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„Es ist mir wichtig, für die Frauen in Guatemala aufzustehen“

Rapperin und Soziologin Rebeca Lane kämpft mit ihrer Musik für Gleichberechtigung in Südamerika.

10.07.17 > Musik

Von Lisa-Marie Davies

Rebeca Lane ist Rapperin, Poetin, Soziologin und bezeichnet sich selbst als Anarchistin. Ihre Texte sind feministisch und geprägt von den Erfahrungen, die sie als Frau in Guatemala gemacht hat. Gerade tourte sie mit ihrem neuen Album „Alma Mestiza“ durch Deutschland, jetzt ist sie in Spanien unterwegs.

©Juan Carlos Alvarado

Missy: Du gehörst zu den bekanntesten Hiphoper*innen in Mittelamerika. Wie bist du denn zum Rappen gekommen?
Rebeca Lane: Hiphop kam Anfang der 2000er-Jahre nach Guatemala. Da habe ich angefangen, zu Konzerten zu gehen, weil ich die Musik und die Kunst mochte, aber nie gedacht, dass ich selbst rappen könnte oder irgendwas in der Kultur machen würde. Ich war Zuschauerin und habe bei Konzerten geholfen, indem ich z. B. die Kasse gemacht habe. Kreativ war ich nicht. Aber 2012 habe ich im Rahmen meines Soziologiestudiums eine wissenschaftliche Untersuchung zum Thema Hiphop gemacht und angefangen, eine Radiosendung zu machen. Da bin ich mit vielen Künstler*innen in Kontakt gekommen. Die haben mich ermutigt, das Rappen auszuprobieren und meine eigenen Texte – ich habe damals schon Poesie gemacht – auf einen Beat zu sprechen und mit Musik zusammenzubringen.

Wie ist die Hiphop-Szene in Guatemala? Gibt es viele feministische Künstler*innen?
In Guatemala war ich die erste Rapperin, die sich als Feministin bezeichnet hat. 2012 haben wir die Bewegung Collectiva Urbana gestartet, bei der auch einige Frauen waren. Wir haben versucht, uns gegenseitig zu unterstützen. Aber viele von denen, die schon länger rappen, hatten keinen feministischen Ansatz und das Gefühl, wir würden ihnen etwas wegnehmen. Deshalb ist der Versuch gescheitert. Von da an habe ich alleine gearbeitet und angefangen, andere Frauen zu unterstützen, und sie in meine Shows eingeladen und beim Aufnehmen ihrer Songs unterstützt. Mittlerweile gibt es eine große feministische Rapper*innenszene in Guatemala. Es gibt einen sicheren Ort für Frauen. Viele kommen schon als Teenager zu uns und wir versuchen, sie willkommen zu heißen. Sie sollen verstehen, dass wir keine Konkurrent*innen sind, sondern dass wir alle Teil der Bewegung sind. Frau zu sein ist in Mittelamerika schon schwer genug, Frau in der Hiphop-Szene zu sein noch mehr. Das wollen wir ändern. Wir wollen Räume schaffen, in denen Frauen sich ausprobieren können, und die Männer* in der Szene dazu anregen, über ihre Privilegien nachzudenken – auch darüber, warum weibliche Künstler*innen bei Veranstaltungen so oft ausgeschlossen werden.

©Soy502

Du hast gerade schon angesprochen, dass die Situation für Frauen in Guatemala schwierig ist. Wie beeinflussen die gesellschaftlichen Umstände deine Arbeit und politischen Projekte?
Es ist mir wichtig, für die Frauen in Guatemala aufzustehen. El Salvador, Honduras und Guatemala sind die Länder auf der Welt, in denen die meisten Frauen umgebracht werden. Für mich und andere Rapper*innen ist es wichtig, über das zu sprechen, was Frauen passiert, über die Ursachen und was wir dagegen tun können. Wir sprechen aber auch über unsere eigenen Erfahrungen, weil wir glauben, dass Hiphop uns die Möglichkeit gibt, diese in Worte zu fassen. Wir leben die ganze Zeit mit Angst, sei es vor Vergewaltigungen oder häuslicher Gewalt. All diese Ängste wollen wir mit Musik verarbeiten. Wir wollen aber auch auf internationaler Ebene über Femizide sprechen, weil die Morde in Guatemala verschwiegen werden, sowohl vom Staat als auch von der Gesellschaft. Das zeigt, dass Gewalt gegen Frauen in Guatemala normal ist. Daran wollen wir rütteln.

Wie sind denn die Reaktionen auf deine Musik?
Viele Frauen finden sich in den Texten wieder. Die Szene wächst und wir erreichen viele Frauen – fast 95 Prozent der Konzertbesucher*innen sind weiblich. Wir führen aber auch viele Gespräche mit anderen feministischen Gruppen über die Situation in Mittelamerika.
Einige Männer dagegen fühlen sich ausgeschlossen, wenn wir Festivals nur für Frauen organisieren, und werfen uns vor, dass wir sie diskriminieren würden. Sie verstehen nicht, dass sie es sind, die uns auf ihren Veranstaltungen ausschließen, uns nicht einladen, auf der Bühne zu stehen. Gleichzeitig brauchen wir die Männer*, die sich für unsere Sache engagieren. Sie sollen auf unsere Konzerte gehen und uns unterstützen, aber nicht immer selbst in Mittelpunkt stehen. Das ist sehr schwer, denn die Männer* in der Hiphop-Szene sind oft selbst diskriminiert, von Rassismus betroffen und haben in der Gesellschaft nicht viele Privilegien, die sie sich aber in der Hiphop-Szene erarbeitet haben und die sie nun befürchten zu verlieren.

Gibt es auch Reaktionen aus konservativen, meist weißen Kreisen oder von der Regierung?
Direkte Reaktionen auf meine Musik gab es nicht. Aber viele Menschen, die in sozialen Bewegungen aktiv sind, werden kriminalisiert. Einige wurden verhaftet, weil sie sich für Umwelt- oder Menschenrechte einsetzten.
 Ansonsten werde ich nicht unterstützt und meine Musik wird nicht im Radio gespielt, weil sie meine Aussagen für nicht politisch vertretbar halten.

©Cynthia Vance

Dein Album „Alma Mestiza“ ist im Juni auf dem deutschen Label flowfisch.records erschienen. Was bedeutet das für dich?
Das bedeutet mir wirklich viel. Denn durch die Konzerte, die ich in Deutschland und Spanien gebe, kann ich Geld verdienen und in Mittelamerika andere Rapper*innen unterstützen. Das ist ein großer Schritt für mich. Dass meine Musik hier so viel Anklang findet, zeigt aber auch, dass die Frauen sich wiederfinden und die Situation für sie ebenfalls schwierig ist und sie ein Sprachrohr suchen.

Was sind deine aktuellen Projekte?
Derzeit produziere ich einige Videos zum aktuellen Album. Ich bin auch noch auf Tour – in Spanien, Kanada, Costa Rica und Mexiko. Im nächsten Jahr möchte ich aber neue Ideen umsetzen, dann bin ich wahrscheinlich mehr im Studio und weniger unterwegs.
Politisch kämpfe ich gerade dafür, einen Femizid aufzuklären, bei dem 56 Mädchen entführt und 41 von ihnen verbrannt wurden. Sie alle waren in Obhut des Staates untergebracht, dennoch übernimmt die Regierung keine Verantwortung. Wir Feminist*innen wollen Gerechtigkeit und hoffen, dass sich noch andere Frauen solidarisch mit den Familien zeigen.

Hier findet ihr weitere Infos zu Rebeca Lane und die Konzerttermine.

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