(Kein) Sex mit Nazis

Christian Schmacht über Prostitution als (nicht nur) metaphorisches Überschreiten der bürgerlichen Moral.

Profilfoto Christian Schmacht

Christian Schmacht
Christian Schmacht, geboren 1989, ist queerer Autor und Sexarbeiter. Im Herbst 2017 erscheint seine erste Novelle „Fleisch mit weißer Soße" bei der Edition Assemblage. Er mag Geld und Sex, aber am liebsten beides zusammen. Er mag es außerdem sehr, das hart verdiente Geld für Luxusartikel auszugeben. Auf Twitter schreibt er unter @fleischmws.

Von Christian Schmacht

Prostitution ist ein Sinnbild dafür, etwas „nur“ für das Geld zu tun. „Ich prostituiere mich“, sagen Leute oft, wenn sie das Gefühl haben, etwas Unmoralisches für Geld zu tun.

Die bürgerliche Moral verurteilt materialistische Überlegungen. Etwas „nur“ fürs Geld tun – das ist gegen diese Moral. Wer innerhalb der bürgerlichen Logik zu Geld kommen will, muss diesen Wunsch hinter einem ehrenhafteren Ziel verbergen, z. B. hinter Heimat, Familie, Arbeitsethos usw. Wenn ich mich nun aber wirklich prostituiere, habe ich die Grenze zum Moralischen überschritten. Ich verscherble das Tafelsilber des Bürgertums: meine Tugend und Keuschheit, je nach Milieu auch „Integrität“ und „authentische Sexualität“ genannt.

Das Private ist politisch und die Moral wartet an jeder Ecke. © Tine Fetz

Und wenn ich schon im Puff sitze, dann will ich auch gutes Geld machen. Im Bordell habe ich gelernt: Das Geld steht an erster Stelle. Wir wollen hier alle unser Geld verdienen und verurteilen einander nicht dafür. Über Geld wird nicht gescherzt, Geld lassen wir nicht rumliegen und über Geld wird geredet. Wenn mensch anschafft, dann, weil Geld eine Bedeutung hat, die größer ist als das, was wir als Moral und Anstand eingebläut bekommen haben.

Disclaimer: Der folgende Absatz beschreibt eine Szene, in der sexualisierte Gewalt thematisiert und beschrieben wird. Wer das nicht lesen möchte, kann ihn überspringen und den Rest weiterlesen.

Ich liege unter einem Kunden. Er hat gerade einen Vergewaltigungswitz gemacht und ich würde gern meinen Konsens zurücknehmen und die Session abbrechen. Ich traue mich nicht, denn er ist größer und muskulöser als ich und hat besagten Witz bereits gemacht. Das hat mich in der Vergangenheit nicht davon abgehalten, mich zu behaupten, aber bei ihm habe ich ein schlechtes Gefühl. Ich mache weiter mit und warte, dass es vorbei geht. Ich stelle mir währenddessen vor, ich würde auf einem Pony über eine Wiese reiten. Galopp, Galopp, Galopp. Das mache ich sonst nie und diese Situation ist neu für mich. Er braucht ewig. Als es vorbei ist und ich meine Unterwäsche einsammle, entdecke ich sein Tattoo. Es ist eine schwarze Sonne. Ein Nazisymbol, groß auf seinem Oberarm. Ich hatte es vorher nicht gesehen. Jetzt denke ich, zum Glück habe ich keinen Stress gemacht und frühzeitig abgebrochen. Wer weiß, wozu ein Scheiß-Nazi im Stande ist, der schamlos mit seinem fetten Nazitattoo in den Puff kommt. Wir wissen, was das heißt – ein Ja ist nur ein Ja, wenn ein Nein möglich ist. Ist ein Nein noch möglich, wenn mensch von einem Nazi gebumst wird? Ich hatte nicht das Gefühl, meinen Konsens zurückziehen zu können, als wir schon zu Gange waren.

Ich habe früher oft gesagt: „Kein Sex mit Nazis!“ Und das habe ich auch praktiziert. Ich hatte generell keinen Sex mit Leuten, die sich in meiner Gegenwart auch nur einen sexistischen, rassistischen oder transfeindlichen Spruch erlaubt haben. Jetzt, als Sexarbeiter, weiß ich nur selten vorher, was in den Leuten vorgeht. Im Bordell entscheide ich innerhalb von Sekunden, ob ich zu jemandem gehen will oder nicht. Es gibt keine Möglichkeit, den Charakter oder die politische Einstellung zu testen, und ich wurde schon häufig überrascht, wenn ich vom Aussehen auf das Innere eines Freiers geschlossen habe. Oft stellt sich erst beim Pillowtalk heraus, dass jemand AfD- oder CDU-Wähler ist. Ich kann es nicht vermeiden, mit rechten Leuten Sex zu haben. Aber wie gehe ich dann hinterher damit um?

Meine Kollegin Salomé Balthus schrieb nach der Bundestagswahl auf ihrer Facebook-Seite, dass ihre Escort-Plattform Hetaera keine AfD-Wähler als Freier empfangen will, dazu ein deutliches #fckAfD. Das war mutig von ihr und riskant. Ich würde mir das auch gerne irgendwohin schreiben (oder auf die Stirn tätowieren …?). Stattdessen erzähle ich Skyler das mit dem Nazi, während er sich im Zimmer nebenan wieder anzieht. Dann gucken wir ihm gemeinsam hinterher, wie er aus der Tür raus und die Treppe runter stampft. Skyler sagt: Dieses Schwein werden wir finden und ihm das Leben ruinieren.

Und so wird es geschehen.


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