Das Problem mit alten Schulfreund*innen bei Facebook

Muss man in der bürgerlichen Hölle alter Facebook-Freunde mit schmoren?

18.07.17 > Leyla Yenirce
Profilfoto Leyla Yenirce

Leyla Yenirce
Leyla Yenirce (*1992) lebt und arbeitet als Autorin, Filmschaffende und Künstlerin in Hamburg. In Niedersachsen aufgewachsen, folgten dort ein Studium der Kultur der Metropole plus Einschreibung an die Kunsthochschule. Sie ist Gründerin des intersektionalen Musikkollektivs OneMother und arbeitet derzeit an einem Film über die yezidische Diaspora in Deutschland.

Von Leyla Yenirce

Sie liken gruselige Massenputzaktionen, bei denen Hamburger*innen Bankautomaten polieren, und teilen Posts, die Polizeigewalt verharmlosen. Alte Schulfreund*innen von damals. Ich bin immer noch mit ihnen bei Facebook befreundet und außer einem verzogenen Gesicht à la Picasso beim Betrachten ihres politischen Werdegangs verbindet uns nur noch wenig. Sie passen sich Jahr für Jahr ihren bürgerlichen Eltern an und mutieren langsam zu der nächsten Generation Spießer*innen.

Facebook deckt auf: bürgerliche Schulfreund*innen. Auch auf deiner Timeline. @ Tine Fetz

Ich muss mich leider schon damit abfinden, dass ihre Meinungen in einer heterogenen Gesellschaft existieren, wenigstens in meiner Facebook-Freund*innenliste möchte ich selber entscheiden, mit wem ich es zu tun habe. Warum bin ich mit solchen Leuten also überhaupt noch über Soziale Medien in Kontakt?

Es ist ja so. Damals in der Schule mochten wir uns ganz gerne, aber wir sind halt in unterschiedliche Richtungen gegangen und eigentlich verstehen wir uns auch jetzt noch ganz gut, wenn wir uns alle zwei Jahre mal in der Heimatstadt über den Weg laufen und nicht mehr als Small Talk über uns ergehen lassen müssen. Aber zusätzlich dazu sind da noch die Posts und Likes, die sie (ver-)teilen und die ich höchst problematisch finde, weil unkritisch, heteronormativ und damit ziemlich uncool.

Das Problem mit den Schulfreund*innen von damals ist, dass früher das politische Bewusstsein der Größe einer Erdnuss glich und sich Freund*innenschaften meist aus dem ergaben, was einem an Musikinteressen oder modemäßig verband. Je älter man wird, desto mehr schätzt man aber Freund*innen, die vielleicht nicht denselben Musikgeschmack teilen, aber ein bisschen dieselbe Attitüde, mit der man durchs Leben geht. Und ein bisschen tut man sich dann ekeln vor den Selfies, auf denen sie in schicker Kleidung mit einem Glas Sektchen in der Hand ihr privilegiertes Leben feiern – aber man kann irgendwie noch die Person dahinter sehen und ihre Mütter und Väter waren auch immer sehr nett.

Das Einzige, was einen letztendlich verbindet, sind die Erinnerungen. Denn wenn es keine Interessenüberschneidungen mehr gibt, die einen zusammenhalten, bezieht man sich immer auf das eine, nämlich dass man früher befreundet war und in der Dorfdisco zusammen Party gemacht hat. Nur frage ich mich: Sind diese Erinnerungen so viel wert, dass man in Kauf nimmt, den ein oder anderen Like an der falschen Stelle zu akzeptieren, und dabei maximal genervt ist?

Was sind das denn überhaupt für Erinnerungen? Wenn ich an meine alten Schulfreund*innen denke, eigentlich ziemlich gute; Spaß haben, quatschen, halt Freund*innen sein. Wenn ich aber wirklich nachdenke, dann sind da auch viele unschöne Dinge dabei. Weiße Privilegien oder toxische Männlichkeit, über die wir uns nicht bewusst waren, die sich aber immer unbewusst auf uns auswirkten. Welche Gewalt sie auslösten, wurde mir erst im Nachhinein klar. Mein unreflektiertes 12- oder 16-jähriges Ich hatte sie zwar gespürt, aber konnte sie nicht richtig einordnen.

Ich wusste es ja damals auch nicht besser, deswegen kann ich ihnen auch nicht vorwerfen, dass sie es nicht wussten, aber ich weiß es jetzt und mein Jetzt guckt auf das Damals und sieht dann viele Dinge, die nicht schön waren und von denen ich weiß, dass das Jetzt der Sekttrinker*innen immer noch ein wenig aussieht wie ihr Damals. Deswegen ist es doch vielleicht besser, sie zu entfreunden, zumindest bei Facebook, denn dann sieht man sich irgendwann noch mal in der niedersächsischen Provinz, aber nicht jeden Tag über Soziale Medien. Oder man kann sie entabonnieren, damit man wenigstens nicht mehr mitkriegt, was sie mögen oder welche Posts sie teilen.

Die wahren Freund*innenschaften kristallisieren sich ohnehin nicht während der Teenager*innenjahre heraus, sondern irgendwann in den Zwanzigern. Denn dann haben viele die Suche nach Selbstfindung im besten Falle in die Tonne gekloppt oder wissen zumindest schon mal, was sie gut oder schlecht finden. Ok, ja viele wissen das mit Ende zwanzig auch noch nicht, aber welche Freund*innenschaft die Zwanziger besteht, hat sich immerhin als nicht gesundheitsschädlich erwiesen. Likes für Veranstaltungen wie „Hamburg räumt auf“ nach G20 lösen in mir nämlich sehr schnell Übelkeit aus, deswegen lieber Adieu alte Schulfreund*innen. In eurer bürgerlichen Hölle muss ich vielleicht doch nicht mit schmoren.

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