Cunnilinguistik

Dirty Talk, ist das nicht voll 1990er? Und warum klingt ­versprachlichter Sex auf Deutsch meist so unsexy?

13.03.17 > Sex & Beziehung

Von Silvia Baum

Es fängt schon damit an, dass ermächtigende Bezeichnungen für Körperteile auf Deutsch kaum verbreitet sind. „Vulva“ klingt klinisch, „Fotze“ vulgär, „Muschi“ kindlich, „Pussy“ oft unpassend, alles andere einfach falsch. Und wie nenne ich den Zustand der Erregung? „Erregt“ klingt steril, „geil“ hingegen wie das Vokabular eines fünfzigjährigen Erdkundelehrers, der zu „Feuchtgebiete“ in seine Tennissocken onaniert.

Emojis können im Chat unangenehme Wörter ersetzen. © ZORZOR

Aus diesem Dilemma hilft nur, die eigenen Ansprüche zu prüfen: Soll es möglichst politisch korrekt oder sexy sein? Und was, wenn beides? Dass es möglich ist, machen englischsprachige Aktivist*innen vor. Etwa, wenn Elektropunkerin Peaches in „Rub“ in expliziter Sprache über Sex singt. Dass es mir beim Anhören nicht aufstößt, macht den Text nicht weniger anrüchig. Gleichzeitig ist die feministische Wiederaneignung von Begriffen wie „cunt“ und „pussy“ viel fortgeschrittener als im Deutschen. Es ist also eine Frage der Zeit, bis Anweisungen wie „Leck meine Fotze“ in feministischen Ohren keinen Alarm mehr auslösen. Bis dahin ist Kreativität gefragt. Beim sogenannten Sexting, also Sextalk über SMS oder Nachrichtenservices, können einzelne Begriffe, die eine*r nicht ausschreiben möchte, am Smartphone beispielsweise durch Emojis ersetzt werden. Die Wassertropfen, die Zunge, die Aubergine, der Pfirsich oder die verschiedenen Finger weisen bereits in unmissverständliche Richtungen – außerdem ist es verdammt lustig, kryptische Sexnachrichten zu verschicken.

Auf Cruising-Portalen wie Grindr oder Planet Romeo wird dagegen kaum etwas durch die Blume gesagt. Dort beginnen Chats schon mal mit „Ich möchte fünf Mal am Tag dein Gesicht ficken“, was bei meinen schwulen Freunden sogar gut ankommt – im Gegensatz zu meinen Heterofreundinnen, wenn sie von Typen solche Nachrichten auf Tinder & Co. erhalten. In straighten Konstellationen ist Dirty Talk in der Regel klar gegendert: „Nimm mich“ ist passiv konnotiert und wird aufgrund heteronormativer Penetrationslogik Frauen zugeschrieben. Selten ruft ein Mann einer Frau zu: „Umschließ meinen Schwanz mit deinem Arsch!“

Ich treffe Sexarbeiterin Pearl Love Lee, die beim queerfeministischen Sexshop Other Nature in Berlin regelmäßig Dirty-Talk-Workshops gibt – wenn auch nur auf Englisch. „In meinen Workshops reden wir sehr viel über Sprache“, erzählt sie bei einem Pommes-Date in Kreuzberg. „Ein deutsches Paar meinte mal, dass sie es total unangenehm und unsexy finden, beim Sex Dirty Talk auf Deutsch zu praktizieren. Deshalb machen sie ein Rollenspiel daraus: Sie spielen sich beide selbst, aber sind innerhalb dieses Spiels Englischsprachler*innen.“ Auch eine Mischung aus unterschiedlichen Sprachen könne sich gut anfühlen. „Es hilft, nicht gleich die krassesten Begriffe auszupacken, sondern sich langsam zu steigern. Auch kryptische oder harmlose Wörter können heiß sein.“

Pornos beeinflussen einen großen Teil unserer Assoziationen mit Dirty Talk, weshalb manche Wörter keine schönen Bilder hervorrufen. Pearl rät außerdem, zu Beginn die jeweilige(n) Person(en) – am besten spielerisch – zu fragen, wie sie selber ihre Genitalien bezeichnen möchten und ob es Bereiche oder Wörter gibt, die sie nicht in einem sexuellen Kontext hören wollen. Das baue einen sicheren Rahmen auf, innerhalb dessen eine*r herumexperimentieren kann. Na dann: 👅💦

Missy jetzt als Print-Abo bestellen. 6 Hefte nur 30 Euro.

Beitragsnavigation