EASY does it NOT

Das Problem, wenn Männer Musik(-videos) für Frauen machen.

11.04.17 > Leyla Yenirce
Profilfoto Leyla Yenirce

Leyla Yenirce

Leyla Yenirce (*1992) lebt und arbeitet als Autorin, Filmschaffende und Künstlerin in Hamburg. In Niedersachsen aufgewachsen, folgten dort ein Studium der Kultur der Metropole plus Einschreibung an die Kunsthochschule. Sie ist Gründerin des intersektionalen Musikkollektivs OneMother und arbeitet derzeit an einem Film über die yezidische Diaspora in Deutschland.

Von Leyla Yenirce

Immer mehr Frauen kapern die deutsche Musikindustrie. Egal ob Pop, Rap oder R&B. Sängerinnen wie Ace Tee, SXTN oder das Duo Chefboss erobern die Szene. Zu Recht: Sie haben Flow, Attitüde und ziemlich viel Selbstbewusstsein. Dinge, die es braucht, um sich in der Männerdomäne durchzusetzen. Was auf den ersten Blick wie ein Trend wirkt, der schleichend die Geschlechterstrukturen im Musikbusiness ändern könnte, wirkt auf den zweiten ein wenig faul. Im Hintergrund ziehen leider immer noch Männer die Fäden. Das Problem: Die Oberfläche wird zwar angekratzt, strukturell passiert aber sehr wenig. Oder noch schlimmer: Sexismus wird unter einem pseudofeministischen Deckmantel reproduziert.

Das Gefühl, wenn der Male Gaze und seine sexistischen Begehren für dein Musikvideo deinen eigentlichen Inhalte verdecken. @ Tine Fetz

Bestes Beispiel hierfür ist das HipHop-Duo SXTN. Die beiden Berlinerinnen Juju und Nura rappen übers Feiern, Drogen und Fotzen. Frech und mit einer großen Schnauze eignen sie sich Charakteristika an, die sonst eher von Männern im Rapbusiness performt werden. Aussagen wie „Ich ficke deine Mutter ohne Schwanz“ stellen die männliche Penetration mit einer großen Prise Humor infrage und wirken dabei undogmatisch feministisch. Cool, mein erster Gedanke, bis ich das Video zu „Deine Mutter“ sah. Juju rappt sitzend auf einem goldenen Thron umgeben von splitternackten Frauen, die mit ihren Ärschen wackeln. Soll das jetzt ermächtigend sein?

Dass Frauen in Rapvideos ihren Arsch bewegen, ist nichts Neues, aber Lil’Kim oder Foxy Brown haben in ihren Videos wenigstens selbstermächtigend mit ihrem eigenen Hintern gewackelt, während sie ihre Lines ins Mic spitteten. SXTN hingegen lässt andere Frauen ihre Fotzen in die Kamera halten. Warum geben sie diesen Frauen nicht das Mic? Oder warum strecken SXTN nicht selber ihre Vulva ins Bild? Nein, darauf haben sie wahrscheinlich keine Lust. Sexistischen Rap reproduzieren gepaart mit ein paar provokanten Lines reicht, um sich das Business anzueignen. Verändern tut es aber gar nichts, die Objektivierung von Frauen wird von Rappern ebenso vollzogen wie von Rapper*innen.

Und wer steckt eigentlich hinter solchen Videos, in denen Frauen nackt performen? Im Falle von SXTN heißt der Regisseur Maxim Rosenbauer. Früher professioneller Skater, heute Teil der selbst ernannten „creative production company“ EASY does it, die Videos für Musiker*innen und Werbung produzieren. Wer einen Blick auf die Videografie des Kollektivs wirft, kann sich schon denken, warum so ein sexistischer Müll dabei herauskommt. Ähnlich wie bei meinem Hassobjekt Nr. 1 Cro wird ein lässiger Lifestyle propagiert, in dem den ganzen Tag feiern und heiße Chicks das Wichtigste im Leben darstellen. Kommerzieller Erfolg vorprogrammiert. Und so ein Rosenbauer dreht dann ein Musikvideo für ein Rapperinnen-Duo, das als neues Takeover gehyped wird und am Ende selbst nackte Frauen für sich tanzen lässt. High life. Hätte Maxim lieber mal auf seinem Brett bleiben sollen.

Wie so ein Musikvideo besser funktioniert, wird deutlich, wenn die Künstlerin selber Regie führt. So wie im Video der R&B-Durchstarterin Ace Tee, das durch seine 1990er-Jahre-Ästhetik zum viralen Superhit wurde. Gemeinsam mit anderen Frauen bewegt sie sich zum Beat von „Bist du Down“ und zeigt, was sie draufhat, ohne andere Personen für sich nackt tanzen zu lassen. Die Idee zu dem Video kam von ihr selbst. Selbstverständlich variieren Ästhetiken je nach Musikgenre; ein R&B-Video kann weniger herb sein als ein Rapvideo. Gegen nackte Frauen im Bild ist auch nichts einzuwenden, dennoch ist entscheidend, wer im Hintergrund mit welchem Blick die Zügeln zieht.

Der Blick von Männern auf Frauen hängt nicht selten von patriarchalen Vorstellungen, ästhetischen Vorlieben und neoliberalen Absichten ab. Das fängt bei einem Video an und hört im Studio auf. Weibliche Produzentinnen finden in der elektronischen Musikszene mittlerweile großen Platz, im Rap, Pop und R&B ist es aber trotzdem immer noch eine Armada an Männern, die das Image einer Künstlerin aus ihrer Sicht produzieren. Damit sich das ändert, müssen mehr Frauen auch hinter den Kulissen mitwirken. Die Frage ist, ob sich SXTN auch für splitternackte Frauen entschieden hätten, wenn sie die Regie übernommen hätten, oder ob das Video von Ace Tee so fresh geworden wäre, wenn nicht sie, sondern irgendein Maxim hinter den Kulissen oder der Kamera seine frauenverachtenden Fantasien hätte spielen lassen.

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  • Wolfgang Russ

    Letztendlich sind es doch die Künstlerinnen, die die Richtung eines Videos vorgeben und es am Ende abnehmen. Von Rosenbauer auf alle Männer zu schliessen bringt die Diskussion nicht voran.


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