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I Am Mine

Nela Biedermann spricht in ihrem Gedicht darüber, wie ihr BLM hilft, einen persönlichen Leitfaden zu kreieren.

30.06.17 > Europa, Inland, Welt

Von Nela Biedermann

Nach unserem Marsch durch Berlin bin ich voller Liebe und voller neuer Ideen.
Ich fühle dennoch die Erschöpfung bis auf meine Knochen. Ich weiß, ich muss mit meiner Energie haushalten, denn
Revolution is not a one time event.
I hear you, Sister Audre Lorde, I hear you.

© Collage/Missy Magazine

Die Sonne geht gerade auf. Ich sitze an meinem Schreibtisch, an Schlaf ist nicht zu denken dieser Tage.
Viele Diskussionen gehen mir durch den Kopf.
Gespräche mit Familie, Bekannten, Fremden über Vergangenheit und Gegenwart, über Aktivismus, Kampf, Mut, Kraft, Freiheit, Schmerz, Verlust, Scham, Zweifel, Angst.

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich die Worte „Black Lives Matter“ zum ersten Mal in den News hörte.

Schwarze Leben zählen.
Mein Leben zählt.
Das war und das ist revolutionär.
Das ist Widerstand.
Allein dieser Slogan fühlte sich richtig an, wie
die Summe aller meiner Emotionen und Erlösung zugleich.

Ich beschäftige mich seit diesem Moment mit den Inhalten von Black Lives Matter und hatte nicht einen Moment des Zweifels daran, dass BLM als Intervention ideologischer und politischer Art die wichtigste Bewegung unserer Zeit ist, vor allem weil sie intersektional wirkt.
Mit einer kräftigen Umarmung umschließt sie marginalisierte Gruppen und jede einzelne PoC.

Heute ist Montag, eine Woche vor unserem Marsch.

Im Radio läuft zum zweiten Mal der Song
„I Am Mine“.
Ich höre auf die Lyrics:

„North is to South what the clock is to time
There’s East and there’s West and there’s everywhere life
I know I was born and I know that I’ll die
The inbetween is mine
I am mine“

Ich skype mit einem Schwarzen Aktivisten der ersten Stunde, die Zeitverschiebung New York – Berlin macht uns beide etwas schläfrig.
Wir sprechen dieselbe Sprache, halten uns an stärkenden Worten fest wie an Sicherheitsgriffen einer Kletterwand. Wir wollen beide nach oben, dorthin, wo Kontext auf der Flagge steht, die wir beide gehisst haben.
Als sich das Thema auftut, wie die Rezeption von Black Lives Matter systematisch unterwandert wird, wie sehr man versuchte, Cop Lives Matter, All Lives Matter (ergebnislos) zu etablieren, werden wir beide plötzlich hellwach. „We are not trying to start a race war, we are trying to end one.“

Ich sprach Bedenken von Menschen aus, die Befürchtungen haben, dass Black Lives Matter ihnen beruflich, sozial schaden könnte.
Mein Gesprächspartner sagte kurz und knapp: Lass sie gehen.
Ich sprach an, dass die Radikalität von Black Lives Matter viele abstößt.
Er sagt: Dies ist eine ernsthafte Bewegung, entstanden aus der Notwendigkeit heraus …, weil immer noch Menschen durch rassistische Taten Einzelner oder durch Institutionen sterben. Sie sind tot, verstehst du?

Ja, ich verstehe.

Meine Arbeit als Aktivistin, als Schwarze Frau in einer weißen Ökonomie, zwingt mich täglich zur Reflexion über Rassismus.
Ich werde oft gefragt, woher die Attribute von Rassismus herrühren, woher Hass, Angst, Gewalt denn kommen würden.
Ich höre oft, dass man Rassismus nur bekämpfen kann, wenn man an dessen Ursprüngen wie an einer maroden Wurzel zieht, um sie auszureißen.
Ich weiß, dass Rassimus sowohl die Summe schmerzlicher Erfahrung nicht-weißer Menschen und People of Color in sich birgt,
dass anthropologische Versuche, wie der, dass sich Xenophobie in Bruchteilen von Sekunden manifestiert und das Hirn in positive oder negative Erfahrungen mit Menschen, die von der eigenen Norm abweichen, dividiert, mögliche Erklärungen darstellen.

Meine Antwort auf diese Fragen: Such dir etwas aus. Und ich sage: Every fear hides a wish.

Leider kann ich die Welt nicht „trumpatizen“, die Komplexität des Themas verhält sich kongruent zur Kontinuität der Diskussion.
Black Lives Matter ist außerdem weniger hierarchisch, eher säkular aufgebaut.
Es gibt keine Führungsebene, es gibt nur Menschen, wie unser Frauenkollkektiv, die es zur Herzensangelegenheit machen, Demos und Workshops zu organisieren, die versuchen, Strukturen zu erschaffen, Diskussionen und Aktionen zu ermöglichen.

Ich höre Living Colour, „Pride“:
„When I speak out loud
You say I’m crazy
When I’m feeling proud
You say I’m lazy
I look around and see the true reality

You like our hair
You love our music
Our culture’s large, so you abuse it
Take time to understand, I’m an equal man“

Ich kann aus meiner Erfahrung sprechen. Und ich kann versichern, dass Veränderung im Denken beginnt, dass solidarisches Handeln eine Bereicherung für alle Beteiligten darstellt.

Nela Biedermann ist Creative Producer/Filmemacherin und freischaffende Künstlerin. Sie lebt in Berlin und ist Mitglied des feministischen „Black Lives Matter Berlin“-Kollektivs.

Jeden Tag lerne ich dazu, sauge Denkansätze von Theoretiker*innen, Aktivist*innen und Kulturarbeiter*innen, Künstler*innen auf wie ein Schwamm.
Andere haben Angst davor, sich selbst ein bisschen neu zu erfinden, ich lasse sie gedanklich gehen.
Menschen brauchen Referenzen, brauchen starke Pole, um sich zu positionieren.
Ohne den Norden kann man den Süden nicht erkennen.
The inbetween is mine.
Dazwischen ist der Raum, in welchem ich existiere, als die Summe meiner Erfahrungen und dem Mehrwert meiner Aktionen.
I am mine, ich bin frei zu entscheiden.

Es ist jetzt Vormittag,
die Sonne scheint unerbittlich in mein Fenster.
Ich höre den Track, der die Menschen auf unserer Demo motiviert hat,
der uns alle zum Gipfel des Konsenses getragen hat:

Hell you talmbout!
Walter Scott,
Jerame Reid
Philip White
Eric Garner
Trayvon Martin
Sean Bell
Freddie Gray
Aiyana Jones
Sandra Bland
Kimani Gray
John Crawford
Michael Brown
Miriam Carey
Sharonda Singleton
Emmett Till

Say their names!

Opfer rechter Gewalt in Deutschland seit 1990:
Say their names, too!

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