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„Ich habe von meiner Großmutter gelernt, dass die Kernfamilie nicht die einzige Form des Zusammenlebens ist“

Susanne Sachsse über Besitz und Familienkonzepte in der DDR sowie die Bedeutung von Kunst in Ideologien.

05.12.17 > Theater

Interview von Katie Fenderl

Die Schauspielerin Susanne Sachsse hat zusammen mit dem queer-düsteren Indie-Rock-Bandprojekt xiu xiu um Jamie Stewart ein multimediales performatives Konzerterlebnis im Film-noir-Stil erarbeitet. „Original Sin“ beschreibt die Lebensgeschichte Susanne Sachsses außergewöhnlicher Großmutter, Luise Brand, in der DDR: Während die ostdeutsche Regierung den Sozialismus mit einer 30 Zentimeter dicken Mauer einzuschließen sucht, unterhält Luise Brand hinter 60 Zentimeter dicken Wänden eine queer anmutende Familienkonstellation – als Kampfansage an ein System.

Missy sprach mit Susanne Sachsse über gender-nonkonforme Familienkonstrukte und elektronische Musik in der DDR, über Besitz und die Bedeutung von Kunst in Ideologien.

©Susanne Sachsse

Worauf baut „Original Sin“, die „Erbsünde“, inhaltlich auf?
Susanne Sachsse: Es ist die Geschichte meiner widerstrebenden Bewunderung für und Kritik an Luise Brand, meiner Großmutter. „Original Sin“ ist besser als eine „Ursünde“ zu übersetzen. Nur dass sich meine Großmutter nicht von Gott getrennt hat – mit dem hatte sie nie etwas –, sondern von der DDR-Parteidisziplin.

Im Verhältnis zu meiner Großmutter liegt ein antagonistischer Widerspruch vor: Sie lebte in der DDR und tat Sachen, die ich, als noch immer überzeugte Sozialistin, schon damals nicht gut fand und heute aktiv infrage stelle. Dennoch waren diese Dinge zu ihren Lebzeiten ein subversiver Akt: Im Jahr 1961, zeitgleich zu Beginn des Berliner Mauerbaus, errichtete sie ein riesiges Haus, in dem sie mit ihrem 15 Jahre älteren Ehemann, ihrem 15 Jahre jüngeren Liebhaber, deren zwei Hunden und zwei Töchtern lebte.

Ich habe mit Besitz nicht so viel am Hut und träume nie davon, ein Haus zu haben. Als Akt der Freiheit und von mir als politischer Akt interpretiert zerschlug meine Großmutter das verkommene und spießige Familienmodell der DDR mit der Zerstörung der Kleinfamilie. Gleichzeitig torpedierte sie die Ideen des sozialistischen Wohnungsbaus, der ja dennoch ökonomische Notwendigkeit hatte. 

Warum kommt „Original Sin“ gerade jetzt zur Veröffentlichung, gibt es einen persönlichen oder (zeit-)politischen Zusammenhang?
Erstens finde ich, dass viele persönliche Aussagen politisch sein können. Ich bin immer noch, und das seit Mauereröffnung, angepisst von der Version, die über die DDR vorgeschrieben wird. Meistens werden kurzhaarige Fabrikarbeiterinnen dargestellt, die unabhängig von Männern, von der Gesellschaft sind, die die Freiheit hatten, Kinder zu haben und zu arbeiten. Es stimmt: Wir durften arbeiten und wir durften Kinder haben. Das hieß jedoch auch, dass wir alles alleine machen und doppelt arbeiten mussten. Sowohl zu Zeiten meiner Kindheit als auch in meiner Funktion als Mutter – was dann schon im Westen war – ist kein Mann auch nur einmal zum Elternabend in der Schule gegangen. Für meine Großmutter waren solche Geschichten der emanzipierten DDR-Frau ohnehin fragwürdig. Die Aktion des Hausbaus, die ich als politischen Akt beschreiben würde, war von ihr zwar nicht so angedacht gewesen. Aber ich finde, man macht ihn brauchbar, indem man ihn so benennt.

Wie sah deine Rolle im Zusammenleben mit deiner Großmutter aus und was hast du aus der Erziehung mitgenommen?
Ich habe bei meiner Mutter und meinem Vater gewohnt, aber ich war auch sehr viel bei meiner Großmutter und wurde intensiv von ihr erzogen. Und zwar aus dem Grund, dass sie diesen jüngeren Liebhaber hatte und ich als Tochter für ihn und als Enkelin für ihren Ehemann benutzt wurde. Sie wollte mich als Produkt haben: Meinen ersten Pelzmantel z. B. bekam ich mit vier Jahren. Ich habe in der Schule über meiner Jungpionieruniform einen Nerzmantel und eine Nerzkappe getragen. Das klingt alles ziemlich furchtbar, aber ich muss dazu sagen, dass meine Großmutter mir beigebracht hat, furchtlos zu sein. Sie hatte ein Problem mit dem Begriff der „Masse“, wozu ich mich gut verhalten kann, denn gerade in der heutigen Zeit habe auch ich Angst vor der Masse und dem erneut aufkommenden Ornament der Masse. „Die Masse ist schön, wenn du aus ihr herausstichst. Schimpf nicht nur über den Fahnenappell bei den Jungpionieren, sondern mach was!“, so meine Großmutter.

Ich habe daraufhin eine Ohnmacht fingiert, um nicht mehr in Reih und Glied stehen zu müssen. Meine Großmutter hat mich dazu erzogen, keine Angst zu haben in dem System. Das wirft einen erneuten Widerspruch auf: Wenn man sie von außen betrachtet, war sie eine großbürgerliche Femme fatale, aber keine politische Akteurin in der DDR. Sie hätte aber – und das ist politisch, finde ich – in Westdeutschland niemals ein Haus gebaut. Dort hätte sie in einer Kommune gewohnt.

Der Hausbau also als konzeptueller bzw. systembedingter Akt auf der Suche nach Freiheit?
Für mich ist es so interessant, über ein Haus in zwei Gesellschaftsformen nachzudenken. Das Unterhalten eines besonderen Hauses im Sozialismus, also was meine Großmutter tat, lese ich als eine kritische Auseinandersetzung mit dem System. Man baut etwas, um sich zu befreien und auszuklinken. Paradoxerweise macht man dabei durch die Privatisierung ein öffentliches Statement im Sozialismus. Ein Haus im Kapitalismus hat mit Besitz zu tun. Deshalb habe ich Songtexte geschrieben, in denen das Haus meiner Großmutter eine Wiedergeburt als Horrorhaus erlebt.

CHEAP presents „Original Sin – A Concert“ von Susanne Sachsse und xiu xiu vom 08. bis 11. Dezember im silent green in Wedding.

Das Konzept und die Lyrics von „Original Sin“ stammen von dir, die musikalische Komposition von Jamie Stewart und seiner elektronisch-experimentellen Band xiu xiu. Wie kam die Arbeit mit xiu xiu zustande?
xiu xiu haben wir gewählt, weil ich die Band großartig finde. Wir lernten uns vor zwei Jahren in New York City kennen, wo ich zusammen mit Vaginal Davis „The Magic Flute: An Opera in Six Steps“ gemacht habe. Jamie hat die grandiose Musik dafür gemacht und dabei einen Chor und Orchester dirigiert. „Original Sin“ ist als Film geschrieben und schon damals hatte ich mit Jamie besprochen, ob er die Musik dafür machen würde, und zwar indem er sie parallel zu meiner Arbeit am Text schreibt. Ich verstehe die Musik nicht als unterstützendes Element, sondern als Dialogpartnerin. Also haben wir uns entschlossen, vor dem Film schon ein Konzert zu machen.

Die*der genderqueere Künstler*in Vaginal Davis wird auch einen Gastauftritt haben. Wie viel Queerness ist in der Familienkonstellation um deine Großmutter bzw. im ganzen Stück enthalten?
Ich habe von meiner Großmutter gelernt, dass die Kernfamilie nicht die einzige Form des Zusammenlebens ist. Für mich als Enkeltochter war das fantastisch, weil ich nie ins Zweifeln kam, ob man eine perfekte Rolle als Ehefrau erfüllen muss. Meine Großmutter hat vielmehr ein alternatives funktionierendes Konstrukt aufgestellt, das mir in meinem persönlichen Leben sehr viel geholfen hat. Außerdem ist das ganze Konzert ja eine Produktion unseres queeren CHEAP Kollektivs. Marc Siegel und Vaginal Davis machen auch bei „Original Sin“ mit.

Welche Rolle spielt die Verwendung experimenteller elektronischer Musik in der retrospektiven Aufarbeitung?
Als ich mit Jamie [von xiu xiu] besprach, welche musikalische Richtung wir einschlagen sollten, kamen wir zum Ansatz „Film noir“. Wir überlegten, wie beispielsweise musikalisch Spannung in diesem Genre aufgebaut wird. Das brachte mich im nächsten Schritt zum Erforschen der Rolle von Musik in der DDR: Ich fand ein Zitat darüber, dass man diese Musik nur spielen sollte, wenn man jemanden zur Tötung auf den elektrischen Stuhl setzt. Ein großer „Feind“ der Ideologie war die experimentell-elektronische Musik. Es gab eine entsprechende stark entwickelte Musikszene in der DDR, deren Instrumente teilweise zerstört wurden. Daran wird die große politische Bedeutung von Kunst deutlich. Auch in der heutigen Zeit sieht man wieder, dass in jedem rechten Parteiprogramm an erster Stelle die Kernfamilie gelistet wird, die vor allem „Bösen“ beschützt werden müsse, und nachfolgend die Kunst, die wieder nationaler werden solle. Erschreckend!

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