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Kreativer Widerstand: glitza glitza bleibt!

Was die Vertreibung eines queerfeministischen Ladens über Stadt und Macht sagt, erzählen glitza glitza.

28.08.17 > Beruf

Interview von Hengameh Yaghoobifarah

Der Kreuzberger Laden glitza glitza ist ein Ort der Begegnung – für die queerfeministische Community und darüber hinaus. Nun droht dem Projekt die Schließung. Die beiden Betreiberinnen sprechen über die Bedeutung von glitza glitza, die Vertreibung von FrauenLesben-Räumen und Solidarität.

Bei glitza glitza gibt es dieses Statement-Shirt und was das queerfeministische Herz sonst noch so begehrt © glitza glitza

Was ist glitza glitza?
glitza glitza: Es ist ein queerfeministisches Projekt von zwei Frauen, she-trigger und nrt. Gemeinsam arbeiten wir seit circa fünf Jahren, sind aber beide schon länger politisch aktiv. She-trigger dokumentiert seit zwölf Jahren die Szene (auch über Berlin hinaus, darunter diverse queer- und ladyfeste), stellt die Fotos an verschiedenen Orten aus, war Teil des queer riot club u. v. m. Nrt hat in verschiedenen queeren und FrauenLesben-Kneipen mitgewirkt, Queerfestivals und Events organisiert und war darüber hinaus in der Linksradikalen aktiv.

Nach diversen Anläufen hat das Projekt glitza glitza im November 2015 in den Ladenräumen der Manteuffelstr. 90 ein Zuhause gefunden, in einem linken Hausprojekt. Nach vielen schlechten Erfahrungen haben wir uns hier endlich wohl und sicher gefühlt. Hier ist ein schöner bunter Shop entstanden, der gefüllt ist mit Shirts, Caps, Postkarten, Unterhosen, Wundertüten, Buttons und vielem mehr, die mit queeren, feministischen (unser Feminismus ist intersektional), antirassistischen und linksradikalen Statements versehen sind – jenseits von (Hetero-)Sexismus und Mainstream. Die meisten Produkte und Designs stellen glitza glitza selbst her, T-Shirts werden größtenteils handbemalt und sind somit Unikate. Eines unserer (erreichten) Ziele ist, für mehr Sichtbarkeit hier im Kiez und überall zu kämpfen.

Vor circa einem halben Jahr fingen wir damit an, das Angebot zu erweitern, mit u. a. Zines und Patches von anderen Queers aus Berlin, darunter merfemme distro, SchwarzRund und Yori Gargarim. Wir haben einen Ort geschaffen, an dem sich Queers wohlfühlen. An dem es auch Unterhosen und Shirts in großen Größen gibt. Aber auch einen Ort für Begegnungen und Austausch, eine Anlaufstelle für Queers und Feminist*innen, ähnlich wie Infoläden für die linke und antifaschistische Szene.

Neben den schon genannten eigenen Produkten und jetzt auch denen von anderen haben wir immer auch einige Soliartikel. Dauerhaft verkaufen wir Soli-T-Shirts für Refugees und das Pro-Abortion Network, das Abtreibungen für Leute aus Polen und Irland ermöglicht. Und neben dem Ladenbetrieb machen wir Veranstaltungen, wie Lesungen, beispielsweise mit Bini Adamczak, Barabende, Filmscreenings wie hoffentlich demnächst „My Two Polish Loves“ von Tali Tiller und so weiter.

glitza glitza ist auch Teil der queerfeministischen Übernahme des Straßenbilds © glitza glitza

Welche Rolle spielt das Projekt für die lokale queerfeministische Community?
Wie sich einerseits an den vielen Statements, die wir als Reaktion auf die Kündigung bekommen haben, zeigt, wird glitza glitza als genau das angenommen, was unsere Idee und unser Anspruch war, als wir den neuen Ort bezogen und uns hier eingerichtet haben. Andererseits zeigen das auch die Reaktionen von vielen, die das erste Mal in den Laden kommen und absolut begeistert sind und dies auch (laut) kundtun. Oder dass Personen vor „linken“ Demos und Events zu uns kommen und Infos darüber einholen, ob es beispielsweise einen queeren Block gibt. Und es gibt ja auch keinen anderen Ort oder kein anderes Projekt dieser Art. Weder in Berlin noch – wie uns immer wieder von Besucher*innen aus anderen Städten und Ländern gesagt wird – anderswo.

An diesen Reaktionen und Statements lässt sich auch ablesen, dass glitza glitza nicht nur lokal gut angenommen, genutzt und geschätzt wird, sondern von vielen Personen weltweit. Im Übrigen erreichen wir mit dem Projekt nicht nur Queers und Queerfeminist*innen: Unser Kindershirt „mädchen-junge-kind“ stößt beispielsweise auf große Begeisterung auch bei hetero Eltern.

glitza glitzaManteuffelstr. 90, Berlin-Kreuberg

Mi, Fr, Sa 13.00–19.00 Uhr

etsy | DT glitza glitza | Instagram | E-Mail: dtglitzaglitza(at)gmail(punkt)com


Warum ist das Projekt momentan bedroht?

Am 23.06. haben wir eine Kündigung von den drei Hauptmietern der Ladenräume im Erdgeschoß überreicht bekommen. Wir sollen zum 01.10. raus. In dem Kündigungsschreiben (das in der Manteuffelstr. 90 einzusehen ist) werden keine haltbaren Gründe für eine Kündigung genannt. Es gab im Vorfeld einen Konflikt zwischen uns und den drei Männern, welche die Räume in der Manteuffelstr. 90 mitnutzen, in dem es vor allem um Machtstrukturen und Ausübung der Machtposition (gegen die Betreiberinnen von glitza glitza) ging.

Vordergründig ging es bei dem Konflikt um praktische Fragen der Nutzung des Ladens. Nun ist der Laden aber groß genug, bietet also eigentlich keinen Stoff für Auseinandersetzungen. Hintergrund ist vielmehr ganz offensichtlich die cis-hetero-männliche Rolle, die die drei Männer ausleben. Dominantes, erniedrigendes, schikanöses und grenzüberschreitendes Verhalten, ungleiche Verteilung der Putzarbeiten, aber auch ungleiches Gewicht von Meinungen.

Für uns wurde die Atmosphäre im Laden immer unerträglicher. Die Konstellation wird dadurch verkompliziert, dass sich das Ganze in einem (linken) Hausprojekt abspielt, dem das Martinswerk als Dachverband vorgeschaltet ist. Nachdem das Hausprojekt von der Kündigung erfahren hatte, erbat sich dieses eine „Beratungszeit“ bis fünf Wochen nach der Aushändigung der Kündigung. Trotz der hohen psychischen und emotionalen Belastung, die das für uns bedeutete – immerhin ist das ein Drittel der gesamten Zeit, bis zu der wir raus sollen –, ließen wir uns darauf ein. Leider haben wir vom Haus immer noch nicht erfahren, wie es sich dazu positioniert.

Mehr als nur ein Laden: Der Community-Treff ist von Vertreibung bedroht © glitza glitza

Wie schätzt ihr das Problem strukturell ein?
Weder die Klassenstruktur dieser Gesellschaft, zu der auch das Machtverhältnis zwischen Vermieter*in und Mieter*in gehört, noch die tradierte Geschlechterhierarchie bietet in irgendeiner Weise eine Grundlage für gleichberechtigtes Zusammenleben. In unserer Situation kommt beides zusammen: Wohlhabende hetero cis Männer nutzen ihre rechtliche Stellung als Vermieter gegenüber zwei Frauen, die am Existenzminimum leben, um einer weiteren Auseinandersetzung über ungerechte geschlechtsspezifische Rollenmuster aus dem Weg zu gehen.

Wir haben es hier (leider) mit drei gut situierten, weißen, hetero, cis Männern zu tun, die sich absolut wohlfühlen in der patriarchalen Gesellschaft und sich deshalb von unseren Forderungen (die ja nicht konkret an sie, sondern an die Gesellschaft, die ganze Welt gerichtet sind) automatisch angegriffen fühlen, zumal sie viel zu bequem dafür sind, sich mit ihren Privilegien auseinanderzusetzen. Ich finde ein gutes Beispiel dafür ist, dass sie, als wir mit dem Refugee-Projekt Sofra (ca. im Mai 2015) die Räume zur Mitnutzung angefragt haben, sehr abwehrend reagierten und Sachen sagten wie, na ja Veränderung sei halt immer so eine Sache, davor hätten sie irgendwie Angst. Auch in ihrem Statement auf unserem Flyer zur Kündigung hin schreiben sie, sie hätten von Beginn an eine diffuse Angst vor Veränderung gehabt. Wir finden,  eine solche Position kann nur jemand haben, der von der bestehenden Ungerechtigkeit profitiert.

Durch die Aussage, es sei ein privater Konflikt (diese Aussage kommt in Bezug auf unsere Situation nur von Männern!), wird der Thematik das Politische aberkannt, das eigentliche Problem unsichtbar gemacht. In Bezug auf Konflikte um Feminismus ist das ein klassisches Vorgehen nach oldschool-sexistischer Manier, um Diskussion, Auseinandersetzung und solidarisches Verhalten zu verhindern. So haben wir übrigens von mehreren Personen berichtet bekommen, dass es vor circa fünf Jahren in diesen Räumen bereits ähnliche Konflikte gab und damals (queere) Frauen gingen, während zwei Männer (zwei von den dreien, mit denen wir nun das „Vergnügen“ haben) blieben.

Wenn wir uns Berlin anschauen, dann gab es bis vor circa 25 Jahren ein ganz anderes Stadtbild, was politische Frauen-Lesben-Orte angeht. Und es ist ja nicht so, dass es weniger Frauen/Lesben gäbe oder der Bedarf an solchen Orten nicht mehr existent wäre. Es geht hier ganz eindeutig darum, wie schwer es nach wie vor als (queere) Frau ist, sich in dieser Gesellschaft zu behaupten. Wo gibt es denn Offenheit gegenüber einem solchen Projekt?

Unsere Situation reiht sich im Übrigen auch wunderbar in die Gentrifizierung ein, die hier in Kreuzberg – und ganz Berlin – gerade stattfindet. Die Mieten steigen für die hier Ansässigen ins nicht mehr Bezahlbare. Es geht hier also neben einem feministischen Kampf auch um den Kampf gegen Verdrängung, für Vielfalt und den Erhalt politischer Räume.

Wie können Menschen euer Projekt noch unterstützen?
Menschen können uns helfen, indem sie:
– Statements schreiben ans Haus und die Öffentlichkeit
– die Info weitersagen und öffentlich machen
– vorbeikommen, Solidarität zeigen und konkrete Aufgaben (vor Ort erfahrt ihr mehr) übernehmen
– zu unseren Infoveranstaltungen und anderen Events kommen – gerne auch mit eigenen Ideen, wir sind da offen
– zu dem queeren Block auf der „Wem gehört die Stadt“-Demo am 09. September kommen: Vortreffpunkt und Beglitzern bei uns in der Manteuffelstr. 90, 13.00 Uhr, die Demo startet um 14.00 Uhr am Oranienplatz.

Wir freuen uns über kreativen Widerstand!

 

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