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G20 und die Hetze gegen Links

10 Dinge, die über G20 gesagt wurden und die Ereignisse verzerren.

10.07.17 > Inland

Von Leyla Yenirce

Was passiert, wenn sich während G20 zwei vermummte Gruppierungen Straßenschlachten liefern? Richtig: Alle hören auf, über den Inhalt des Gipfels oder die massive Überwachung der Hamburger*innen durch die staatliche Gewalt zu sprechen, sondern konzentrieren sich lieber auf eines: so viel Bullshit und Hetze wie möglich zu verbreiten.

Für alle, die es nicht wissen: Die Kämpfe trugen sich in dem hippen gentrifizierten Stadtteil Sternschanze, genauer gesagt auf dessen Hauptstraße Schulterblatt, zu. Die einen warfen mit Flaschen und Steinen, die anderen setzten Wasserwerfer und Pfefferspray ein.

©Flickr/JouWatch/CC BY-SA 2.0

Es folgen: 10 Dinge, die über G20 gesagt wurden und die die Ereignisse verzerren:

#1 Die Schanze ist Aleppo

Die Schanze ist nicht Aleppo, dieser absurde Vergleich wurde mehrmals auf Twitter gezogen und ist überhöht und respektlos. Hier in der Schanze sterben keine Menschen, es wird auch nicht Giftgas gestreut und außer denen, die in die Schlacht involviert sind, ist niemand gefährdet.

#2 Die Schanze ist eine linke und autonome Hochburg

Das war sie vielleicht mal in den 80ern, aber außer der Roten Flora ist nicht mehr viel in der Schanze links. Im Gegenteil: Die Schanze ist das hippe Paradies dieser Stadt. Eine schicke Bar nach der nächsten reiht sich zwischen WG-Zimmer, die über 500 Euro im Monat kosten. Das ist die Schanze.

#3 Die Schanze wird in Schutt und Asche gelegt

Schrieb die „Hamburger Morgenpost“, stimmt aber nicht. Ja, der Schulterblatt wurde auseinandergenommen. Die ganze Schanze hat es aber nicht getroffen, sondern die Hauptstraße und einen Verkehrsknotenpunkt am Neuen Pferdemarkt. Wenn wir über die Gewalt, die ausgeübt wurde, sprechen, müssen darüber zu sprechen, was genau passiert ist und in welchem Maße. Aussagen wie „Die Schanze wird …“ verallgemeinern die Ereignisse.

#4 Auf dem Schulterblatt herrscht Anarchie

Nein, auf dem Schulterblatt herrscht keine Anarchie, sondern Chaos. Anarchie bedeutet, frei von Herrschaft miteinander zu leben auf Grundlage von Solidarität und Respekt. Ein Zustand, in dem Läden willkürlich geplündert werden, ist rechtswidrig und chaotisch. Ein Raum, in dem die Polizei mit Spezialeinheiten und Sturmgewehren gegen Randalierer und Zivilist*innen vorgeht, gewaltvoll. Anarchie ist, wenn während G20 keine Autos mehr auf den Straßen fahren und alle Radfahrer*innen auf fünfspurigen Wegen nicht mehr auf die Verkehrsregeln achten, weil genug Platz für alle Radfahrer*innen ist und es auf Grundlage von gegenseitiger Rücksicht zu keinen Unfällen kommt auch ohne Polizist, der den Verkehr regelt. #AutosrausausdemStadtzentrum

#5 Keiner stoppt den linken Hass

Oder eher gesagt, keiner stoppt den Hass gegen Linke, denn eine Gruppe von Randalierern ist nicht die Linke. Die Linke sind über 100.000 Menschen, die am Samstag auf der „Grenzenlose Solidarität statt G20“-Demo protestiert haben. Zwischen ihnen gibt es Militante, die Gewalt als Mittel gegen das System sehen, aber die nicht als Verallgemeinerung einer ganzen politischen Positionierung instrumentalisiert werden dürfen. Das ist nicht richtig. Genauso wenig richtig wie die Annahme, alle Muslime seien Terrorist*innen oder alle Katholik*innen gegen die Homo-Ehe.

#6 Autonome greifen unsere Demokratie an

Ja, das tun sie, weil sie mit dem Ausleben der Demokratie in Deutschland nicht zufrieden sind. Die Polizei scheint es aber auch nicht, denn wenn sie es wäre, hätte sie die letzten Tage nicht massiv am Stück Gesetze gebrochen und verfassungswidrig gehandelt. Entzug journalistischer Akkreditierungen, Versammlungsverbote oder das Filmen abreisender Aktivist*innen sind nur einige Beispiele.

#7 Blast den Autonomen Pfefferspray durch ihre Venen

Nein, bitte tut das nicht. Und bitte hört auf, genozidale Sprache zu verwenden. Ihr seid nicht der IS, das hier ist nicht der Zweite Weltkrieg und es sollen auch nicht Menschen sterben, weil sich auf zwei Straßen Hamburgs Streit zwischen zwei vermummten Gruppierungen bildete. Warum reichen zwei Tage Flaschen werfen in Hamburg schon aus, damit Menschen anderen Menschen den Tod wünschen?

#8 Steuerzahler dürfen G20-Verwüstung bezahlen

Ja, dürfen sie und Steuerzahler*innen dürfen auch die Millionensummen zahlen, die die massive Polizeiüberwachung der letzten Tage gekostet hat. Abgesehen von den psychologischen und physischen Schäden, die diese Überwachung mit sich bringt. Schlaflosigkeit durch permanenten Hubschrauberlärm oder die Sperrungen des alten Elbtunnels, die die Mobilität der Bewohner*innen einschränkten, sind nur einige Beispiele.

#9 Egal in welche Filterbubble ich schau, was da in HH passiert, fühlt sich grad übel falsch und demokratiegefährdend an

Das dachte ich auch, als ich Freitagvormittag die Schanze betrat, keine einzige Gasse mehr nicht von bewaffneten Polizist*innen kontrolliert wurde und das nur, damit Menschen in dieser Stadt ein Selfie vor der Elphie machen können und ein bisschen Boss spielen. Dystopia wurde für zwei Tage real.

#10 Ich wüsste nicht, mit welchem Sicherheitskonzept man die Lage am Freitag hätte vermeiden können

Vielleicht mit dem Konzept, den Gipfel erst gar nicht im Zentrum einer Großstadt stattfinden zu lassen? #ScholzRücktritt, #GroteRücktritt

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  • Katharina L

    gibt es einen konrekten Grund dafür, zwar „Radfahrer*innen“ und „Zivilist*innen“, aber „Randalierer“ zu schreiben?

    Davon abgesehen: Danke für so manche Klarstellung!


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