Schurkenbekämpfung in High Heels

„Wonder Woman“ läutet eine neue Ära von Actionfilmen ein. Oder etwa nicht? Zwei Autorinnen analysieren.

29.06.17 > Film & Serien

Von Gabriela Kielhorn und Ronja Reitzig

Eigentlich klingt es nach dem ultimativen feministischen #goal: eine Armee von starken Amazonen, isoliert auf einer Insel, abseits von Patriarchat und toxischer Maskulinität. Dann wird dem Ganzen jedoch ein Strich durch die Rechnung gemacht: Ein Mann fällt buchstäblich vom Himmel und bringt Nazis, Verderben und den Gott des Krieges mit.

Gal Gadot spielt Wonder Woman. © Warner

Die „Wonder Woman“-DC-Serie von William Moulton Marston zu verfilmen, war im letzten Jahrzehnt besonders heiß diskutiert. Nach der Renaissance der Superheld*innenfilme bot sich die starke, selbstbewusste und empathische Heldin Diana Prince perfekt an, aber mehrere Versuche, die Geschichte auf die Leinwand zu bringen, sind im Produktionslimbo gelandet. Sogar „Buffy“-Schöpfer Joss Whedon, der selbsternannte König des Feminismus, kämpfte hart um die Rechte. Doch Patty Jenkins (bekannt durch „Monster“) hat das scheinbar Unschaffbare erledigt und mit „Wonder Woman“ nicht nur einer der fiercesten und bekanntesten Held*innen verfilmt, sondern auch der altbekannten Story neues Leben eingehaucht.

In dieser Interpretation folgen wir Diana Prince (gespielt von der israelischen Schauspielerin Gal Gadot) und Steve Trevor (Chris Pine), wie sie während des Ersten Weltkriegs durch Besatzungszonen reisen und Deutsche bekämpfen. Klar, denn inspiriert von Steves Kriegsgeschichten realisiert sie sofort: Dahinter kann nur der gefallene Gott des Krieges Ares stehen, und den muss sie besiegen, um wieder Weltfrieden herzustellen. Umgeben von einer überraschend diversen Gruppe von Helfer*innen gelingt es den beiden nicht nur, der Welt zu einem sicheren Platz zu verhelfen, sondern natürlich auch, ihre ikonische Liebe zueinander zu finden.

Wonder Woman
Actionfilm
Regie: Patty Jenkins
Mit: Gal Gadot, Chris Pine u. a.

Ja, gut. Diana Prince muss auch in dieser Interpretation in High Heels kämpfen (immerhin sind es jetzt Keilabsätze!) und im berühmten Body Schläge verteilen. Aber dank des Blicks der Regisseurin bleiben uns exploitative Einstellungen auf Hintern und Brust erspart. Auch die Selbstironie und der Charme, der von Gal Gadot eingebracht wird, ist erfrischend in der Reihe von dunklen und ernsten DC-Verfilmungen. Und die Tatsache, dass ein US-amerikanischer Actionfilm mit zwei jüdischen Leads, umgeben von einem marokkanischen und einem Native-American-Charakter, die beide jeweils auch ihre Herkunft und die damit verbundenen Problematiken in der Zeit thematisiert bekommen, besetzt wird, ist leider nicht selbstverständlich.

„Wonder Woman“ hat sicher nicht das Rad neu erfunden. Aber Patty Jenkins hat es geschafft, einem Genre, was so Man-Pain belastet ist, neue Perspektiven aufzuzeigen. Bleibt nur zu hoffen, dass dieser Charme bei dem frisch angekündigten Sequel aufrechterhalten bleiben kann. (GK)


Als ich den Trailer zu „Wonder Woman“ sah, war ich Feuer und Flamme. Durchtrainierte Frauen, feministische Slogans und ein Soundtrack, zu dem ich in alle Ewigkeiten Joggen gehen kann. Nach dem Film dann die ersten Kompromisse. Okay, der Film hat seine Schwächen, aber ist das nicht typisch für das Superheld*innengenre oder greift das tiefer?

Ist der Film feministisch? Ja und nein. © Warner

Wonder Woman aka Diana Prince wächst auf der verborgenen Zauberinsel Themyscira auf. Die Insel ist ausschließlich von Amazonen besiedelt, die einzig und allein für den Fall trainieren, dass der untergetauchte Kriegsgott Ares zurückkehren sollte. Als der Kampfpilot Steve Trevor auf die Insel abstürzt und vom Ersten Weltkrieg berichtet, entscheidet sich allein Diana, ihn im Kampf zu unterstützen (erstes sinnloses Plothole). Verblendet und realitätsfern aufgewachsen, glaubt Diana, den Krieg beenden zu können, indem sie Ares in Gestalt von General Ludendorff besiegt, und folgt Steve nach London.

Schwierig ist Dianas toxische Einstellung: Nicht die Deutschen sind schuld an dem Krieg, es ist der Kriegsgott Ares. Es erklärt sich gleich, warum die Handlung vom Zweiten Weltkrieg in den Comics zum Ersten Weltkrieg im Film verlegt wurde. Eine dermaßen entpolitisierte Einstellung wäre dort nicht mehr entschuldbar. Aber das nur am Rande.

Steve nimmt Diana also mit nach London und die Amazone wird mit der modernen Welt konfrontiert. Ihre Naivität ist erschreckend kindlich. Eine gebildete Frau – kann sie doch zumindest Hunderte von Sprachen und hat Cleos zwölf Abhandlungen über die Freuden des Körpers gelesen – hat in realpolitischen Situationen nichts entgegenzubringen außer ein „Sie sollten sich schämen!“. Dass Superheld*innen in der Realpolitik nicht viel bewirken, da sie ihre auf Brutalität ausgerichtete Kraft nicht nutzen können, ist kein Geheimnis. Aber selbst den Avengers wird mehr Inhalt zugemutet als dieser Frau.

Ihre Agenda muss nicht einmal runtergebrochen werden, so simpel ist sie. Sie wünscht sich Weltfrieden. Aus der politischen Sphäre verbannt sie der Film jedoch. Ihren Auftritt hat sie erst an der Front, dort kann sie wieder zum Mythos werden. Bis dahin wird sie zum weißen Engel degradiert. Sorgt sich um Verletzte und findet Babys süß. Liebe und Empathie, willkürliche Emotionen fernab von Sinn und Verstand machen sie wahrscheinlich am meisten zur typischen Superheldin. Neu ist das für Frauenrollen aber nicht.

Da hat der Filmkritiker Wolfgang Schmitt Junior schon recht: Es wäre glatt feministischer gewesen, die Geschlechter von Diana und Steve zu tauschen. Einen mütterlichen Wonder Man und eine Kampfpilotin, die realpolitisch denkt.

Mit diesem Ansatz im Hinterkopf möchte ich die Trope Born Sexy Yesterday vorstellen, die von Jonathan McIntosh in seinem gleichnamigen Videoessay definiert wurde. Es ist eine Trope, die den berüchtigten Male Gaze bedient, und „Wonder Woman“ spielt gehörig damit.

Frauenfiguren solcher Filme sind vor allem, wie McIntosh behauptet, eines: profoundly naive und unimagineably wise. Sie sind quasi ein sehr intelligentes Kind im sexy Frauenkörper. Beispiele dafür finden sich in „Das fünfte Element“, „Splash“, „Tron: Legacy“, „Meine Stiefmutter ist ein Alien“ und noch zahlreicher in Animes. Sie sind Aliens, Roboter, KIs oder einfach isoliert aufgewachsen – auf jeden Fall sind sie in der Welt, wie wir sie kennen, fremd.

Ihr Unverständnis gegenüber unserer Realität sorgt nicht nur für Unterhaltung, sondern bindet sie auch an den Helden. Sie ist in der Regel sein Love Interest und eine Weiterentwicklung des niedlichen Mädchens von nebenan, denn sie ist hochbegabt. Meistens in etwas, das Männer respektieren, meistens im Kämpfen. Aber dabei bleiben diese Frauenfiguren so niedlich und süß und goldig. Zum Glück sind sie keine Kinder, im Gegenteil, sie sind optisch perfekt – zu ihrem eigenen Unwissen. Fast jeder dieser Filme – übrigens auch „Wonder Woman“ – hat eine Szene, in der sich die Frau naiv vor allen Anwesenden entkleidet. Sie versteht aufgrund ihrer Naivität diese soziale Konvention nicht.

Diese Trope bedient vieles, Pädophilie zum Beispiel. Meistens geht es hier aber nicht um die Frauen, es geht um die Männer. Sie sind meistens unterdurchschnittliche, weiße cis Männer, unzufrieden mit ihrem Leben, auf jeden Fall nicht in der Laune, sich an jemand Ebenbürtigen aus ihrer Welt zu binden. Und weil er der glückliche, erste Mann ist, dem das herrliche Geschöpf begegnet, hält sie ihn für den Größten und Weisesten seiner Schöpfung. Er ist in etwas gut, was sie noch nicht kann – das weltliche Wissen. Und genau wegen ihrer Naivität sieht sie in ihm etwas, was eine vielleicht erfahrenere Frau nicht sehen würde. Daher ist diese Trope eine reine Männerfantasie. Für diese Frau muss sich der Held noch nicht einmal bemühen, besser zu sein, als er ist. Es ist eine lethargische Sexfantasie und eine Antwort auf die männliche Angst, die intellektuelle Oberhand zu verlieren.

Doch was hat das alles mit „Wonder Woman“ zu tun?

Es geht hier vor allem um Macht. Sicher, der Mann hat in der Regel eine gewisse Überlegenheit gegenüber der unschuldigen, reinen Frau.

Und auch wenn Steve Trevor einen Wissensvorsprung gegenüber Diana hat, unterlegen wirkt sie dennoch nicht. Vor allem weil Steve – auch wenn er ihre Überzeugungen nicht teilt – versucht, ihr auf Augenhöhe zu begegnen. Vor allem nicht, weil Steve sie als ebenbürtig empfindet. Aber es ist der Film, der sie unterdrückt.

Die naive Charakterisierung von Diana gehört zu ihren Umständen dazu. Jedoch schlachtet der Film ihre Naivität aus, verniedlicht sie und gesteht ihr Empowerment nur in der Schlacht zu. Anstatt ihr wirkliche Argumente in den Mund zu legen, leckt sie begeistert an einer Kugel Eis. Anstatt zu zeigen, dass sie wirklich die zwölf Bände über die Lust gelesen hat, entscheidet Steve Trevor, dass er sie jetzt küssen wird. Die Tür wird von ihm geschlossen, der Sex weggeschnitten. Ich erwarte keinen Porno, aber eine selbstbestimmt sexuell auftretende Frau wäre doch mal ein Anfang.

McIntosh schließt seinen Essay mit den Worten: Innocence is not sexy, knowledge is. Und hier schließt sich der Kreis. Lasst Diana, Prinzessin der Amazonen, Tochter des Zeus und Göttin der Liebe, doch mal was Gescheites sagen. (RR)

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