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Angst, Verzweiflung und Hoffnung

Eindrücke vom Women’s March am 21.1.2017.

30.01.17 > Welt

Von Kim DeFranco und Allison Redmon

Kim DeFranco:

Schon oft bin ich diese Strecke gefahren. Es ist ein kurzer Trip, nur eine Stunde lang von Baltimore, Penn Station, nach Washington D.C., Union Station. Aber diesmal war die Fahrt anders, fühlte sich anders an. Ich saß inmitten einer Gruppe von Menschen, die schockiert waren, außer sich, angeekelt und angsterfüllt. Ich saß stillschweigend zwischen diesen sehr verschiedenen Frauen aller Altergruppen. Sie diskutierten, woher sie anreisten und warum sie anreisten. Diese großen Frauengruppen fielen auf – aber zwischendrin saßen auch immer wieder Männer. Alle hatten Schilder im Schlepptau. Ich fand, es war ermutigend zu wissen, dass wir nicht alleine sind. Dass das hier für diese Männer genauso wichtig ist wie für uns.

16326047_10158130273020416_2101010293_oKim DeFranco (rechts) ist Marketing Managerin in Baltimore. Sie hat einen Bachelor in Kommunikationswissenschaften mit Schwerpunkt Public. Sie ist Musikerin, liebt Sport, Spaß und Schokolade.

Allison Redmon (links) ist Kommunikationsberaterin in Washington D.C. Sie hat einen Master in Transportation Policy und Journalismus. In ihrer Freizeit spielt sie geschlechtergemischten Fußball und beschwert sich über das Wetter.

 

In der Schule wurde mir die Geschichte der Frauenbewegung beigebracht: Susan B. Anthony, Elizabeth Katy Stanton, der 19. Artikel unserer Verfassung (Anm. der Redaktion: begründet 1920 das Frauenwahlrecht), all diese Meilensteine eben. Aber was sie dir in der Schule nicht beibringen, sind die Momente dazwischen. Die Momente, in denen Menschen, Frauen, den Kampf aufnehmen und für ihre Rechte demonstrieren. Für ihre Rechte. Rechte sind doch etwas, für das kein Mensch jemals kämpfen sollte.

© Chris Williams Zoeica Images
© Chris Williams Zoeica Images Women’s March 2017 Washington DC, Saturday January 21st 2017

Erst vor Kurzem, während einer Diskussion zum politischen Klima in unserem Land, saß ich mit einer 19-jährigen Freundin und ein paar Freunden zusammen, und wir erklärten den Männern, was Feminismus bedeutet. Wir sind beide sehr unabhängig und stellten fest, dass wir die negativen Assoziationen mit dem Begriff Feminismus nie verstanden haben. Als wir den Männern erklären, mit welchen negativen Konnotationen das Wort Feminismus belegt ist und welche Rolle Sexismus in unserem Leben spielt, verstanden sie plötzlich, warum uns die Wahl von Trump so unglaublich frustriert hat. Am Ende waren sie kurz davor, sich bei uns zu entschuldigen.

Als wir unser Ziel, die National Mall vor dem Capitol, erreichten, war ich von meinen Gefühlen vollkommen überwältigt. Wir konnten nur bis zur Ecke 12th Street und Independence Avenue vordringen und mussten über einen Kilometer von der Bühne entfernt stehen bleiben, weil der Platz so voll war. Obwohl wir und viele andere so weit weg vom Geschehen entfernt standen, jubelte die Menge den Rednerinnen zu: Wir hörten den eindringlichen Appell der Bürgermeisterin von Washington D.C., Muriel Bowser: „Lasst uns in Ruhe.“ Die Reden der Planned-Parenthood-Präsidentin Cecile Richards, der Schauspielerin Ashley Judd und der Feministin Gloria Steinem. Sie alle ermutigten uns, gaben uns ein Gefühl von Stärke und Verbundenheit. Stundenlang standen wir Seite an Seite. Frauen, Männer, alt, jung, Schwarz, weiß, Familien mehrerer Generationen – bis wir irgendwann merkten, dass es einfach nicht losgeht mit der Demo, obwohl die Menge laut schrie: March, March. Eine Frau, die in einem Baum saß – wir nannten sie liebevoll die Baum-Lady –, überblickte den Platz und rief uns Updates zu, denn aufgrund der Menschenmenge konnten wir nichts sehen und das Mobilfunknetz war zusammengebrochen. Von ihr erfuhren wir, dass statt der erwarteten 200.000 Menschen die doppelte Anzahl gekommen war, und dass das der Grund war, warum es nicht voranging. Die Menge jubelte vor Freude über diese Info. Die Route wurde geändert, damit der Marsch stattfinden konnte. Es war einfach ein überwältigendes Gefühl. Massen von Menschen überall.

Die Menschen hatten durchaus verschiedene Gründe zu demonstrieren, und trotzdem hatte ich das Gefühl, dass wir alle miteinander verbunden sind. Meine Gründe sind deine Gründe und umgekehrt. Und dass unsere Gründe alle eine gemeinsame Botschaft haben: Kein Mensch ist weniger wert als der andere.

Ich sprach mit Menschen aus dem ganzen Land, sogar aus Alaska und Kalifornien. Allen ging es um Frauenrechte, sie brachten aber auch andere Anliegen auf den Tisch, die genauso wichtig sind: sexualisierte Gewalt, Shaming, LGBTIQ-Rechte, der systemische Rassismus in unserem Land, Religionsfreiheit, Hate Speech, bezahlbare Krankenversicherung. Eine der schönsten Antworten kam von einer Frau aus Austin, Texas, die meinte, sie wäre hier, um sich den Perspektiven derjenigen auszusetzen, die Dinge erlebt haben, die sie glücklicherweise selbst nicht hat ertragen müssen. Es war eine unglaubliche Erfahrung. Die Energie, die ich von der Hinfahrt bis zu meiner Rückreise am Abend gespürt habe, ist – egal wie sich diese Bewegung entwickelt – ehrlich und wahrhaftig.

Während die Ungewissheit, was als Nächstes passiert, uns alle mit ständiger Angst erfüllt, ist klar geworden, dass wir in der Verantwortung sind, Widerstand zu leisten. Wir haben ein neues feministisches Gesicht: Es ist alterslos, hat kein Geschlecht und keine Hautfarbe.

Allison Redmon:

Wie so viele andere Amerikaner*innen in meinem Alter habe ich den Morgen des 9. November mit einem Gefühl von Enttäuschung und Beklemmung begonnen. Ein Gefühl, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. In den nur zwei darauffolgenden Monaten wurden Korruption und Verstöße gegen unsere politischen und gesellschaftlichen Regeln so allgegenwärtig, dass ich begann, sie hilflos hinzunehmen. Die „alternativen Fakten“, die wir von der zukünftigen Administration präsentiert bekamen, sie wurden zu schnell zur Normalität.

Sogar als ich die lange Schlange an der U-Bahn erreichte – eine Schlange an der U-Bahn hatte ich in meinen sechs Jahren als Bewohnerin Washingtons noch nie gesehen –, änderte sich nichts an meiner Mutlosigkeit. Und doch wurde ich immer aufgeregter, als mir die Gesänge der Menschen, die in der Schlange standen, entgegenschlugen. Als wir dann schließlich dicht beieinander an der Independence Avenue standen und mit gespitzten Ohren den Rednerinnen dabei zuhörten, wie sie ihre Botschaft von Gleichheit und Hoffnung verkündeten, wurde auch ich von Gefühlen überwältigt. Ich fühlte Dankbarkeit, ich fühlte Ernüchterung, ich fühlte Wut, ich fühlte Hoffnung, ich fühlte Angst.

Doch zeitgleich mit diesem Gefühl der Ermächtigung wusste ich – wie viele andere Teilnehmer*innen –, dass manche Menschen uns verachten und verurteilen. Sogar Menschen, die mir wichtig sind. Am meisten enttäuschten mich die abwertenden Kommentare von Freundinnen und Familienmitgliedern, denen unser Verhalten peinlich war. Doch darauf haben andere Frauen bereits eloquenter, als ich es jemals könnte, geantwortet.

Ich habe sie daran erinnert, dass wir auch für sie demonstrieren. So wie es amerikanische Frauen seit 100 Jahren tun. Es ist mir eine Ehre, auch für diese Frauen aufzustehen und zu demonstrieren, für alle Frauen, alle marginalisierten Gruppen in den USA und weltweit .

Ich kann nur einen kleinen Teil beitragen. Mich gegen einen Tyrannen wie Präsident Trump zu stellen, um ihm zu zeigen, dass wir nicht schweigen werden.


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