Es kann nie genug Annes geben

Die Romanreihe „Anne of Green Gables“ zwischen Kitsch und Humor.

Von Jacinta Nandi

„Ich wollte schon immer einmal Kanada besuchen“, erzähle ich einem deutschen Schüler, mit dem ich im ICE quatsche. Er verbringt gerade ein Jahr im Toronto und hat mich angeredet, nachdem er gehört hat, dass ich am Handy Englisch gesprochen habe. Ihr kennt diese „Ein Jahr im Ausland“-Teenager, sie wollen immer quatschen. „Ich wollte immer Prince Edward Island besuchen“, sage ich. „Doch nicht wegen Anne of Green Gables?“, ruft er empört. Ich spüre, dass ich ihn enttäuscht habe.

Anne-DarstellerInnen im Anne-of-Green-Gables-Museum in Cavendish, Prince Edward Island © Wikimedia Commons/Smudge 9000/CC BY 2.0

„Na klar“, sage ich. „Ich habe nämlich gehört, dass ganz viele japanische Brautpaare in dem Haus, in dem sie aufgewachsen ist, heiraten. Die Autorin, meine ich, L. M. Montgomery. Im Haus ihrer Großeltern. Es soll angeblich fast so wie Green Gables aussehen.“ – „Ich habe die Bücher nie gelesen“, sagt der Jugendliche. „Ich werde so was nie lesen. So ein Kitsch. Total kitschig. Ich habe keine Zeit für so etwas!“

Bei Autorinnen, die lustig schreiben, bei Humoristinnen also, wird oft der Humor ignoriert. In Erinnerung bleibt nur das Kitschige, das Sentimentale. Das ist etwa bei Jane Austen passiert – und ihre Fans sind daran genauso schuld wie die Menschen, die sie gelesen haben und hassen. Oder die, die sie nie gelesen haben und trotzdem ablehnen. Es gibt viele Jane-Austen-Fans, und ich gehöre auch ein bisschen zu jenen, die sie nicht (nur) dafür lieben, was sie geschrieben hat oder wie sie es geschrieben hat, sondern weil die Outfits in ihren Romanen geil waren und die Männer so sexy. Man kann sogar Jane-Austen-Pauschalurlaube buchen, wo man dann diese sexy Kleider und eleganten Hütte in echt tragen kann und in einem englischen Rosengarten herumlatschen darf, um die Jane-Austen-Experience vollkommen zu genießen. Dieser Hype hat nichts mit Jane Austens Fähigkeiten als eine der scharfsinnigsten Satirikerinnen, die je geschrieben hat, zu tun. Dafür sehr viel mit Sehnsucht und Nostalgie. Eine Sehnsucht nach romantischer Kleidung, eleganten Gärten, sexy, strengen Männern und der guten alten Zeit – eine Sehnsucht, die fast pornografisch wird.

Aber Jane Austen war keine englische Seifenopern-Drehbuchautorin des 19. Jahrhunderts. Die ersten Prosastücke, die sie verfasst hat, waren satirische Parodien. Und obwohl ihre Romane vielleicht deswegen so befriedigend sind, weil sie in einer Heirat enden, wäre es verkürzt, diese Werke als Liebesgeschichten abzustempeln. „Stolz und Vorurteil“ ist wahrscheinlich ihr romantischster Roman – aber auch hier sind zwei der perfektesten Comedy-Figuren der englischen Literaturgeschichte zu finden: Mr. Collins und natürlich Mrs. Bennett.

Die Schriftstellerin L. M. Montgomery © Wikimedia Commons/Anonymus/Public domain

Die kanadische Schriftstellerin Lucy Maud Montgomery ist nicht so bekannt wie Anne Shirley, die Protagonistin ihrer Romanreihe „Anne of Green Gables“, die 1908 zum ersten Mal erschien und bis heute gelesen wird. L. M. Montgomery schrieb insgesamt acht Romane über Anne und ihr Leben. Die Leser*innen sind dabei, wenn Anne Lehrerin wird, wenn sie später auf das Redmond College geht, ihre Kindheitsliebe Gilbert Blythe heiratet und schließlich Mutter von sieben Kinder wird. Die Bücher sind manchmal sentimental – und die Beschreibungen der „joys of motherhood“ und „beauty of nature“ oft nur schwer zu ertragen. Aber die besten Witze von L. M. Montgomery sind so gut wie die Witze von Mark Twain – dennoch wird sie bis heute nicht als Humoristin anerkannt.

Ein Beispiel: Ein Junge, Davy Keith, ein entfernter Cousin von Marilla Cuthbert, die Anne adoptiert hat, hat keinen Bock auf den Himmel. Er stellt sich ihn total langweilig vor, er denkt, dass es dort jeden Tag so öde sein wird wie in der Kirche. Aber er tröstet sich mit dem Gedanken, dass dort zumindest genug Marmelade vorhanden sein wird. Anne ist überrascht von seiner Aussage und fragt ihn, warum er so sicher sei, dass es Marmelade im Himmel gebe. Er erklärt, er habe das in der Bibelgruppe gelernt. Weil Gott „makes preserves and redeems us“.

Cover einer Ausgabe von 1909 © Wikimedia Commons/L. M. Montgomery, M. A. & W. A. J. Claus/Public domain

L. M. Montgomery ist uns also nicht als Humoristin in Erinnerung geblieben. Eher erinnern wir uns an sie als die Erfinderin eines süßen, ugly-duckling-mäßigen Waisenkindes. Die Anne Shirley, die wir kennen, ist süß, romantisch, sentimental und kitschig. Sogar Menschen, die „Anne of Green Gables“ nicht gelesen haben, wissen Bescheid: Das ist Kitsch pur. Doch warum geht der humorvolle und satirische Aspekt der Bücher total verloren? Warum ignoriert man Montgomerys Talent, die Sprachmelodie der Menschen nachzuempfinden? Warum vergisst man, wie genau sie das Barbarische und Absurde in den Konversationen der Menschen darstellen konnte?

Na ja, man muss zugeben: Anne Shirley ist einfach süß. Dieses rothaarige, freche, fantasievolle Waisenkind bringt die Herzen der steifen, kalten (und fast toten) Cuthberts und die der Leser*innen zum Schmelzen. Marilla und Matthew Cuthbert verlieben sich in Anne – dieses alte Geschwisterpaar, das nie gelebt hat. Es ist wichtig daran zu erinnern, dass Matthew und Marilla Geschwister sind und nicht verheiratet, um die Bücher zu verstehen. Bevor Anne in ihr Leben kam, haben sie nie gelebt, nie gefickt, nie geboren. Anne erobert ihre Herzen, als ob es ihre übernatürliche Kraft wäre.

Das erste Mal verfilmt wurde die Romanreihe bereits 1919. © Wikimedia Commons/Paramount Pictures (Moving Picture Age (1920) at the Internet Archive)/Public domain

Annes Geschichte ist unglaublich unschuldig – es wird nie beschrieben, wie sie ihre Tage hat oder Sex oder masturbiert. Doch die Energie, die aus Anne sprudelt, die Energie, die Marilla und Matthew zurück ins Leben ruft, ist eine sinnliche, fast sexuelle Energie. Man sagt oft, dass „Anne of Green Gables“ ein Kinderbuch ist, aber eigentlich ist es ein Teenie-Roman. Als wir Anne kennenlernen, ist sie bereits elf Jahre alt und sie interessiert sich schon für das, was auf sie zukommt, dafür, eine erwachsene Frau zu werden: Ab wann wird sie ihre Haare lang tragen dürfen, und wie viele Beaus wird sie dann haben?

Genau wie Mark Twains komische Figuren Tom Sawyer und Huckleberry Finn gerät Anne im ersten Buch der Serie immer wieder wegen ihrer impulsiven Persönlichkeit in Schwierigkeiten. Aber weil das Leben im 19. Jahrhundert ein Mädchen so viel mehr einschränkte als einen Jungen, sind Annes Abenteuer ein bisschen weniger abenteuerlich. Anne schmückt sich für den Kindesgottesdienst mit echten Blumen im Haar (ein Skandal), macht ihre beste Freundin Diana mit Ribiselwein betrunken und färbt sich ihre roten Haare aus Versehen grün.

Montgomerys großes Talent ist es, die Erniedrigung des Alltags zu beschreiben und ihr Potenzial für Humor zu erkennen und auszuschöpfen. Vielleicht wären ihre Bücher als humoristisch in Erinnerung geblieben, wenn sie das Leben einer männlichen Figur beschrieben hätte anstelle das eines Mädchens, das zur Frau wird.

Die acht „Anne of Green Gables“-Bücher, ihre Kurzgeschichten und auch die Romane der „Emily“-Reihe, die etwas später erschienen sind, sind manchmal sehr sentimental. Wir werden oft informiert, dass Anne und Emily – oder auch Nebenfiguren wie Paul in „Anne of Avonlea“ – ­“anders“ sind. Sie sind anders, weil sie schreiben und weil sie empfindsam sind. Aber das, was sie schreiben, und das, was sie berührt, ist ab und zu einfach kitschige Kackscheiße. Manchmal scheint es, als ob Anne ständig einen Fast-Orgasmus bekommt, wegen eines Sonnenuntergangs oder ein paar Kirschblüten in einem Garten. Ich hätte gedacht, sie würde sich irgendwann mal an die Kirschblüten gewöhnen, es scheint so viele davon zu geben auf Prince Edward Island. Außerdem wird immer wieder betont, wie sehr Mutterschaft eine Frau verändert und ihr Leben bereichert.

Manchmal ist das nervig – doch die Empathie, mit der Annes Schicksalschläge dargestellt werden, ist berührend. Annes erste Baby wird tot geboren, später, im Band „Rilla of Ingleside“, verliert sie einen Sohn im Ersten Weltkrieg. „Rilla of Ingleside“ ist überhaupt sehr interessant, weil es eines der wenigen Kinderbücher ist, die ich je gelesen habe, das sich mit dem Krieg aus der Sicht von Frauen beschäftigt. Wie war es für die Frauen, zu Hause gelassen zu werden, während ihre Söhne, Verlobten und Brüder weggegangen sind, um zu sterben? Die Anti-Pazifismus-und-Anti-Deutsche-Keule nervt die modernen Leser*innen natürlich. Aber die Tapferkeit der Frauen ist trotzdem bewegend beschrieben.

Die strenge christliche Gemeinschaft, in der Anne lebt, ist oft schockiert von ihrer emotionalen Persönlichkeit. Auch Marilla Cuthbert ist immer wieder schockiert. Aber sie lernt, dass unter dieser emotionalen Oberfläche eine fromme, brave Person steckt. Anne zeigt den Menschen, dass ihre Lebensenergie und ihre Liebe zur Natur eine Form der Liebe zu Gott und seiner Schöpfung sein kann. Montgomery hat ihrer Figur Anne Shirley das Happy End gegeben, das sie selbst nie bekommen hat – ihre eigene Großmutter, die sie adoptiert hatte und bei der sie aufwuchs, blieb immer streng und kalt.

Es gibt auch dunkle Momente in den Anne-Büchern – doch auf diese wollte Montgomery nicht fokussieren. Die Anne-Bücher sind glücklich und optimistisch. Dass in ihrem eigenen Leben die dunkle Seiten nicht so leicht zu vermeiden waren, entdeckt man bei der Lektüre ihrer Tagebücher. Da werden Depressionen, Nervenzusammenbrüche und verbotene Lieben detailliert beschrieben, in einer Art und Weise, die nicht nostalgisch, sondern überraschend modern ist. Hier entdeckt man eine Seite der Anne-Schöpferin, die man nicht erwartet hätte. Sexualität und ihre eigenen Gefühle sind hier kein Tabu mehr. Man lernt eine Frau kennen, die sich am Ende ihres Lebens doch dem Dunkeln stellte.

Montgomery hat auch vermieden, die triste Seite des Lebens zu beschreiben, weil zahlreiche ihrer Texte in Zeitschriften publiziert wurden. Vieles aus dem dritten Anne-Buch, „Anne of the Island“, schrieb sie zum Beispiel zuerst für die Veröffentlichung in Zeitschriften. Auch andere ihrer Kurzgeschichtensammlungen entstanden für diesen Markt. Da war ein glückliches Ende angesagt – und eine sentimentale, moralische Botschaft dazu. Geschichten über alte Jungfern, die doch noch heiraten dürfen, oder gemeine Tanten, die eine Katze verkaufen wollten. Und diese Storys waren viel glücklicher als ihr echtes Leben. Ich denke manchmal drüber nach, dass Autorinnen sich nicht so sehr nach Veröffentlichungen gesehnt hätten, wenn Frauen in der Vergangenheit als Schriftstellerinnen mehr akzeptiert gewesen wären. In einer Welt, in der das, was man tut, unnatürlich ist, ist damit Geld zu verdienen der Beweis dafür, dass es zumindest keine Zeitverschwendung ist.

Es ist unvermeidlich, dass eine Protagonistin wie Anne Shirley eine Unzahl verschiedener Fernseh- und Filminterpretationen nach sich zog. Wie viele meiner Generation bin ich mit Megan Follows als Anne-Darstellerin groß geworden. Wenn ich die Bücher lese, ist es diese Schauspielerin, die ich mir in meinem Kopf ausmale. Aber ich finde es unnötig zu diskutieren, welche Version die beste Anne-Verfilmung ist – die Version aus den 1980ern war kitschig und romantisch, lustig, aber ein bisschen zu süßlich. Die neue Serie, die der kanadische Sender CBC produzierte und die nun auch in Deutschland auf Netflix zu sehen ist, sieht realistischer aus und wirkt authentisch.

Aber eigentlich ist das egal. Eigentlich ist es total irrelevant. Es kann nie genug Annes geben. Dieser Hype, diese Freude, die übertriebene Loyalität zu der Figur – das ist einfach der Preis, den wir zahlen, weil wir L. M. Montgomery als Humoristin nicht ernst nehmen und künstlerisch unterschätzen. Wir lieben Anne umso mehr, weil wir L. M. Montgomerys Bücher nicht analysieren und zu Tode denken müssen.

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