Strike A Pose

Wie ich ziemlich beschämt einen Voguing Workshop verließ.

15.08.17 > Leyla Yenirce
Profilfoto Leyla Yenirce

Leyla Yenirce
Leyla Yenirce (*1992) lebt und arbeitet als Autorin, Filmschaffende und Künstlerin in Hamburg. In Niedersachsen aufgewachsen, folgten dort ein Studium der Kultur der Metropole plus Einschreibung an die Kunsthochschule. Sie ist Gründerin des intersektionalen Musikkollektivs OneMother und arbeitet derzeit an einem Film über die yezidische Diaspora in Deutschland.

Von Leyla Yenirce

Vor kurzer Zeit lud mich eine Freundin ein, mit ihr an einem Voguing-Workshop teilzunehmen. Da ich gerne tanze, beschloss ich mitzugehen. Weniger als die Hälfte der Teilnehmer*innen beim Workshop waren Schwarz, die Kursleiterin nicht und ich ebenfalls nicht. Der Teilnahmepreis lag bei fünf Euro und am Ende hätte ich am liebsten mein Geld zurückverlangt. Denn in dem Workshop wurden die Geschichten queerer Schwarzer und Latinx Communitys schlichtweg ignoriert, um aus ihnen langweilige weiße Geschichten zu machen. Ohne ein Wort über die Entstehung des Tanzes zu verlieren, ging es in dem zweistündigen Workshop darum, so technisch und präzise wie möglich bestimmte Bewegungen zu imitieren.

Madonna ist nicht die letzte und einzige weiße cis Frau, die sich mit Voguing schmückt © Tine Fetz

Klar ist Technik beim Tanzen wichtig, aber man kann sie nicht kontextlos vermitteln – vor allem nicht bei einer Tanzart, die aus einem sehr spezifischen Zusammenhang entstanden ist: Schwarze und latinx queere – besonders schwule – und trans Personen – besonders transfeminine – haben Voguing-Kultur geschaffen. Die meisten von ihnen hatten keine klassische Tänzer*innenausbildung, sondern lebten arm oder prekär. Es heißt auch,  dass das im Voguing übliche Posing in US-Gefängnissen entstanden ist.

Wie einfach kulturelle Aneignung funktioniert, wurde während des Workshops sichtbar: Nicht-Schwarze Tänzer*innen gucken sich die Schritte beim Voguing von queeren Schwarzen Tänzer*innen ab, bieten dann Kurse an, in denen sie anderen Menschen gegen Geld jene Schritte beibringen, und am Ende freuen sich alle über ein paar coole Moves, die sie nicht erfunden haben. Das Beste daran: Wenn die Tanzart dann medial reproduziert wird, muss niemand die schwulen Schwarzen Personen sehen, sondern das weiße normative Gesicht privilegierterer Menschen oder das von Madonna. Whitewashing at its best.

Ich erwarte von niemandem, mir kostenlos Bildung zu schenken. Aber von einer nicht-Schwarzen Kursleiter*in, die mit dem Unterrichten eines Tanzes aus queerer Schwarzer Kultur Geld verdient, fordere ich, dass er*sie ein Bewusstsein dafür schafft, dass wir uns gerade an etwas bedienen, das nicht uns gehört, weil wir es nicht erfunden haben. Wenn die Kursleiter*in ein wenig sensibler wäre, hätten wir vorher über die Geschichte des Tanzes und die Bedingungen, unter denen er entstanden ist, gesprochen. Wenn ich ein wenig mutiger wäre, hätte ich am Anfang oder wenigstens am Ende des Kurses sagen können, dass es alles in allem ein ziemlich whacker Workshop war. Abgesehen davon, dass diejenigen, denen der Raum eigentlich gehört, nämlich die wenigen Schwarzen Teilnehmer*innen, im Hintergrund verweilten, während die nicht-Schwarze Leiterin ihr Ich-weiß-über-eure-Kultur-besser- Bescheid-als-ihr-Ding durchzog.

Egal, ob man sich Feminist*in nennt oder nicht, niemand ist jemals frei davon, antifeministisch zu handeln oder eine andere Form der Gewalt auszuüben. Es passiert die ganze Zeit, selbst dann, wenn wir denken, dass wir ja nur an einem Tanzworkshop teilnehmen, während wir unbewusst die Geschichte einer ganzen Kultur vernachlässigen. Unreflektiert, Rassismus reproduzierend, damit auch überaus uncool und am Ende ziemlich beschämend.

Du kannst nicht genug bekommen? Unser Print-Abo versorgt Dich mit dem Neuesten in Sachen Politik, Pop, Debatten und Veranstaltungen! 6 Hefte für 30 Euro direkt zu Dir nach Hause. Hier geht´s zum Missy-Abo.
  • Spiritismus

    In einem Punkt gebe ich der Autorin recht: Die Kursleiterin hätte definitiv etwas zur Geschichte des Tanzes erzählen sollen. Das gehört sich einfach, wenn man sich etwas kulturelles aneignet, um es anderen weiterzuvermitteln. Damit schafft man auch subtil ein Gespür für ein bisschen Kultur, die möglicherweise nicht die eigene ist. Und natürlich Respekt. Ansonsten ist es wieder das gewohnte Cis-Bashing, wie es hier auf Missy leider oft stattfindet.
    Auch als NonPoC hat die Dame das Recht, diesen Tanzkurs anzubieten, ohne permanent hinterfragt zu werden. Sie hat auch das Recht, etwas über die Kultur und Geschichte anderer zu erzählen. Das machen Geschichtslehrer*innen übrigens ständig. Was hätte sie deiner Meinung nach tun sollen? Die PoC, welche sich im hinteren Bereich aufhielten, nach deren kulturellem Hintergrund bezüglich des Tanzes zu fragen? Vielleicht haben sie ja den gleichen wie du. Vielleicht oder sogar wahrscheinlich sind sie in Deutschland geboren und nennen die deutsche Kultur ihre eigene und haben überhaupt keine Ahnung davon, wie der Tanz sich gesellschaftlich entwickelt hat, weil nicht das deren Gesellschaft ist, sondern die deutsche. Wir sollten das leidige Thema der Hautfarben endlich hinter uns lassen und nicht ständig Menschen voneinander differenzieren aufgrund dessen, wie sie nun mal geboren sind. Du hättest die Anbieterin des Kurses auch freundlich darauf hinweisen können, dass es interessanter wäre, wenn sie explizit auf die gesellschaftlichen Spannungen und Probleme hätte hinweisen können, die zur Entstehung dieses eigentlich politischen Tanzes beigetragen haben. Ich glaube, dass das auch für sie eine Bereicherung und von Interesse sein könnte. Dein Artikel ist doch recht leidenschaftlich, von daher ist es schade, dass du das Problem, welches du hast, nicht versuchst am Schopf zu packen, um sofort etwas zu ändern. Einen tief konservativen und rechten Menschen wirst du möglicherweise nicht (mehr) ändern, aber die Kursleiterin ist sicher offen für jeglichen Diskurs bezüglich deiner Problematik. Ansonsten sollten wir damit aufhören, Menschen zu diffamieren, die sich für andere gesellschaftliche und kulturelle Gegebenheiten interessieren und versuchen, die Menschen als Einheit zu betrachten bzgl der Hautfarbe (oder des Geschlechts).
    Viele Grüße,
    Marie

  • Martin Elias Wirth

    Dachte erst, der Artikel wär eine von den vielen Spinnerereien, die die „SJW-PC“-„Cultural Appropriation“ Spaßverderber mit sich bringen.
    Aber holla-die-Waldfee; was hab ich gestaunt!! – das stimmt ja alles was da stehen tut!


Beitragsnavigation