Glossar der jüdischen Bitterkeit

#NotYourGoytoy

21.11.17 > Debora Antmann
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Debora Antmann

1989 in Berlin geboren und die meiste Zeit dort aufgewachsen. Als weiße, lesbische, jüdische, analytische Queer_Feministin, Autorin und Körperkünstlerin, schreibt sie auf ihrem Blog »Don’t degrade Debs, Darling!« seit einigen Jahren zu Identitätspolitiken, vor allem zu jüdischer Identität, intersektionalem Feminismus, Heteronormativität/ Heterosexismus und Körpernormen. Jenseits des Blogs publiziert sie zu lesbisch-jüdischer Widerstandsgeschichte in der BRD, philosophiert privat über Magneto (XMen) als jüdische Widerstandsfigur und sammelt High Heels für ihr Superheld_innen-Dasein.

Von Debora Antmann

Dieses Glossar ist leider nicht für euch, meine lieben wc-deutschen Leser*innen. Es ist ÜBER Euch. Damit „wir“, statt uns immer nur zwischen Bildungsarbeit und Wundversorgung zu befinden, auch einfach mal ausgiebig über euch lachen können. Und jajajaja …, einige meiner engsten Freund*innen sind wc-Deutsche und ja, ich weiß, ihr seid nicht alle scheiße, trotzdem kostet ihr uns echt oft echt viel Energie. Also hört an dieser Stelle auf mit dem Rumgoyheule und versucht, es hinzunehmen. Es wird euch nicht umbringen.
An alle anderen: Ich hoffe, ihr müsst an der einen oder anderen Stelle zumindest schmunzeln. Und noch eine Anmerkung: Diese Glossar ist nicht alphabetisch. Einfach aus dem Grund, weil es mir so besser gefallen hat.

Nicht selten führen die Begriffe im Glossar zum Stichwort Antisemitismus – und Stichwort „Fick dich!“ © Tine Fetz

Goysplaining: wc-Deutsche, die Jüd*innen ungefragt Dinge erklären (dabei ist irrelevant, ob sie eine Ahnung vom Thema haben oder nicht). Meist in einer monologisierenden Form und ohne die geringste Wahrnehmung des Gegenübers.

Goyliebte*r: Ein*e wc-deutsche*r Geliebte*r. Häufig kurzfristig erfrischend und langfristig ermüdend. Gerüchten zufolge gibt es Ausnahmen.

Goyfriend/Ex-Goyfriend: Fälschlicherweise wird häufig davon ausgegangen, bei Goyfriend handle es sich um eine nicht-binäre Bezeichnung einer Beziehungsperson. Tatsächlich jedoch ist es die genderneutrale Bezeichnung einer wc-deutschen Beziehungsperson. Häufig liebevoll verwendet, gelegentlich jedoch, um das Goyheule (siehe: Rumgoyheule) innerhalb von Beziehungen sichtbar zu machen. Wird die Beziehung beendet, ändert sich die Bezeichnung in Ex-Goyfriend. Da institutionalisierte Ehe nur ein binäres Geschlechterkonzept kennt, wird bei Eheschließung Goyfriend durch Angoytraute*r ersetzt.

Goyschichte: Unter Goyschichte wird gemeinhin ein wc-deutsches Geschichtsverständnis gefasst, das mit der völlige Ausblendung jüdischer Errungenschaften oder Mitwirkung bei historischen Ereignissen einhergeht. Eine andere mögliche Verwendung des Begriffs ist der Brauch, entgegen der sonstigen wc-deutschen Gepflogenheit Jüd*innen als „die Anderen“ zu markieren, Errungenschaften jüdischer Wissenschaftler*innen und Denker*innen ungebrochen als deutsches Kulturgut zu annektieren (siehe: hierzu Goychelei).

Goychelei: Dieser Begriff erklärt sich mit all meinen bisherigen Texten für das Missy Magazine und meinen Blog und bedarf somit keiner weiteren Erläuterungen.

Goynauigkeit: Die wc-deutsche Angewohnheit, pedantisch auf unwichtige Details zu bestehen, statt den Inhalt wahrzunehmen. Ein besonderes Ärgernis stellt dieses Verhalten im Zusammenhang mit Antisemitismus-Debatten da. Geht oft einher mit Goysplainig (siehe: Goysplaining).

Goyfasel: Wenn wc-Deutsche ungefiltert vor sich hin blubbern. You know what I mean.

Goyselhaft: Gegen den eigenen Willen von wc-Deutschen in Beschlag genommen zu werden. Kann sich sowohl auf nervige Gespräche als auch auf Tokenism beziehen.

Goygenwart: Geht oft mit Goyschichte (siehe: Goyschichte) einher und blendet die Existenz von Jüd*innen in der Gegenwart aus. Dabei steht zum einen die Annahme im Mittelpunkt, dass sich in dem Raum und dem Kontext, in dem sich wc-Deutsche gegenwärtig befinden, keine Jüd*innen aufhalten, und andererseits das Gefühl, dass es eigentlich generell nirgends (mehr) (deutsche) Jüd*innen gibt.

Rumgoyheule/Goyjammere: Rumgoyheule und Goyjammere können synonym verwendet werden und bezeichnen die Auffassung wc-Deutscher, unfair behandelt zu werden oder sich inszeniert in Schuldgefühlen zu suhlen. Häufige Symptome sind Äußerungen wie Jüd*innen würden sich für besser halten, Jüd*innen würden alle wc-Deutsche über einen Kamm scheren oder sie hätten etwas ja gar nicht so gemeint und wären ohnehin als wc-Deutsche vorverurteilt. Alternativ äußert sich Rumgoyheule/Goyjammere auch in dramatisierter Reumütigkeit. Rumgoyheule und Goyjammere hat meist zur Folge, dass Jüd*innen sich ungewollt in Situationen wiederfinden, in denen sie Emotional Labor leisten – oft auch gegenüber Fremden. Expert*innen vermuten, dass Rumgoyheule und Goyjammere wohl zu den nervigsten Verhaltensweisen von wc-Deutschen gehören. Allerdings gibt es auch Stimmen in der Goy-Forschung, die einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen und sagen, ihre Existenz sei das Nervigste an wc-Deutschen.

Goytwittere: Ähnlich wie Goyfasel (siehe: Goyfasel), nur in Form von Tweets. Leider tut die Beschränkung auf 140 Zeichen der wc-deutschen Unerträglichkeit keinen Abbruch.

Goyschwafel: Oft Synonym mit Goyfasel (siehe: Goyfasel) verwendet. Jedoch nehmen sich bei Goyschwafel wc-Deutsche häufig noch ernster, als sie es ohnehin schon tun, und gehen einem inneren Lehrauftrag nach. Daher sind Goysplaining (siehe: Goysplaining) und Goyfasel oft nicht voneinander zu unterscheiden. Kritiker*innen dieser Erklärung verweisen auf die These einer Steigerung im Belehrungscharakter: Goyfasel -> Goyschwafel -> Goysplainig. Ob an dieser Verschärfung des Belehrungscharakters etwas dran ist, lässt sich bisher nicht belegen, da die Begrifflichkeiten im Alltagsempfinden fließend ineinander übergehen.

Goysting: In den letzen Jahren wurde der Begriff des Ghostings zunehmend innerhalb feministischer Debatten aufgegriffen. Goysting lehnt sich an diesen Begriff an und beschreibt das plötzliche Verschwinden von wc-deutschen Freund*innen, wenn ihnen die Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Antisemitismus und Goy-Dasein zu anstrengend wird. Oft geht diesem Verhalten ausgiebiges Goyheule voraus (siehe Rumgoyheule/Goyjammere).

Goyfälligkeiten: Die Erwartungshaltung von wc-Deutschen, dass Jüd*innen besonders zugänglich und dankbar sein zu müssen, wenn sich wc-Deutsche dazu herablassen, sich mit jüdischen Lebensrealitäten auseinanderzusetzen, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken oder rücksichtsvoll zu sein versuchen. In Fällen von Goyfälligkeit ist diese Bebauchpinselung des eigenen Egos, als Retter*innen, Held*innen oder vermeintliche Allies überhaupt erst die Motivation für ein vermeintlich zugewandtes Verhalten von wc-Deutschen.

Goybeutelt: Der Zustand des Goybeutelt-Sein ist häufig, aber nicht immer eine Folge der Goyselhaft (siehe Goyselhaft) und beschreibt den Zustand eingehender Erschöpfung nach zu ausgiebigem Kontakt mit wc-deutschen Personen. Häufige Anzeichen sind: Müdigkeit, Frustration, Wut, Schmerz, Welthass, graue Haare, Bauchschmerzen und Übelkeit.

Goyschmacklosigkeiten: Witze und Anspielungen von wc-Deutschen, die sich auf Jüd*innen im Allgemeinen, spezifische jüdische Persönlichkeiten, jüdische Kultur, jüdisches Leben oder jüdische Symboliken beziehen. Popkulturelles Synonym für Antisemitismus (siehe: Fick dich!).


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