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The Odds Ever in my Favor

Den Unterschied zwischen „arm“ und „pleite“ kann Bourdieu erklären – oder die eigene Familiengeschichte.

19.01.18 > Missyverse

Von Janne Knödler

Nach der Scheidung meiner Eltern zog meine Mutter mit meinen zwei Geschwistern und mir in eine Sozialwohnung in Darmstadts grauen „Problembezirk“ Kranichstein. Meine Mutter hatte nach der Schule eine Ausbildung zur Friseurin gemacht, später ein Studium begonnen, und wieder abgebrochen, als sie schwanger wurde. Jetzt, aus unserem Wohnhochhaus, mit drei Kindern, sechs, neun und elf Jahre alt, wollte sie ihr Studium beenden. Das Geld war knapp, ich erinnere mich an hässliche Streits über Unterhaltszahlungen, die erst vor Gericht gelöst werden konnten. Nur mit staatlichem Zuschuss schafften wir es gerade so bis zum Monatsende. Vor Kurzem habe ich meine Mutter gefragt, ob sie damals eigentlich das Gefühl hatte, wir seien arm. Meine Mutter schaute mich an, überlegte kurz, und schüttelte entschieden den Kopf. Pleite, meinte sie, schon, aber nicht arm. Weil sie immer zuversichtlich war, dass unsere Situation nur temporär sei.

© Eva Feuchter/Missy Magazine

Der Begriff Armut ist kompliziert. Es geht um Geld, natürlich. In Deutschland gelten Menschen als arm, wenn ihnen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung stehen. Für einen Singlehaushalt heißt das, dass Nettogehalt, Kindergeld, Wohngeld o.Ä. weniger als 917 Euro im Monat bringen. Diese Definition wird der Komplexität von Armut aber nicht gerecht: Viele Student*innen leben von weniger als 917 Euro im Monat, trotzdem wäre es hirnrissig, zu behaupten, dass sie alle in Armut leben. Aber was ist dann der Unterschied?

In unserer Kolumne Missyverse bloggt die Redaktion des Missy Magazines, immer im Wechsel. Ab sofort, jeden Freitag.

Mit ihrer Antwort traf meine Mutter einen wichtigen Aspekt von Armut: Zeit. Armut ist nichts Vorübergehendes, kein kleiner finanzieller Engpass. Armut ist eine soziale Schicht. Pleite sein ist ein Zustand. Kein weißer Mann schreibt so schön über diese Unterscheidung wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu. Aufgewachsen in einer Arbeiter*innenfamilie in Frankreich spürte er am eigenen Leib, wie Armut vererbt wird und wie schwierig sozialer Aufstieg ist. Er fasste in Worte, was wir alle täglich erleben: Unsere soziale Position ist das Resultat einer komplizierten Gleichung, von der Geld nur eine Variable ist. Bourdieu versuchte, die anderen zu konzeptualisieren, und nutzte dafür den Begriff „Kapital“. Kennen wir klassischerweise aus der Wirtschaft, kann aber auch dazu genutzt werden, all die Ressourcen, die uns sonst noch zur Verfügung stehen, zu begreifen. Die Ressourcen eben, die Menschen, die von Armut betroffen sind, häufig fehlen.

Ökonomisches Kapital, das ist das Offensichtlichste, ist Geld und all das, was sich in Geld umwandeln lässt. Also auch die Eigentumswohnung, das Auto oder der Schmuck. Das soziale Kapital beschreibt unser soziales Netzwerk. Wen wir kennen, mit wem wir Kontakt haben und auch: wer uns auffangen kann. Wer arm ist, hat keine Eltern, die ihr*ihm in einem Engpass über die Runden helfen können. Auch Vitamin B gehört zu sozialem Kapital und hilft z.B. dabei, in Bewerbungsgesprächen zu landen. Um da zu überzeugen, braucht es außerdem eine bestimmte Art sich auszudrücken und genug Wissen über bestimmte gesellschaftliche Bereiche, um sich darüber zu unterhalten. Das ist das kulturelle Kapital. Kulturelles Kapital ist Bildung: Das kann ein Schulabschluss sein, kann aber auch heißen, die richtigen Autor*innen gelesen und verstanden zu haben.

Meine Mutter war zwar die Erste in ihrer Familie, die studierte, hatte es aber geschafft, inmitten einer turbulenten Familiensituation Abitur zu machen. Mitte 30 und pleite konnte meine Mutter auf ihr Kapital zurückgreifen: Sie wusste, welche Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung es für uns gab, beantragte erfolgreich eine Förderung für ihre Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin. Sie wusste, wie man welche Formulare ausfüllt und wie man mit Ämtern umgeht. Sie wusste auch, welche Rechte sie hatte und wo sie sich Rechtshilfe einholen konnte. Das alles ist kulturelles Kapital und nicht selbstverständlich. Trotz schwieriger Familienverhältnisse hätte sie in einer Notsituation Anlaufstellen gehabt, die sie unterstützen hätten können. Auch wenn es nicht einfach gewesen wäre, hätte sie eine Möglichkeit gefunden, einer übergriffigen Situation am Arbeitsplatz zu entkommen. Wem ein soziales Auffangnetz ganz fehlt, überlegt sich zweimal, ob sie*er sich beschwert.

Natürlich schließen sich Armut und Kapital nicht aus. Menschen ohne deutschen Pass haben zwar ein stark erhöhtes Armutsrisiko in Deutschland, aber viele davon sprechen eine weitere Sprache – eine Form kulturellen Kapitals, die leider von der Mehrheitsgesellschaft häufig nicht als solches anerkannt wird.  Das Gleiche gilt für die Zugehörigkeit zu einer Religion oder Kenntnisse über Traditionen und Rituale. Wer Teil einer Community ist, Ansprechpartner*innen und Rückhalt hat, hat eine Form sozialen Kapitals, das Angehörige aller Schichten haben können. (Hier sei angemerkt, dass Armut Möglichkeiten der gesellschaftliche Teilhabe verringert: Viele Aktivitäten kosten nun einmal Geld.) In einer Gesellschaft, die stark auf Hierarchien basiert, gilt aber leider, dass weder das kulturelle noch das soziale Kapital der unteren Schichten genutzt werden können, um der Armut zu entkommen. Genau deshalb ist die Aufwertung dieses spezifischen Kapitals so wichtig.

Das alles sind keine völlig starren Kategorien. In Armut kann man reinrutschen und auch wieder herauskommen. Für uns hätte es damals auch anders laufen können, auch das zeigt mir die Geschichte meiner Mutter. Als Alleinerziehende war sie besonders armutsgefährdet (44 Prozent Armutsrisiko in Deutschland), dazu kommt, dass wir als kinderreicher Haushalt gelten (25 Prozent Armutsrisiko). Hätte sich mein Vater einfach aus dem Staub gemacht – wie es leider immer noch viel zu viele Männer machen –, hätte meine Mutter ihr Studium nicht beenden können. Stattdessen zahlte mein Vater, meine Mutter zog drei Kinder neben dem Studium auf und konnte das kulturelle Kapital, das ihr Abschluss mit sich brachte, in Form eines Arbeitsplatzes als Lehrerin einlösen. Inzwischen ist sie verbeamtet.

Janne Knödler ist noch bis Ende Januar Praktikantin in der Missy-Redaktion und schreibt am liebsten über den Ort, an dem sich Theorie und Praxis, Pop und Politik und unten und oben begegnen.

Für mich bedeutet das Sicherheit. Kein Cash am Ende des Monats? Kein Problem, durch die zweifelhafte Ehre, unbezahlte Praktika machen zu dürfen, erarbeite ich mir kulturelles Kapital, das ich eines Tages in einen Arbeitsplatz einlösen kann. Dieses Privileg habe ich mir weder selbst verdient, noch haben die, die es nicht haben, selbst Schuld daran, darüber nicht zu verfügen. Aufstieg erfordert in unserer Gesellschaft spezifische Ressourcen. Schulen, Ämter und andere Institutionen sorgen aber nicht dafür, dass diese Ressourcen für alle zugänglich sind. Deshalb ist Armut politisch. Und wir als Gesellschaft im Zugzwang.


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