Fit für den Widerstand

Wie reagiert eine*r denn auf Gewalt? Mit Argumenten? Gegengewalt? Einer Schelle?

07.02.17 > Tove Tovesson
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Tove Tovesson

Geboren 1986 in der Nähe von Frankfurt. Studium der Sonderpädagogik und Angewandten Ethik im Ruhrgebiet und in Thüringen. Ein Jahr Landleben bei Hamburg, nun Berlin. Twittert unter @nichtschubsen. Patronus: Seekuh.

Von Tove Tovesson

In der fünften Klasse schubste mich ein Mitschüler auf dem Weg in die Pause, so dass ich beinahe die Treppe hinunterfiel. Ich drehte mich um und holte mit geballter Faust zum Gegenangriff aus, aber auf meiner Kopfhöhe war irgendwie eine Bremse, meine Faust wollte nicht weiter, obwohl ich wütend war. Ich stand einen Moment so da, dann löste sich die Szene auf. Ich habe noch nie jemanden ins Gesicht geboxt.

Welche Mittel sind für den Widerstand recht? © Tine Fetz
Welche Mittel sind für den Widerstand recht? © Tine Fetz

Es gibt dieses Motiv vom Kind, das endlich groß genug ist, um den prügelnden Vater mit Gewalt in seine Schranken zu weisen. „Und das war das letzte Mal, dass er die Hand gegen mich gehoben hat.“ Kann funktionieren, aber sich zu wehren ist eigenartigerweise weder leicht noch besonders triumphal. Meist kriegt man selbst trotzdem eins aufs Maul. Es kann auch richtig schiefgehen. Deshalb greift die findige Hausfrau in dieser Situation zu Rattengift oder dem Jagdgewehr. Der Befreiungsschlag gegen einen Tyrannen ist gefährlich und will geplant sein. Diese vermeintliche Hinterhältigkeit ist notwendig, weil Überlebenden von Gewalt meist die Lust an der Gewalt fehlt, die für den Tyrannen gerade den Kick ausmacht. Die Gewalt ist nicht Selbstzweck, sondern Notwehr. Es soll aufhören.

Rattengift! Schusswaffen! Pfui. Die Mär, dass ich nun „genauso schlimm“ wie der Angreifer bin, sitzt tief. Auch ist die Motivation des Angreifers zu bedenken – schlimme Kindheit? Kennt es nicht anders? Ist nur neidisch? Will dich auf sein Niveau runterziehen? Krank? Komplexe? Hast ihn provoziert? Meint es nicht so? Boys will be boys? Bis das nicht alles geklärt ist, lieber stillhalten. Bevor ich einem Schläger Unrecht tue, lasse ich mich und andere sicherheitshalber zu Mus klopfen, denn nichts ist schlimmer als Ungerechtigkeit! Es gibt immer zwei Seiten einer Geschichte. Außerdem stehe ich da sowieso drüber.

Okay, irgendwie funktioniert das so nicht. Es ist eigenartig, welcher Eiertanz aufgeführt wird, um die „Ursache“ und damit Verantwortung für Gewalt in allen und allem, außer den Tätern und einer Gesellschaft, die Gewalt duldet und sogar mit Macht unterfüttert, zu verorten. Diese Gewalt zu pathologisieren ist zynisch, markiert Krankheit doch die Abweichung von der Norm. Das neue Mantra „This isn’t normal“ in Reaktion auf jede rassistische und sexistische Abscheulichkeit, die das Trump-Regime ersinnt, irrt. This is normal. Macht legt die Norm fest. Rassismus und Sexismus sind auch nicht neu. Antisemitismus ist nicht neu. Die Welt war nicht letzte Woche noch in Ordnung. Grenzen sind Gewalt, ob nun schamlos mit Mauern oder taktvoll mit Bürokratie hergestellt. Das Gegenteil von einer Mauer ist nicht keine Mauer, sondern eine Einladung an alle.

Gegengewalt stört nicht den Frieden, bestenfalls den schönen Schein. Schwierig wird es, wenn für die meisten erst mit der Gegengewalt das Problem beginnt. Wenn der Protest das Ärgernis ist, statt von dort den Blick auf das Eigentliche lenken zu lassen. Protest soll stören. Liebe hilft nicht gegen Gewalt, Gegengewalt hilft gegen Gewalt. Sie ist gerechtfertigt. Das widerspricht vielem, was ein Mensch lernt, der in einer Gesellschaft aufwächst, in der der Staat das Gewaltmonopol beansprucht.

Deshalb ist es ein Lernprozess, die existierende Gewalt als solche wahrzunehmen und sich mit Gegengewalt vertraut zu machen. Wenigstens zu googeln, wie man einen Nazi boxt, ohne sich die Hand zu brechen. Babysteps. Mir Gedanken zu machen, wie ich als Zeug*in auf rassistische Beleidigung oder Belästigung in der Öffentlichkeit reagiere. Wie ich reagieren will! Welche Unterlassung ich mir durchgehen lasse. Wie ich meine Nachbarin unterstütze, wenn ich durch die Wohnzimmerwand höre, wie Geschirr fliegt. Wie ich mit meiner Familie umgehe, wenn sie die AfD wählt. Denn wenn ich eine Sorge der Bürger*innen ernst nehmen will, dann die, dass sich viele offenbar nicht befugt und in der Lage sehen, Tyrannen und Menschenfeinde wegzuboxen. Hierbei wird das eigene milde Unbehagen über das Existenzrecht anderer gestellt, das so ungehindert immer weiter negiert werden kann. Ich zwinge damit die Leidtragenden, die ohnehin keine Wahl haben, sich damit zu befassen oder nicht, in größere Gefahr. Es ist eine ohrenbetäubende Absage an sie. Das Privileg der Ignoranz und Unbetroffenheit von Gewalt ist abzulehnen, wo nur möglich – und dieses Mögliche ist viel, wenn wir viele sind.


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