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Nie wieder Deutsch

Hinter Forderungen nach besseren Deutsch-Kenntnissen steht vor allem eines: Rassismus.

24.01.17 > Olja Alvir
Profilfoto Olja Alvir

Olja Alvir
Geboren 1989 in einer eher unbekannten Stadt im Herzen Jugoslawiens. Flüchtete 1992 nach Österreich und schlägt sich dort als „Jungautorin, Jugošlawienerin und Journalistin“ durch. Ihr autobiografischer Debütroman „Kein Meer“ erschien 2015 im zaglossus Verlag und handelt von Krieg, Flucht, Narben und was man mit den Faschos in der eigenen Familie tun soll. Studiert auch irgendwas in Wien und traut sich nicht mehr nachzuzählen, wie lange schon. Twittert wankelmütig unter @OljaAlvir.

Als Migrant*in gibt es keinen Grad an Deutschkenntnissen, der jemals genug beziehungsweise zufriedenstellend sein könnte. „Gebrochenes“ (Man beachte bei dieser Redewendung die Symbolik!) Deutsch ist – besonders deutlich zu sehen in den Medien – lachhaft, niederträchtig, gar gefährlich. Gut Deutsch sprechenden Migrant*innen wird vorgehalten, dass sie bestimmte Dialekte oder umgangssprachliche Ausdrucksweisen nicht verstehen,  Akademiker*innen, die besser Deutsch sprechen und verstehen als imaginierte Durchschnittsdeutsche, sind aber auch suspekt (und nehmen wahrscheinlich auch noch heimischen Fachkräften den Job weg).

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„Seid doch einfach mal leise mit eurem Deutsch.“ © Tine Fetz

Als publizierte Autor*in kann ich ebenfalls garantieren, dass mein Schreiben und das all jener, die als „nicht dazugehörig“ konstruiert werden, immer unter anderen Gesichtspunkten gesehen wird, also setzen sich diese verqueren Vorstellungen selbst in die Sphäre der (Sprach-)Kunst fort. Meine Komma- und dass-Fehler wiegen doppelt und dreifach so viel, meine Grammatik und Rechtschreibung wird immer zehn Mal eingehender geprüft werden und jeder meiner Tippfehler wird als weiterer Beweis dafür gelesen, dass ich nicht dazugehöre.

Durchsage: Es gibt keine (verfassungs-)rechtliche oder gesetzliche Verpflichtung, Deutsch (auf einem bestimmten Niveau) zu sprechen! Eine solche Vorschrift wäre unmöglich durchzusetzen, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass viele weiße Deutsche von potenziellen Sanktionen oder Konsequenzen betroffen sein würden …

Wer demokratische Werte wie Meinungs- und Religionsfreiheit unterstützt, muss auch jene unterstützen, die die Meinung haben, nicht Deutsch lernen zu wollen, lieber Englisch lernen zu wollen, oder sich statt mit einem obskuren Alpendialekt zufriedenzugeben, lieber drei sinotibetische Sprachen anzueignen. Sorry, aber isso.

Hier sieht eins ganz deutlich: Es geht gar nicht um Sprachkenntnisse – sonst würden Politiker*innen und Meinungsmacher*innen nach den regelmäßig schlechten PISA-Ergebnissen konsequenterweise auch für „deutsche“ Kinder Sprachkurse fordern müssen. Nein, das ist purer Rassismus. Es geht bei der ganzen Kontroverse nicht darum, dass Bürger*innen Deutsch sprechen sollen, sondern Migrant*innen.

Und so haben wir die gesamte Scheinheiligkeit der Debatte schon enttarnt, ohne auch nur ein einziges Mal auf das sogenannte „Zusammenleben“ eingegangen zu sein. Aber auch die Sorgen um gegenseitiges Verständnis und „friedliche“ Kommunikation lassen sich leicht in ihrer Fadenscheinigkeit enttarnen. Niemand braucht wirklich Deutsch, um zurechtzukommen. Fragt Gastarbeiter*innen, die in den 1950ern, 60ern und 70ern in den deutschsprachigen Raum gekommen sind. Erstens hat sich da in der Politik und der Gesellschaft niemand darum geschert, ob „die“ Deutsch können: Es galt, billige Arbeitskräfte zu rekrutieren. Diese Menschen leben teilweise nun schon 30 Jahre in Ländern, ohne die Amtssprache zu können – und ehrlich gesagt gönne ich es ihnen.

Die Konzentration, der Fokus, ich möchte fast sagen die Hysterie um Deutschkenntnisse kam erst mit dem (Wieder-)Einzug des Rechtspopulismus in die Parlamente und der Faschisierung der Mitte. Billige Arbeitskräfte gibt es nun dank Austeritätspolitik auch wieder genug, jetzt gilt es, wieder „Andere“ zu konstruieren und diese zu marginalisieren. Die (deutsche) Sprache eignet sich wegen ihrer Allgegenwärtigkeit und ihrer emotionalen Komponente gut fürs „Nation Building“, daher nun der Kreuzzug gegen die Mehrsprachigkeit.

Warum sollte die gesamte Last eines sogenannten „friedlichen Zusammenlebens“ auf Migrant*innen liegen? Wieso übersetzen Ämter ihre Formulare nicht auf mehr Sprachen, um ein fucking „friedlicheres Zusammenleben“ zu fördern? Wieso gibt es in einer globalisierten Welt so wenige mehrsprachige Schulen? Kurz mal ernsthaft: Wieso sollen die Deutschen nicht mal ausnahmsweise Arabisch lernen, wenn es sie so extrem stört, in der Straßenbahn nicht zu verstehen, was die Jugendlichen besprechen? Das würde doch – um ausnahmsweise mal ganz kapitalistisch zu argumentieren – auch mal Arbeitsplätze schaffen, nicht?

In meiner Sprache kommt das Wort für „Deutsch“ von der slawischen Wurzel für „stumm“. Back to the roots: Seid doch einfach mal leise mit eurem Deutsch.

Übrigens: Seit 2014 gibt es das Projekt „Formulare verstehbar machen“, in dem Freiwillige deutsche Amtsformulare in die gewünschte Sprache übersetzen.

 

  • Feĺix Fotƶnhobĺ

    du gönnst den gastarbeitern, dass sie nach dreißig jahren in deutschland nicht deutsch können?


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