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Pop-Kultur für alle!

„Niemand sollte Kunst unter schlechten Bedingungen machen müssen.“ Dafür setzt sich Katja Lucker, Direktorin des Pop-Kultur Festivals in Berlin ein.

21.08.17 > Musik
©Jakob and Hannah/PR/Sven Serkis

Euer Line-up für das Pop-Kultur Festival ist im Vergleich zu anderen Festivals auffallend divers. Habt ihr euch bewusst dafür entschieden?
Ja. Das ist auf meinem Mist gewachsen. Als Festivaldirektorin will ich mindestens 50/50 (Männer- und Frauenanteil), ich will, dass es divers ist. Ich fordere das in meinen Gremien und Jurys ein. Gerade Frauen setzen sich dort häufig nicht für mehr Diversität ein. Im Laufe meiner eigenen Arbeit und den vielen ätzenden Sachen, die ich selber erlebt habe, bin ich jetzt so weit, dass ich sage: Wir machen eine Quote. Guck dir die anderen Festivals an – selbst wenn Frauen an der Spitze von Festivals sind, hast du fast immer weiße männliche Line-ups.

Siehst du auch positive Gegentendenzen?
Ich habe das Gefühl, dass wir durch Frauen wie Margarete Stokowski wieder einen neuen coolen Feminismus haben. Ich glaube, eine Zeit lang dachten die Leute, Feminismus ist Stricken und Alice Schwarzer. Und jetzt haben wir viele Frauen*, die selbstverständlicher einfach Dinge machen. Aber es gibt auch die negativen Beispiele, wie wenn Melania Trump sagt, sie sei Feministin, wo ich denke, weß ick jetzt nicht, dann möchte ich keine Feministin sein.

Feminismus wird also cooler. Merkst du das auch bei deiner Arbeit?
Für mich ist es inzwischen ganz selbstverständlich geworden zu sagen, ich bin Feministin. Das hätte ich vor 15 Jahren vielleicht nicht so getan. Trotzdem sind wir noch bei den Anfängen. Ich war letztens wieder die einzige Frau bei einer Gesprächsrunde. Es heißt dann, es gibt ja sonst niemanden. Ich bin mittlerweile so weit, dass ich daraufhin Listen verschicke mit den Namen toller Frauen.

Wie sind die Reaktionen auf deinen Einsatz?
Natürlich macht man sich damit auch Feinde, aber dadurch, dass wir Steuergelder verwalten, ist es unsere Pflicht, darauf zu achten (divers zu sein). Ich sage so was auch auf ’nem Panel und kriege hinterher lange E-Mails, weil sich Leute auf die Füße getreten fühlen. Da denkt man dann so, ey, ist das Mafia, willst du mir jetzt drohen, mir ’nen toten Wellensittich in den Briefkasten legen? Ich werde einfach immer so weitermachen.

Aber als ich diesen Job bekommen habe, gab es Typen, die gesagt haben: „War ja klar, dass du den Job kriegst, bist ja ne Frau.“ Ich sag dann immer nee, ich hab den bekommen, weil ich gut bin.

Lustig war es mal bei einer Sitzung, es ging um Immobilienwirtschaft, wo traditionell immer viele ältere weiße Männer rumsitzen. Alle saßen da schon so kaffeetrinkend und ich kam rein und dann hieß es: „Ist ja super, dass du da bist – kannst du nicht noch ein paar von deinen Freundinnen anrufen?“

Katja Lucker mit Martin Hossbach und Christian Morin ©Patrick Desbrosses

Wie erklärst du dir den Widerstand, den du erlebst?
Ich glaube, das ist tatsächlich ganz oft Angst. Ganz viele Menschen arbeiten ganz prekär. Manchmal muss man einfach gucken, wie man seine Schrippen verdient. Du musst dir vorstellen, in der Musik sind Frauen auch in größeren Unternehmen fast immer nur in ausführenden Tätigkeiten. Und dann ist das so eine ganz philosophische Frage: Wann fängt man an, für etwas zu kämpfen?

Katja Lucker, ist Direktorin des Pop-Kultur Festivals und Vorsitzende des Music Board Berlin.

Apropos kämpfen und an die Öffentlichkeit gehen: Was hältst du von dem Feminismus, den Mainstreamkünstlerinnen wie Beyoncé transportieren?
Das Ding ist ja, wenn du so oft einen Körper, der heteronormativ geformt ist, zur Schau stellst, um deine Kunst zu promoten, fragt man sich, ob das auch geht, ohne mal die Brüste zu zeigen. Wenn also Beyoncé sagt, sie ist Feministin und sie ist Chefin, denken dann junge Mädchen: „Jo, ich mach mein Business und scheiß auf die Typen“ oder denken sie, sie müssten dafür auch erst mal genauso aussehen wie sie? Es ist ja immer gut, wenn man sieht, jemand ist Chef, aber Theresa May ist auch Chef.

Smerz © PR

Das Torstraßenfestival wurde dieses Jahr mit Performances eröffnet. Auch beim Pop-Kultur Festival arbeitet ihr dieses Jahr mit dramaturgischen Elementen. Ein Trend?
Wir probieren da gerade etwas aus mit diesen Commissioned Works. Das gibt es in der Klassik, im Theater, in der bildenden Kunst und wir haben jetzt auch an Musiker*innen Aufträge vergeben. Unsere Popkultur ist sehr jung und wird deswegen manchmal nicht so ganz ernst genommen. Dabei ist Popkultur viel mehr und und so zeigen wir, dass sie sich auch mit Inhalten auseinandersetzt.

Little Simz © PR

Fließen deshalb Fördergelder eher in klassische Kulturbetriebe?
Unsere Lobby ist nicht so stark wie die der Klassikmusiker*innen und der Theaterleute, die in Gewerkschaften organisiert sind – wir nicht. Aber Subkultur ist halt auch Subkultur, weil sie auch oft nicht mit denen, die das Geld verteilen, also dem Staat, so viel zu tun haben wollen. Ich finde es nicht ok, wenn gesagt wird: „Das ist Subkultur und prekär, finde dich damit ab.“ Niemand sollte unter schlechten Bedingungen Kunst machen müssen.

Auf welche Acts freust du dich besonders?
Ich freue mich total auf Abra, weil ich die auch als Person so toll finde und letztes Jahr mit ihr Wodka getrunken habe. Ich freue mich auf Evvol, Smerz, Little Simz und auf Balbina. Oder auf so tolle Specials wie die „Typewriter-Klangwelten“ von Hendrik Otremba.

Das Pop-Kultur Festival zeigt Musik, Performances und Talks u.a. von Abra, Smerz, Lady Leshurr und vielen anderen. Es findet vom 23.–25. August in der Kulturbrauerei Berlin statt. Mehr Infos und Tickets gibt es hier.

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