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Jenseits des Horrors

Mit dem Comic „Mohnblumen aus dem Irak“ setzt Brigitte Findakly ihrer Geburtsstadt Mossul ein Andenken.

02.08.17 > Comics

Von Barbara Schulz

„Der irakische Nationalsport war das Tratschen und das ist es bis heute … Über Politik zu sprechen, war immer gefährlicher geworden“, heißt es in „Mohnblumen aus dem Irak“. Normalerweise arbeitet Brigitte Findakly, die 1959 in Mossul geboren wurde und 1972 mit der Familie nach Frankreich ins Exil ging, als Koloristin, u. a. für populäre Comicautoren wie Joann Sfar, Riad Sattouf und Lewis Trondheim, mit dem sie auch verheiratet ist. Doch als der „IS“ 2014 in ihre Geburtsstadt einfiel und eine Rückkehr unmöglich machte, beschloss sie, ihre eigene Geschichte niederzuschreiben. Ihre ersten Versuche an der Graphic Novel befand die Künstlerin jedoch für zu emotional – und holte sich ihren Mann an Bord.

Lewis Trondheim und Brigitte Findakly © gettyimages/Nicolas Guerin

Die Episoden in „Mohnblumen aus dem Irak“ sind immer wieder unterbrochen von Seiten mit alten Familienfotos aus Findaklys privatem Archiv. Der autobiografische Comic ist nicht-linear erzählt: Er rückt vor allem Findaklys Kindheits- und Jugenderinnerungen aus den 1960er- und 1970er-Jahren in den Mittelpunkt, stellt aber auch immer wieder Bezüge zur Gegenwart her. Mal geht es um die kleine Brigitte, Tochter einer Französin und eines Irakers, die glücklich in einer begüterten Familie – ihr Vater war Zahnarzt – aufwächst, aber schon früh spürt, dass sie als Christin anders ist als ihre muslimischen Mitschüler*innen. Mal geht es um die heute erwachsene Brigitte, die in Montpellier lebt und sich um ihre Eltern sorgt.

© REPRODUKT

Es sind Details und scheinbare Nebensächlichkeiten, anhand derer Findakly das politische und gesellschaftliche Klima im Irak veranschaulicht. Die Texte durchzieht feiner Humor, gleichwohl sind Sprache und Zeichenstil schnörkellos. Das sei gewollt, wie Brigitte Findakly dem Portal comic.de erzählt: „Was ich erlebt habe, war kein Horror, keine tragische Erzählung, nur eine Familiengeschichte. Ich wollte keine Dialoge erfinden, historische Nacherzählung betreiben oder auf die Tränendrüse drücken.“

Brigitte Findakly/Lewis Trondheim „Mohnblumen aus dem Irak“ Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock, Reprodukt, 112 Seiten

Das ist ihr gelungen. So gewinnen die Leser*innen sowohl düstere als auch schöne Einblicke in das Leben im Irak: Etwa wenn der Vater im Winter spät abends Kastanien röstete, um sie seiner Tochter ans Bett zu legen, damit sie diese am nächsten Morgen finden würde.