Das Elend mit den SWERFs

SWERFs bezeichnen sich als radikalfeministisch und wollen Sexarbeitende schützen. Doch nichts davon trifft zu.

Profilfoto Christian Schmacht

Christian Schmacht
Christian Schmacht, geboren 1989, ist queerer Autor und Sexarbeiter. Im Herbst 2017 erscheint seine erste Novelle „Fleisch mit weißer Soße" bei der Edition Assemblage. Er mag Geld und Sex, aber am liebsten beides zusammen. Er mag es außerdem sehr, das hart verdiente Geld für Luxusartikel auszugeben. Auf Twitter schreibt er unter @fleischmws.

Von Christian Schmacht

Es kamen immer Reaktionen auf meine Texte hier bei Missy. Sehr leidenschaftliche Diskussionsbeiträge, die Sexarbeit an sich kritisierten. Viele Leute denken, Sexarbeit steht dem Wohl der Frauen und aller Menschen generell entgegen. Die SWERFs, die auf meine Kolumnen reagierten, sprachen von Menschenhandel und sagten, dass ich Sexarbeit nicht glorifizieren dürfe, weil ich damit Vergewaltigungsopfern in der Sexindustrie die Stimme raube.

Freier können auch Nazis sein © Tine Fetz

Was sind SWERFs? Es sind Radikalfeminist*innen, die Sexwork ablehnen und bekämpfen. Manche halten SWERFs – Sexwork Exclusionary Radical Feminist – für einen Mythos, denn wie können Leute, die aktiv gegen Sexarbeiter*innen kämpfen, gleichzeitig radikale Feminist*innen sein? In Deutschland gibt es keine aktive radikalfeministische Strömung, die diesen Namen verdient, da Radikalfeminismus vor allem in einem radikal ist – in seiner Kapitalismuskritik. Das wäre für mich ein inhaltlicher Anknüpfungspunkt. Doch in diesem tristesten aller Länder kann mensch sich durch die Theorien der Sexwork hassenden Autor*innen wühlen und findet nur Ödnis. Aktuell sind deutsche SWERFs damit beschäftigt, sich gegen die Bezeichnung SWERF zu wehren.

Ich bin selbst betroffen von sexualisierter Gewalt im Bordell. Eine Vergewaltigung an meinem Arbeitsplatz sprengt die Vorstellungskraft mancher Menschen, denn entweder ist die Arbeit dort immer Vergewaltigung oder die Vergewaltigung einer Prostituierten ist unmöglich, weil wir Konsens weder geben noch verweigern können.

In den letzten Monaten bekam die von Tarana Burke initiierte Kampagne #metoo viel Aufmerksamkeit und Betroffene von sexualisierter Gewalt teilten ihre Erlebnisse. Sie schufen eine Sprache und einen Raum für diese Erfahrungen. Me too? Ja, ich auch. Wir Sexarbeiter*innen auch. Aber wir bilden eine Ausnahme. Die mörderische Stille nach meiner letzten Kolumne „(Kein) Sex mit Nazis“ hat bestätigt, was ich bereits geahnt hatte: Die Großmäuler, die sonst jede meiner geschriebenen Zeilen analysieren und mit der angeblichen Zuhälterlobby verknüpfen, schwiegen. Taten so, als hätten sie meine Kolumne, von der sie normalerweise besessen sind, übersehen.

Diese Stille hat zwei Gründe. Der Erste ist natürlich das erwähnte Silencing von Sexworker*innen, die über sexualisierte Gewalt sprechen wollen. Der Zweite ist, dass es sich bei dem Täter um einen Nazi handelte, der allerdings keine direkt nazistische Tat verübte, sondern eine ganz normale Vergewaltigung. Die rechte Mitte in diesem Land kann Nazis nicht als ernst zu nehmende Täter*innen anerkennen. Die große Nazipräsenz in der Polizei ist deshalb auch kein Zufall, sondern die Grundlage für das Funktionieren unseres rechten Staats. SWERFs schreien auf, wenn ich erzähle, was mich glücklich macht und am Leben hält. Wenn ich ein Beispiel dafür gebe, wie der Faschismus auch in weiße deutsche Alltage kriecht, sagen sie nichts.

In der Kampagne #GiveYourMoneyToWomen machten Yeoshin Lourdes, Bardot Smith und Lauren Chief Elk die Praxis bekannt, dass Männer Frauen bezahlen müssen, um Zugang zu ihnen zu erhalten. Grund: Frauen werten das Leben von Männern auf, Männer werten das Leben von Frauen ab. Dies weiten sie aus auf Betroffene von (nicht nur sexualisierter) Gewalt: Die Täter sollen den Opfern ihr ganzes Geld geben. Damit können die Betroffenen nämlich wirklich etwas anfangen. Gewalt zerstört nicht unsere sogenannten Seelen, sondern unser konkretes, reales Leben. Sie sorgt dafür, dass wir nicht mehr arbeiten können wie zuvor, dass wir unsere Wohnung verlieren, dass unsere Gesundheit beeinträchtigt wird, dass wir in der Schule, Ausbildung, Studium Probleme kriegen.

Ich konnte seit der Nazivergewaltigung nicht mehr ackern gehen und musste meine Ersparnisse aufbrauchen. Lieber wäre mir, wenn eine kleine SWERF-Armee bei dem Nazischwein eingerückt wäre, sein Hab und Gut gestohlen und dann mir überlassen hätte. Aber sie sind zu nichts zu gebrauchen. Sie sagen, sie wollen uns beschützen, aber davon habe ich noch nie was gespürt.


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