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Unterwegs mit Silvertop

Bettina Köster, einstige Frontfrau von Malaria! und „Queen of Noise“, über die Entstehung ihres neuen Albums.

24.07.17 > Musik

Von Christina Mohr

Wer ist eigentlich Kolonel Silvertop? „Das wollte ich erst mal gar nicht so genau wissen“, lacht Bettina Köster gut gelaunt ins Telefon, ihre Stimme so rauchig und androgyn wie auf ihrem neuen Album, das nach ebendiesem Kolonel benannt ist. Die Geschichte zum Titel geht so: „Ich hatte einen Auftritt in Antwerpen und fand die Venue nicht – immer wieder kam ich an der Kolonel Silvertopstraat raus. Alle Wege führten zu Silvertop, das gefiel mir!“

© Klaus Pichler

Intuitiv hatte sich Bettina Köster einen guten Namenspatron ausgesucht, denn David Silvertop stellte sich bei der Recherche als mutiger britischer Soldat heraus, der eine wichtige Rolle bei der Befreiung Antwerpens 1944 spielte – und auch heute noch nachzuwirken scheint. „Silvertop hatte die Kontrolle über die Aufnahmen übernommen“, erzählt Köster, weil die neue Platte ursprünglich eine Art Best-of werden sollte, mit nur zwei, drei neuen Songs. Aber Silvertop machte, was er wollte, und die Songs fügten sich wie von selbst zu einem buchstäblich runden Ganzen aus dunklen Elektro-Chansons mit Underground-Charisma.

Bettina Köster, in Herford geboren, gründete mit Gudrun Gut erst Mania D., 1981 dann die legendäre Band Malaria! („Kaltes klares Wasser“). Mit Gut und Malaria!-Gitarristin Manon Pepita Duursma trifft sich Köster – zusammen bekamen sie von John Peel den Titel „Queens of Noise“ verliehen – auch heute noch oft „gern zum Streuselkuchenessen am Bahnhof Zoo“, zumindest so lange sie in Berlin ist: „Ich lebe seit Monaten aus dem Koffer, das nervt ein bisschen.“ Köster wohnt sonst hauptsächlich in Paestum, Salerno, wo auch der erste Teil der „Silvertop“-Aufnahmen stattfand, die zweite Aufnahmephase wurde im Berliner Candy Bomber Studio abgewickelt.

Ab Mitte der 1980er-Jahre lebte Köster viele Jahre in New York, wo sie nach dem Split von Malaria! mit Künstler*innen wie John Cale oder Nina Hagen auftrat, irgendwann aber ganz profan Geld verdienen musste. „Ja, klar kannst du schreiben, dass ich als Börsenanalystin gearbeitet habe – so aufregend war das nicht. Aber ich habe viel über den Zusammenhang von Angst und Gier gelernt, haha!“

Auch wenn Köster gern von früher erzählt – man könnte ihr stundenlang dabei zuhören –, steht sie mitten in der Gegenwart. Es freut sie besonders, dass neben alten Freund*innen und Weggefährt*innen wie Malaria!-Kollegin Christine Hahn oder Justus Köhncke junge Musiker*innen wie Cellist Jan Tilman Schrade an „Kolonel Silvertop“ mitgearbeitet haben: „Toll, wenn man sich gegenseitig befruchtet!“ Aus ihrem eigenen Alter macht Bettina Köster keinen Hehl: Der Albumopener „1959“ zählt die wichtigsten Ereignisse ihres Geburtsjahrs auf. „Als ich fünfzig wurde, bekam ich von der Stadt Graz den Preis als ‚most promising elderly artist‘ verliehen“ – sie lacht wieder tief und rau –, „das fand ich super!“

Zwei Coverversionen finden sich auf „Kolonel Silvertop“: Peter Sarstedts „Where Do You Go To My Lovely“, das durch Kösters androgyne, schlussendlich doch feminine Interpretation einen ganz besonderen Twist erfährt, sowie „Der Novak“, eine Neubearbeitung von Hugo Wieners einst als skandalös verschrieenem 50er-Jahre-Chanson: „Meine Eltern schlossen immer die Tür, wenn sie die ‚Novak‘-Lieder hörten. Das hat uns als Kinder natürlich sehr neugierig gemacht. Ich hatte das Lied längst vergessen, Christine Hahn hat mich glücklicherweise wieder darauf gebracht.“ Im stimmungsvollen Schwarz-Weiß-Video von Christoph Voy agiert Bettina Köster souverän als elegante Grande Dame und Herr im Anzug. Doch am liebsten tritt sie live auf: Einen ersten Test für die „Silvertop“-Songs gab es im vergangenen Herbst in Christiane Rösingers Flittchenbar-Gala, eine Tour ist in Planung. Say hello to Silvertop!

Bettina Köster „Kolonel Silvertop“
(Pale Music), bereits erschienen

 

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