Lethargie und Langzeitbeziehung

Die Tragikomödie „Die Hannas“ erzählt berührend von den Tücken einer Langzeitbeziehung.

10.08.17 > Film & Serien

Von Lene Glinsky

Seit 15 Jahren sind Anna (Anna König) und Hans (Till Butterbach) ein Paar. Sie sind schon  so sehr zusammengewachsen, dass sie auch namentlich von ihren Freund*innen nur noch als „Die Hannas“ bezeichnet werden. Anstatt sich gegenseitig zu vernaschen, kochen sie lieber aufwendige 4-Gänge-Menüs und servieren sie befreundeten Pärchen. Bewundernd fragt beim Essen schließlich eine Freundin, wie sie das denn eigentlich schaffen würden: „so im Kompromiss glücklich sein“. Das bringt den Hauptkonflikt des Filmes auf den Punkt: Wie kann in einer Beziehung die richtige Balance zwischen Hingabe für eine Person und Achtung für die eigenen Bedürfnisse gefunden werden?

Eigentlich glücklich: Die Hannas. © W-Film / tellfilm

Als die lebhafte und verspielte Nico (Ines Marie Westernströer) in Annas Massagepraxis auftaucht, beginnt Anna ihre Zufriedenheit in der Beziehung infrage zu stellen. Gespräche über Konflikte gibt es bei den Hannas nämlich eigentlich nicht. Wenn doch, werden sie unter Bettdecken mit verniedlichten Stimmen und mithilfe eines kleinen Mangobaumes ausgetragen. Ist das vielleicht eher Gewohnheit als Glück? Und wieso wünscht sich Anna seit Jahren vergeblich, statt an die Ostsee einfach mal nach Mexiko zu fliegen?

Zur gleichen Zeit lernt Hans Nicos Schwester Kim (Julia Becker) kennen. Alle vier wissen nichts von der Bekanntschaft der anderen, und die Hannas beginnen parallel eine Affäre mit jeweils einer der Schwestern. Während Anna und Nico leidenschaftlich übereinander herfallen, kuscheln, träumen und sich bei der anderen zu Hause fühlen, weist Kim den anfangs verunsicherten Hans in ihre SM-Vorlieben ein. Dabei geht es vor allem für die beiden Hannas um eine Neuentdeckung ihrer eigenen Sexualität, denn sexuelle Befriedigung wird in ihrer Beziehung durch die gemeinsame Liebe zum Essen und Kochen ersetzt. Orgasmisch stöhnend räumen die beiden das Eisfach auf, lutschen genüsslich an den beiden Enden einer Sommerrolle und verspeisen gemeinsam im Bett Hähnchenschenkel.

Nach ihrem ersten Langfilm „Das Floß“ beweist die Regisseurin Julia C. Kaiser erneut ihr Talent für die ungewöhnliche Betrachtung von zwischenmenschlichen Beziehungen. Die alltäglichen Szenen werden immer wieder von surrealen und bunten Traummomenten durchbrochen. Diese sind sowohl ästhetisch als auch witzig inszeniert. Etwa wenn Anna durch einen pinken Filter von Nico träumt, wie sie in Zeitlupe nach einem  vulvaförmigen Klettergriff greift. Dadurch bekommt der Film trotz seiner vielen sehr vertrauten Aufnahmen von U-Bahnen, vollgestellten WG-Küchen und engen Berliner Wohnungen einen künstlerisch sehr eigenen Stil.

Häufig zeigt der Blick der Kamera Momente, in denen sich die Figuren unbeobachtet fühlen und kurz aus ihren gesellschaftlichen Rollen fallen. In einem Moment des Ertapptseins etwa, wenn nach Annas erstem Flirt mit Nico plötzlich Hans hinter ihr in der Tür steht, starrt sie uns kurz hilflos durch die Kamera an, ehe sie sich umdreht und Hans stürmisch küsst. Kaiser lässt die Zuseher*innen an diesen kleinen, heimlichen Momenten teilhaben und so das Gefühl einer intimen Beziehung zwischen ihren Protagonist*innen und dem Publikum entstehen.

Interessant ist auch die Darstellung der beiden Schwestern Nico und Kim. Erst spät thematisiert der Film ihre gemeinsame Vergangenheit und dass Nico Missbrauch durch den eigenen Vater erfahren hat. Kaiser lässt ihre Figuren in einer direkten, aber auch sensiblen Art über sexualisierte Gewalt sprechen. Fast beiläufig erzählt Nico Anna von der Vergewaltigung durch ihren Vater und dem daraus entstandenen Sohn Basti (Tim Blochwitz). Das ist sehr berührend, aber das Trauma, von dem erzählt wird, bestimmt nicht Nicos ganze Persönlichkeit: Wir sehen immer noch die lebenslustige, weltreisende Nico, der etwas Schlimmes geschehen ist, doch die sich nicht zum Opfer machen lässt und sagt „man kann damit leben – man kann sogar sehr gut damit leben“. Damit zeigt Kaiser auch eine Alternative zum Stereotyp des lebensunfähigen und traumatisierten Missbrauchsopfers, das oft in Filmen und Serien bedient wird.

Die beiden Schwestern zeigen den Hannas, wie wichtig es ist, sich selbst zu erlauben, dem eigenen Begehren zu folgen und mal ganz egoistisch das Glück für sich selbst zu suchen. Dabei stellen die Hannas fest, dass sie miteinander zwar nicht unglücklich sind, aber sich selbst irgendwo in den 15 Jahren Zusammenwachsen vergessen haben und jetzt erst mal wieder Hans und Anna sein müssen. „Die Hannas“ zeigen so, dass es sich lohnt, auch nach langer und bequemer Zeit noch mal einen Schritt über die gewohnten Grenzen zu wagen, und vor allem, was für eine wichtige Bedingung Selbstliebe für die aufrichtige Liebe zu anderen Menschen ist.

„Die Hannas“ DE 2016. Regie: Julia C. Kaiser. Mit: Anna König, Till Butterbach, Ines Marie Westernröder, Julia Becker u. a., 102 Min., Start: 10.08.2017

Schließlich reden dann endlich alle mal Tacheles miteinander, es wird geweint, ein Feuerwerk gezündet und sich verabschiedet. Am Ende sind alle irgendwie glücklich und bereit für einen Neuanfang. Was uns dieser Film mit seinen herrlich normal-seltsamen Figuren lehrt? Manchmal ist es eben kompliziert, aber meistens ist es das dann doch auch wert.

 

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