Der Wert der Hausarbeit

Charlotte Perkins Gilmans Roman von 1910 entwirft die Idee der Frauenbefreiung durch bezahlte Hausarbeit.

Von Tina Lorenz

Die junge Diantha Bell steht vor einer schwierigen Entscheidung: Entweder sie erträgt eine lange, frustrierende Verlobung mit Ross, der erst seine vier Schwestern unter die Haube bringen und die Mutter versorgen muss, bevor er selbst heiraten kann – oder sie wird selber aktiv. Gegen den expliziten Willen ihrer Familie und ihres Verlobten zieht sie also los und verwirklicht ihre Pläne. Sie gründet ein Unternehmen, das haushaltsnahe Dienstleistungen anbietet, und verfolgt ein bestimmtes Ziel: die Hausarbeit und damit die schlecht oder unbezahlte Dienstleistung durch Frauen in das bestehende System einzufügen, in dem nur das Wert besitzt, was auch ein Preisschild trägt. Ross ist zunächst wenig begeistert von seiner geschäftstüchtigen Verlobten und späteren Ehefrau. Ihren Wert erkennt er erst an, als er selbst beruflichen Erfolg hat.

Charlotte Perkins Gilman © Mandelbaum Verlag

Charlotte Perkins Gilman (1860–1935), US-amerikanische Feministin der ersten Generation und Wortschöpferin des Begriffs „Androzentrismus“, ist bei uns vor allem als Autorin der Kurzgeschichte „The Yellow Wallpaper“ und von feministisch-utopischen Büchern wie „Herland“ bekannt. Dianthas Geschichte, die 1910 inmitten des industriellen Wandels entstand und in Gilmans eigener Monatszeitschrift „The Forerunner“ als Fortsetzungsroman veröffentlicht wurde, ist dabei durchaus didaktisch: Geschrieben als handfeste Anleitung, wie eine patriarchale Gesellschaft durch die Monetarisierung und damit Wertschätzung von Frauenarbeit „von innen“ heraus verändert werden könne, stößt sie eine Debatte an, deren Echo bis in unsere heutige Dienstleistungsgesellschaft dringt.

Charlotte Perkins Gilmans Zeitschrift „The Forerunner“ © Mandelbaum Verlag

In der konkreten Ausführung ihrer Argumente bleibt Gilman allerdings sehr verhaftet in den Strukturen ihrer Zeit, die von Intersektionalität oder generell von einer Bandbreite feministisch zu untersuchender Themen nicht viel wusste. So geht es ihr in erster Linie um die Anerkennung weißer, bereits „amerikanisierter“ Frauen. Auch die Tatsache, dass es gerade Schwarze Frauen oder Immigrantinnen waren, die unter der Unsicherheit und Unterbezahlung im Dienste privater Haushalte litten, wird von Gilman nicht problematisiert. Im Gegenteil: In der Welt von Diantha sind Afroamerikaner*innen faul oder unkeusch, werden chinesische Einwanderer lapidar „Gemüse-Chinesen“ genannt.

Charlotte Perkins Gilman „Diantha oder der Wert der Hausarbeit“
Aus dem amerikanischen Englisch von Margot Fischer. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Petra Schaper Rinkel. Mandelbaum Verlag, 224 S., 19,90 Euro, bereits erschienen

Dass Charlotte Perkins Gilman neben ihrer unermüdlichen Arbeit in der „Frauenfrage“ auch deutlich zu kritisierende Standpunkte vertrat, war lange ein in der Forschung wenig bedachter Aspekt ihres Wirkens. Erst allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass ihr Rassismus, ihr fehlendes Klassenbewusstsein und ihre negative Haltung gegenüber Sexarbeiter*innen in der Reflexion ihrer Arbeit mit einbezogen werden müssen. Indes ist die Geschichte von Diantha zweifellos ein historisches Zeitdokument, das zeigt, wie wir in Teilen noch in jahrhundertealten Diskursen stecken – und wo wir tatsächlich gesellschaftliche Erkenntnisgewinne durchgemacht haben.

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