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„Das wollten wir nicht so stehen lassen!“

Mitfrauen distanzieren sich von Beschlüssen und Tendenzen der Frauenorganisation TERRE DES FEMMES.

03.07.17 > Inland

Von Tasnim Rödder

Am 22. Juni 2017 veröffentlichten Mitfrauen** der Organisation TERRE DES FEMMES einen öffentlichen Brief, in dem sie sich vom Vorstand und Geschäftsführung der Frauenorganisation distanzieren. Sie kritisieren Beschlüsse der letzten Vollversammlung zum Kopftuchverbot für Minderjährige und rechtspopulistische Tendenzen sowie die Ablehnung gendersensibler Sprache, für die TERRE DES FEMMES steht. Ein Interview mit Mitfrau Eva Ritte, eine der Unterzeichner*innen.

©Collage/Missy Magazine

MISSY: Wie laufen die Vollversammlungen von TERRE DES FEMMES in der Regel ab? Gibt es starke Hierarchien, die die Mitfrauen durchbrechen müssen?
Eva Ritte: Die Mitgliederversammlung beginnt mit Formalitäten, dann werden Anträge gestellt, die die anwesenden Mitfrauen im Plenum diskutieren. Jedes zweite Jahr wird ein neuer Vorstand gewählt. Generell würde ich sagen, dass die Versammlungen nicht besonders hierarchisch sind. Jede Mitfrau kann an der Mitgliederversammlung teilnehmen und besitzt eine Stimme – wenn jemand verhindert ist, kann sie ihre Stimme übertragen.

Und wie ist die Atmosphäre?
Wenn die Anträge diskutiert werden, kommt es natürlich zu Meinungsverschiedenheiten und Themen, die emotionalisieren. Einige Streitpunkte polarisieren besonders. Hinzu kommt, dass mit dem Fortschreiten der Zeit der Druck immer höher wird, Entscheidungen zu treffen. Da lädt sich die Stimmung schon mal auf. Meiner Meinung nach könnten Regeln zur gewaltfreien Kommunikation in diesen Momenten strikter eingehalten werden.

Warum habt ihr die Meinungsverschiedenheiten in puncto Kopftuchverbot und gendersensibler Sprache etc. nicht intern geklärt?
Wir haben unsere Standpunkte immer vertreten und Stellung bezogen – nicht nur während der Mitgliederversammlung, sondern auch in privaten Gesprächen. Beim Antrag zum Verbot des Kopftuchs bei Minderjährigen wurden wir auf der diesjährigen Mitgliederversammlung überstimmt.

Warum haben die Initiator*innen des offenen Briefs sich für diese Form des Protests entschieden?
Zu dem Brief kam es erst nach langem Überlegen. Wir akzeptieren die demokratischen Strukturen und Beschlüsse von TERRE DES FEMMES und wollten mit dem Brief keineswegs eine Kursänderung erzwingen, wie es uns jetzt zum Teil vorgeworfen wird. Dass wir die Entscheidungen kritisieren, heißt nicht, dass wir gegen den gesamten Verein sind. In einer Partei läuft es doch ähnlich ab: Nicht alle Parteimitglieder sind mit dem Parteiprogramm ihrer Partei vollkommen einverstanden. Wir verstehen uns in unserer Situation als Opposition, die der Öffentlichkeit zeigt, dass TERRE DES FEMMES nicht „den einen“ Feminismus vertritt, sondern viele. Die neuesten Beschlüsse entfernen sich zu weit von den Haltungen zahlreicher Mitfrauen – auch weil sie unserer Meinung nach alle Teil einer bestimmten Entwicklung des Vereins sind. Das wollten wir nicht so stehen lassen. Ein demokratischer Verein sollte souverän damit umgehen können.

Was erhofft ihr euch von dem offenen Brief?
Zuallererst möchte ich klarstellen, dass wir nie die Absicht hatten, den Verein mit unserem Vorgehen zu schädigen. Wir schätzen die Arbeit von TERRE DES FEMMES in vielen Bereichen sehr. Doch ich persönlich möchte z. B. nicht mit der Forderung nach einem Kopftuchverbot oder dem Ausschluss bestimmter Frauen* – Frauen mit Kopftuch, Sexarbeiterinnen und trans Frauen – assoziiert werden. Wir möchten mit dem Brief zeigen, dass es auch Menschen in der Organisation gibt, die manche Beschlüsse nicht vertreten. Und natürlich möchten wir auch eine Debatte anstoßen, um die Entscheidungen infrage zu stellen – nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb des Vereins.

Warum seid ihr nicht einfach aus dem Verein ausgetreten und habt eine neue Organisation gegründet?
Dann wären diese Positionen wahrscheinlich unkommentiert im öffentlichen Raum stehen geblieben – das wollten wir nicht. Und der offene Brief und neues Engagement schließen sich ja nicht gegenseitig aus. Wir wissen nicht, was in Zukunft noch passiert. Ich möchte an dieser Stelle allerdings nicht für alle sprechen. Manche wollen gerne dabei bleiben und sehen eine moralische Verantwortung, die es weiterhin zu tragen gilt. An dieser Stelle können wir die Situation wieder mit der einer Partei vergleichen: Wenn ein Parteimitglied mal nicht mit einer Entscheidung seiner*ihrer Partei übereinkommt, dann tritt er*sie in der Regel auch nicht sofort aus. Und ich würde an dieser Stelle auch gerne sagen, dass es nicht die erste heftige Auseinandersetzung innerhalb des Vereins ist.

Welche Reaktionen seitens des Vorstandes von TERRE DES FEMMES gab es bisher?
Bevor der Brief und das Interview mit der „taz“ am Freitag veröffentlicht wurde, informierten wir den Vorstand per Mail. Die Stellungnahme der Mitglieder des Vorstands erfolgte am selbigen Tag in einem Beitrag auf der offiziellen Webseite und am Montag in Form eines Blogbeitrages und in einem Onlineartikel der „Emma“. Das alles geschah, bevor sie sich persönlich an uns wandten. Was den Inhalt der Reaktionen angeht, so wussten wir natürlich, dass der Vorstand verärgert sein würde, hätten aber solche extremen Reaktionen nicht erwartet.

Warum?
Wir sind immer noch der Meinung, dass uns Mitfrauen mehr vereint als trennt. In den meisten Themen stehen wir auf einer Seite. TERRE DES FEMMES macht immer noch tolle Arbeit, die wir unterstützen möchten. Andererseits ist es auch wichtig, dass wir den Diskurs zulassen, wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt.

Der Vorstand wirft euch vor, dass alle Unterzeichner*innen des Briefes relativ neu im Verein sind. Ist das berechtigt?
Nein, ich sehe den Vorwurf als nicht berechtigt an. Es stimmt, dass unter den Unterzeichner*innen einige neuere Mitfrauen sind. Viele sind allerdings auch schon lange dabei, auch ehemalige Mitarbeiterinnen, als solche muss man nicht unbedingt Mitfrau sein. Ganz davon abgesehen, denke ich, dass die Länge der Mitgliedschaft kein ausschlaggebender Maßstab ist. Andere Frauen* sind vielleicht schon zwanzig Jahre Mitglied, haben sich aber nie aktiv engagiert. Ich z. B. bin „erst“ seit drei Jahren dabei, dafür sehr aktiv. Dreieinhalb Monate davon habe ich mich 35 Stunden die Woche sehr intensiv im Rahmen meines Praktikums mit dem Verein auseinandergesetzt.

TERRE DES FEMMES ist ein etablierter Verein: Kämpft ihr mit eurem Brief nicht gegen eure Mittel und Ressourcen, etwas mit dem Verein zu verändern?
Das würde ich so nicht formulieren. Man könnte es sogar eher als vereinsschädigend sehen, wenn Positionen nach außen vertreten werden, die rechtspopulistische Diskurse befeuern und den Ruf des Vereins dementsprechend verändern. Noch mal: Wir hatten nicht die Absicht, den Verein zu schädigen. Und dass wir unsere Meinungen kundgetan haben, heißt ja nicht, dass wir uns alle nicht mehr bei TERRE DES FEMMES engagieren und weiterhin feministisch aktiv sein möchten.

Wie viele Unterstützer*innen gibt es denn bisher?
Am Anfang waren wir um die 20 Frauen*, die den Brief unterschrieben. Mittlerweile sind es 36. Mit der Zeit kamen allerdings auch externe Aktivist*innen, Vereine und Einzelpersonen hinzu, die unsere Stellungnahme unterstützen. Wie z. B. Anne Wizorek und Suzie Grime. Das ist ein logischer Prozess: Denn die Streitpunkte spiegeln den aktuellen feministischen Diskurs in unserer Gesellschaft zu Themen wie Sexarbeit, Intersektionalismus und Umgang mit dem Islam wieder.

Wie du bereits sagtest: Es gibt viele Meinungsverschiedenheiten im feministischen Kreis. Ein solcher offener Brief ist auch ein gefundenes Fressen für Antifeminist*innen. Wie können wir in Zukunft besser mit unterschiedlichen Meinungen unter Feminist*innen umgehen?
Natürlich gibt es diejenigen Antifeminist*innen, die sich den Diskurs im Sinne ihrer Interessen zunutze machen. Deshalb haben wir versucht, in der Diskussion sachlich zu bleiben und Begriffe wie Spaltung und Unterwanderung zu vermeiden. Es ist wichtig, dass es den Diskurs gibt – wenn er denn konstruktiv ist. Wir als Feminist*innen sollten versuchen, nicht mehr in schwarz und weiß zu denken und Feminist*innen anderer Meinung sofort zu kategorisieren. Wir sollten uns mehr und besser zuhören.

Der Vorstand warf euch u. a. auch Kulturrelativismus vor: Kopftücher und Prostitution symbolisieren immer noch das Patriarchat. Warum befürwortet ihr das?
Was wir befürworten, ist, dass jeder Mensch sich frei entscheiden kann, wie er*sie leben möchte. Wir relativieren in keiner Weise Diskriminierung und Unterdrückung und möchten uns deswegen klar gegen den Vorwurf des Kulturrelativismus aussprechen. Wenn eine Frau tatsächlich unter Zwang steht, finden wir das immer gleich schlimm, egal wer den Zwang ausübt und wie er legitimiert wird. Und ja, wir leben immer noch in einer patriarchalen Gesellschaft. Aber wir brauchen eine andere Herangehensweise als Verbote, um dagegen anzukämpfen. Es gibt Möglichkeiten, sich aus freiem Willen aus dem Patriarchat zu befreien. Das heißt nicht, dass wir tatenlos zusehen, wie Frauen* den Strukturen unterworfen bleiben. Aber wir befürworten softere Maßnahmen, wie z. B. Beratungsstellen oder Kampagnen im feministischen Sinne – die es übrigens auch schon gibt bei TERRE DES FEMMES.

Wie soll es jetzt für euch und TERRE DES FEMMES weitergehen?
Wir Unterzeichner*innen des offenen Briefes hoffen, dass die Situation sich beruhigt und wir auf einem friedlichen Niveau weiter diskutieren können. Wir sollen uns wieder darauf besinnen, was uns vereint. Trotzdem bleibe ich bei meinem Standpunkt, dass ein Feminismus, der manchen Personen die Fähigkeit zur Selbstbestimmung abspricht und nicht alle Frauen* mit einschließt, eine Gefahr für Diversität in der Gesellschaft darstellt. Wir müssen uns bewusst werden, dass wir alle unterschiedliche Lebensrealitäten haben, und dementsprechend respektvoll und verständnisvoll miteinander umgehen.


**Mitglieder* von der TERRE DES FEMMES nennen sich Mitfrauen.

Eva Ritte, 26, studiert Rechtswissenschaften und Internationale Beziehungen in Berlin und Potsdam. Sie ist aktiv in verschiedenen Organisationen und Initiativen, insbesondere im Bereich Gendergerechtigkeit. Das letzte halbe Jahr verbrachte sie im Rahmen des Carlo-Schmid-Förderprogramms im Büro des Hohen Kommissars für Menschenrechte der Vereinten Nationen in Genf. Seit mehreren Jahren unterstützt sie internationale TDF-Kooperationsprojekte.

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