon länger als zwei Silvester gibt? Dir ist bewusst, dass nicht nur Männer, sondern auch Frauen betroffen sind, denn bei Passkontrollen hattest du als Frau schon öfters unangenehme Erfahrungen gemacht, weil du nicht-weiß aussiehst? Finde heraus, wie gefährlich du bist! Das Racial Profiling Roulette verrät dir, wo du auf der Verdächtigungsskala stehst.

Vielleicht ist es eine Gruppe Verdächtiger, vielleicht sind es einfach Menschen in alltäglichen Situationen. © Tine Fetz
Vielleicht ist es eine Gruppe Verdächtiger, vielleicht sind es einfach Menschen in alltäglichen Situationen. © Tine Fetz

1.) Ein Schwarzer Mann: Worst case
Ganz schlecht. Als Schwarzer Mann strahlst du Gefahr aus. Du giltst als wild und ungebändigt. In deinem Leben kämpfst du nicht für Gerechtigkeit (Martin Luther King), schreibst Bücher (Frederick Douglass) oder machst sozialkritischen Rap (Masta Ace), sondern verkaufst Gras auf der Straße und jagst deutschen Frauen hinterher, am besten solche, die dich dann am Ende heiraten, damit du in Alemannia bleiben darfst. By the way, dass du Gras auf der Straße verkaufst, hat natürlich nichts damit zu tun, dass du sozial benachteiligt wirst und nicht legal arbeiten darfst. Es muss ja schließlich dein Traumjob sein, dir im Winter die Füße abzufrieren, um fremde Menschen in Parks anzusprechen.

2.) Frau mit Kopftuch: Geht so
Als Frau bist du erst mal ungefährlicher als ein Mann. Aber du trägst ein Kopftuch. Dies ist ein Indiz dafür, dass du vorhast, in den Dschihad zu ziehen, auch wenn du als Browne Frau dein Hijab schon länger trägst als jene weiße Konvertitin, die sich auf einmal radikalisiert und vollverschleiert als Stellvertreterin der muslimischen Gesellschaft auserkoren fühlt. Sprichst du gebrochenes Deutsch, geht man davon aus, dass du unterdrückt wirst. Denn: Kopftuch = Islam = rückständig. Sprichst du aber fließend Deutsch und studierst an einer Universität, ist das auch nicht so sympathisch, weil sich die Behörden dann fragen: Komisch, sie wirkt doch so modern, warum trägt sie dann ein Kopftuch? Da stimmt doch etwas nicht. Verdächtig, ab in die Kontrolle.

3.) Schwarze Frau: Nicht so gut
Ähnlich wie bei Schwarzen Männern bist du verdächtig, weil du Schwarz bist, aber glücklicherweise hast du keine ungebändigte Libido, die dich steuert. Deswegen bist du nur halb so gefährlich, aber immer noch Schwarz. Dass du Filmemacherin bist (Amelia Umuhire) oder Gedichte in deutscher Sprache verfasst hast (May Ayim), bringt auch nicht viel, denn dein deutscher Pass passt nicht zu dir. Kleidung spielt bei einer Schwarzen Frau genauso wenig eine Rolle wie Artikulation oder künstlerische Befähigung. Dein Aussehen reicht als Verdächtigungsmerkmal aus, darum geht es ja schließlich und nicht um die Persönlichkeit. Deswegen ab in die Kontrolle. Aber keine Sorge: Rassismus existiert in Deutschland ja nicht, wie einst ein Professor zu jener in Klammern erwähnten Schwarz-deutschen Poetin sagte.

4.) Browner Mann oder Man of Color: Gerade ganz schlecht
Du bist nicht weiß, aber auch nicht Schwarz, deswegen bist du nur halb so gefährlich, doch immer noch Ausländer, unabhängig von deiner Staatsangehörigkeit. Seit Daesh läufst du als Person mit arabischem Phänotyp den Schwarzen Männern den Rang ab, wenn es um verdächtiges Aussehen geht. Trägst du einen Vollbart, kannst du dir die Pole Position ergattern. Für dich haben sich die Behörden sogar einen eigenen Namen einfallen lassen und dich kreativ „Nafri“© (Copyright Deutsche Polizei) getauft.

5.) Woman of Color oder Browne Frau: Noch so ok, aber trotzdem anstrengend
Du bist eine Browne Frau oder Woman of Color. Auch du wirst kontrolliert, aber hast es noch ein bisschen einfacher als eine Schwarze Frau, weil deine Haut zum Teil heller ist. Du studierst beispielsweise Kulturwissenschaften in Lüneburg und dein Kleidungsstil erweckt den Eindruck einer harmlosen Studentin. Bei einer Kontrolle wirst du ziemlich schnell wieder freigelassen. Es sei denn, du trägst zu deinen neuen Nikes und deinem Oversize-Mantel ein Kopftuch, dann musst du zurück zu Punkt 2. Solltest du nicht nach KuWi-Studentin aussehen, sondern eher nach Sozialbau, wirst du als waschechte Kanakin eingestuft. In die Kontrolle musst du eh. Diese dauert dann ein bisschen länger als bei der Studentin, aber außer den psychologischen Schäden, die so eine Kontrolle hinterlässt, kommst du noch glimpflich davon, schließlich braucht man ja jemanden, die für Mindestlohn arbeitet und Toiletten putzt.

6.) Schwarze, Browne und Person of Color mit deutschem Namen: Besser kein Gesicht zeigen
Du besitzt einen deutschen Namen, aber bist nicht weiß. Überraschung: Du wirst kontrolliert. Beim Begutachten deines Passes stellen die Behörden jedoch fest, dass du nicht Mohammed, Ayşe oder Obalola heißt, sondern Sybille oder Heiko, weil a) ein Elternteil weiß ist oder b) deine Eltern einen deutschen Namen zwecks Integration gewählt haben oder c) ihnen der Klang vom Namen Klaus besser gefiel als der von Kemal. Das erzeugt Irritation, weil Aussehen und Name vermeintlich nicht zueinander passen und damit das normative Kategorisierungssystem ins Wanken gerät. Ein deutscher Name ist trotz Verwirrung von Vorteil, weil es vor allem um das Vorlegen von Papieren geht. Bei Bewerbungen beispielsweise solltest du das Foto einfach weglassen, weil dann niemand weiß, dass du nicht weiß bist. Immerhin klingst du ja so.

7.) Person, die als weiß durchgeht, aber einen nicht-deutschen Namen besitzt: Besser nur Gesicht zeigen
Du heißt beispielsweise Pegah Marashi und hast einen iranischen Vater und eine weiße Mutter. Dein Name ist nicht deutsch, aber du hast Glück gehabt und viel von den Genen deiner Mutter geerbt und gehst als weiße durch. In der Fachsprache wird das als White Passing bezeichnet. Nicht vergessen: Hier gilt dasselbe wie bei Punkt 6 nur umgekehrt. Bei einer Bewerbung also lieber das Foto mit rein machen, damit die Menschen sehen, dass du weiß aussiehst, auch wenn dein Name nicht so klingt und ein Teil deiner Identität wahrscheinlich auch nicht auf Weißsein beruht. Aber Letzteres interessiert eh nur wenige; komplexe Identitäten existieren nämlich nicht.

Du hast deine Typen nicht gefunden? Keine Sorge, die Liste geht ewig weiter.

Das Racial Profiling Roulette kann immer wieder neu gedreht werden. Es ändert sich je nach gesellschaftlichen und politischen Ereignissen. Verdächtig bleibst du aber stets, auch als Frau, unabhängig von Silvester oder Massenarschgrabscherei. Eine deutsche Staatsangehörigkeit ist ebenso gleichgültig wie ein akademischer Grad, ein adretter Kleidungsstil oder eine lupenreine Vita. Das Ich-hab-doch-nichts-gemacht-Argument zählt nicht, wenn es um das Aussehen eines Menschen geht. Verdächtigt werden Männer noch eher, aber Frauen haben es an der Passkontrolle genauso schwierig, vor allem wenn sie Schwarz sind oder ein Kopftuch tragen.

Ähnlich wie bei der sexuellen Belästigung von Frauen in öffentlichen Räumen erfolgt die Thematisierung von Racial Profiling viel zu spät. Struktureller Sexismus und institutionalisierter Rassismus existieren leider nicht erst seit heute, sie finden auch nicht nur im Rahmen von Großereignissen statt, sondern nahezu grenzenlos und permanent. Egal ob Typ 1, 2, 3, 4 und so weiter. In einem Selektionsverfahren, das nach Aussehen operiert, sind Personen ohnehin alle gleich, nämlich wie schon so oft erwähnt in diesem Text: nicht weiß.