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Wann ist es sinnvoll, feministische Diskussionen loszutreten?

Und wann sollte man sich die Energie lieber sparen? Über Self Care und politische Kämpfe.

21.02.17 > Olja Alvir
Profilfoto Olja Alvir

Olja Alvir
Geboren 1989 in einer eher unbekannten Stadt im Herzen Jugoslawiens. Flüchtete 1992 nach Österreich und schlägt sich dort als „Jungautorin, Jugošlawienerin und Journalistin“ durch. Ihr autobiografischer Debütroman „Kein Meer“ erschien 2015 im zaglossus Verlag und handelt von Krieg, Flucht, Narben und was man mit den Faschos in der eigenen Familie tun soll. Studiert auch irgendwas in Wien und traut sich nicht mehr nachzuzählen, wie lange schon. Twittert wankelmütig unter @OljaAlvir.

Von Olja Alvir

Neulich geriet ich an der Uni in eine sehr unangenehme Situation, die mich dazu brachte, viel darüber nachzudenken, wann eins als politischer Mensch und insbesondere als Feminist*in sich zu Wort melden sollte – und wann es vielleicht klüger und gesünder ist, sich die Energie aufzuheben.

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Manchmal wird ein Uniseminar zum verminten Gelände. © Tine Fetz

Die Szene: Es ist die vorletzte Einheit eines Unikurses zum Thema Migration in der zeitgenössischen Literatur – halt so typisch mein Ding. Nach einem Semester Lektüre sollten wir in Gruppen nach selbst gewählten Kriterien eine „Top-3-Liste“ der besprochenen Autor*innen erstellen. Aus den gesammelten persönlichen Highlights sollten wir uns dann am Ende irgendwie auf einen „ersten Platz“ einigen.

Jetzt mal abgesehen davon, dass Kunst um die Wette zu machen oder als kompetitiv zu verstehen ein haareraufender Unsinn ist, dass derartige Bewertung von Autor*innen nicht der Sinn des Kurses ist und dass mitnichten mit irgendwelchen mir nachvollziehbaren Kriterien gearbeitet wurde – ganz abgesehen also von all diesen rein inhaltlichen und wissenschaftlichen Einwänden, die es gegen so ein „Ranking“ in meinem Literaturkurs gab, war da noch ein Problem: Als Nummer eins stellte sich nach fragwürdigen Punktevergaben, Überraschung Überraschung, ein alter Mann heraus; ein traditionsreicher Autor der österreichischen Zeitgeschichte mit monarchischem Anstrich.

Naturgemäß meldete ich mich: In einem Kurs, wo viel über Transkulturalität, Essenzialismus, postkoloniale Studien und dergleichen gesprochen wurde – also in einem durchaus informierten, sensibilisierten und auch akademischen Umfeld – könne die Ironie nicht entgehen, dass vor den vielen, vielen Frauen, die wir gelesen hatten, ausgerechnet der Mann „den Sieg“ davontrage? Sicherlich könnten wir uns in diesem Fall darauf einigen, zu einem gerechteren Ergebnis zu kommen?

Auf einen Schlag verwandelte sich der gesamte Raum – dreißig, vielleicht vierzig Leute – in alle feministischen Diskussionen und gesellschaftlichen Diskurse gleichzeitig. Da wurden Begriffe, Konzepte, Meinungen, aber auch Vorurteile und Anmaßungen durch die Luft geworfen, dass es nur so stürmte. Dies wäre alles nicht prinzipiell schlecht gewesen, wenn die Wortmeldungen nicht ausschließlich an mich – die feministische Spaßverderberin – gegangen wären. Plötzlich ergriffen auch die wenigen Männer im Raum, die sonst immer still gewesen waren, lautstark das Wort. Einer drohte, wegen meinen „diskriminierenden“ Kommentaren den Raum zu verlassen. Persönliche Angriffe gegen mich folgten; ich selbst schaffte es daraufhin nicht mehr, so sachlich, ruhig und verständnisvoll beziehungsweise verständlich zu argumentieren, wie ich es von mir erwartete.

Ich versuchte mehrmals, mich aus dem immer gehässiger werdenden Tumult zurückzuziehen. Auch verspürte ich den fast unüberwindbaren Drang, den Raum einfach zu verlassen. Ich nahm mir während diesem analogen Shitstorm fäusteballend vor, erst zu Hause in Tränen auszubrechen.

Es ist ein Phänomen, das mir oft begegnet: Melde ich mich in Diskussionen mit einem feministischen Standpunkt, komme ich manchmal nicht oder nur schwer mit dem Backlash zurecht, der darauf folgt. Das ist kein Zufall: Im Patriarchat ist solch (Gruppen-)Redeverhalten ein Tool, Dissident*innen zum Schweigen zu bringen. (Damit im Kopf ist es natürlich noch schwieriger zu entscheiden, ob eins die unangenehme Situation verlässt oder nicht.)

Ich bin durchaus der Meinung, dass Ungerechtigkeiten in jedem Fall, egal wie schwer oder leicht, angesprochen werden müssen und dass Dialog wichtig ist für feministische Bildung und Kampf. Doch dieser Fall von neulich hat mir vor Augen geführt, dass es manchmal einfach nicht „safe“ ist, sich zu äußern, und dass es manchmal dazu führt, dass die eigenen Nerven überstrapaziert und Energiereserven geleert werden.

Ich werde mir nun jedenfalls Sätze und Strategien dafür zurechtlegen, wenn ich überfordert bin. Ich werde mich stärker nach Allies umsehen. Ich werde manchmal nichtssagend die Augen verdrehen, um dann in anderen Momenten die Kraft zu haben, umso demonstrativer zu slayen.

Es gilt neben der Hingabe für die politischen Ziele schließlich auch, auf sich selbst aufzupassen. Vielleicht ist doch nicht jeder Twitter-Fight und jeder Familienstreit ein sinnvoller Beitrag zum gesellschaftlichen Fortschritt? Ein sehr kluger Genosse sagte einmal zu mir: „Nobody should die in just any random struggle. The point of life is that you pick the struggle the best you can.“

  • lively_tune

    danke für den tollen Beitrag – das beschriebene Problem kenne ich leider viel zu gut. Vor allem, da ich einen Master in Geschlechterstudien mache – sobald Menschen das erfahren, wird meine Fächerwahl gern für Diskussionen genutzt. Dabei merke ich immer wieder, dass die Leute überhaupt nicht wissen wollen, warum ich genau dieses Studium gewählt habe, die meisten wollen einfach ihre eigene Meinung äußern – denn, dieses nervige Geschlechterdings, das ist ja irgendwie ein Thema der Allgemeinheit. Plötzlich finde ich mich in Diskussionen über die Frauen-Quote wieder (ist ja schließlich das einzige Nennenswerte, was dieser Feminismus-Kram hervorgebracht hat, abgesehen von dieser „hässlichen neuen Schreibweise“). Die Meinung des Gegenübers ist oft sehr gefestigt, dabei aber alles andere als fundiert.
    Meine Strategie: Ich lasse mich auf diese Form der „Diskussion“ nicht mehr ein. Bevor ich auch nur ansatzweise beantworte, warum ich Feministin bin und warum ich Gender Studies als etwas sehr wichtiges empfinde (und mich damit sofort in Verteidigungshaltung stelle), frage ich einfach zurück: „Warum bist du kein*e Feminist*in?“. Mit der Antwort kann ich meist schon etwas eher einschätzen, ob sich mein Gegenüber auch nur ansatzweise mit der Thematik beschäftigt hat – oder ob das einzige Argument, was gegen den Feminismus und Gender Studies spricht, nur ein „Also bei uns in der Firma gibt es zwei Frauen, die Frauenquote ist total unnütz!“ ist..

  • Jule Jüngling

    Vielleicht ist es ja auch manchmal nicht eine Sache des Feminismus oder allgemeiner: der politischen Argumentation, sondern schlicht der Wortwahl und Rhetorik? Letztlich sind diese Gruppenprozesse, die da stattfinden, nicht spezifisch dafür, dass jemand feministischen oder gesellschaftskritischen Input gibt, glaube ich. Vielleicht neigt man in solchen Situationen auch aus Selbstschutz schnell dazu, sich durch die eigene gesellschaftskritische und moralische Reflexion und vor allem durch den Widerstand, der einem da entgegen schlägt, intellektuell / moralisch überlegen zu fühlen? Manchmal ist es einfach eine Sache der Kommunikation, des eigenen Auftretens und der Wortwahl. Ob Feminismus oder andere Themen: Der Ton macht die Musik. Davon können wir uns, glaube ich, alle nicht frei machen.

  • Christian Foryoureyes

    Wenn ich es richtig verstehe, fand keine inhaltliche Diskussion statt, sondern es ging einzig darum, welches geschlecht und hautfarbe der Autor hatte? Interessant, dazu mit Triggerwarnung (andere Meinungen!) noch ein kleiner Link: https://allesevolution.wordpress.com/2017/03/02/radikale-feministin-ich-komme-manchmal-nicht-oder-nur-schwer-mit-dem-backlash-zurecht/

  • unimog_andi

    Willkommen in der Wirklickeit. Life sucks. Guter Rat: Studium abbbrechen und anfangen zu arbeiten. Wer bis zu den Knöcheln in der Scheisse steht, bekommt auch ein normales Bild der Wirklichkeit.


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