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„Alles ist politisch“

Rapperin Sara Hebe erzählt im Interview von Zeiten des Umbruchs, von der Kraft der Frauen und Glücksgefühlen.

20.07.17 > Musik

Von Valerie-Siba Rousparast

Übersetzung: Charlotte Sachse, Valerie-Siba Rousparast

Missy: Hi Sara, wo befindest du dich gerade?
Sara Hebe: Ich bin in Rom und es ist so cool, mein erstes Mal in Italien. Ich liebe diesen Ort. Es gibt so viele besetzte Häuser.

©Nicolás Savine

Hast du eine rebellische Vergangenheit?
Mein Beitrag des Widerstandskampfes war immer musikalischer Art. In Zeiten des Widerstands, als beispielweise ein Kulturzentrum in Buenos Aires geräumt werden sollte, habe ich dort Konzerte gegeben. Darüber hinaus habe ich künstlerische Aktionen in Räumen wie Fabrikhallen durchgeführt, die von den Fabrikarbeiter*innen zurückgewonnen worden waren und nun von ihnen selbstverwaltet werden. Davon gibt es relativ viele in Argentinien. Ich denke, dass die Philosophie der Besetzung und Rückgewinnung der Produktionsstätten eine der wenigen Dinge sind, die wir im Krieg mit dem Staat erreichen können.

Du machst schon seit langer Zeit Musik. Wie fing das an?
Meinen ersten Song habe ich 2007 geschrieben. Ich habe von klein auf Musik gemacht. Was mir immer sehr gefallen hat, war, sich Lieder auszudenken. Das ist die Arbeit, die ich am liebsten mache.

Wie hast du deinen eigenen Stil entwickelt?
Mein Stil hat sich  beim Machen von CDs ergeben. Es war eine Entdeckung, eine Reise. Ich setze mich mit allem auseinander, was auf mich zukommt. Mein Produzent Ramiro Jota hat viel damit zu tun. Die meisten Instrumentals auf meinen CDs sind von ihm, denn wir haben die letzten beiden Platten gemeinsam gemacht. Wir haben dabei nicht viel nachgedacht, sondern einfach getan. Die Musik, die ich mag, ist natürlich mit eingeflossen. Das ist alles von den Beastie Boys, Mala Rodriguez, Actitud, Maria Marta, Nirvana, argentinischem Cumbia und Punk, Funk, Carioca. Ich mag all das.

Deine Musik ist auch sehr politisch. Wie schätzt du die aktuelle Situation in Argentinien ein?
Manche Songs sind aus der Sicht meiner bourgeoisen Bubble geschrieben, die alle von uns haben, denn wir sitzen an unserem Computer in unserer Komfortzone. Manche Songs erzählen von meiner persönlichen Bubble und dem, was ich erlebt habe. Alles ist politisch. Ich bin politisch. Das ist meine Art zu kommunizieren.

Ich will mitteilen, dass der Staat scheiße und die Menschheit verloren ist. Mich macht der Zustand dieser „Welt“ echt tief traurig. Freundschaft, Solidarität und das Erlangen von realen Glücksgefühlen ist das Einzige, was auf dieser Welt vital ist.

Die politische Landschaft Argentiniens ist so miserabel wie schon lange nicht mehr, da sie von einer kranken Unterdrückung gezeichnet ist. Neulich wurden antikapitalistische Protestcamps bereits unterdrückt, da hatten sie noch nicht mal wirklich mit ihrer Arbeit begonnen. Ich hab wirklich Hoffnung und Glauben verloren. Wir haben die schlimmsten Präsidenten.

Sara Hebe ist am 22. Juli in Berlin im Cassiopeia zu sehen.

Es ist auffällig, dass die meisten HipHop-Acts aus Südamerika, die in Europa bekannt werden, sehr politisch sind – und dazu überwiegend Frauen. Man denke neben dir an Ana Tijoux oder Rebeca Lane. Wie erklärst du dir das?
Wir befinden uns gerade an einem historischen Moment, in dem Frauen häufiger in der Szene auftauchen als Männer. Denn die Geschichte ist sexistisch und diese Struktur fällt gerade auseinander. In Argentinien gibt es so viele Frauen, die Talent haben, zu schreiben, zu singen, Filme zu machen. Sie managen soziale Bewegungen. Frauen sind stärker als Männer und sie sind jetzt hier, um zu kämpfen. Die Männer befinden sich in einer Krise. Die Sensibilität der Frauen, trans Personen sowie Travestiekünstler*innen ist viel größer.

Trotzdem scheint es manchmal,  als ob innerhalb des Musikbusiness Frauen sich einander häufig nicht solidarisch zeigen. Sollten sie nicht mehr zusammenarbeiten?
Ja, ich denke, dass das auf Wettbewerb ausgerichtete Verhalten von Frauen untereinander patriarchalen Strukturen zuzuschreiben ist. Aber dieses Paradigma wird langsam niedergerungen. Der Weg dahin wurde bereits in den letzten Jahrhunderten geebnet.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

 

 

 

 

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