Money Money Money Must Be Funny in a Christian’s World

Über Geld reden? Unbedingt! Aber wer kann sich das leisten? Und auf wessen Kosten?

23.01.18 > Debora Antmann
Profilfoto Debora Antmann

Debora Antmann
1989 in Berlin geboren und die meiste Zeit dort aufgewachsen. Als weiße, lesbische, jüdische, analytische Queer_Feministin, Autorin und Körperkünstlerin, schreibt sie auf ihrem Blog »Don’t degrade Debs, Darling!« seit einigen Jahren zu Identitätspolitiken, vor allem zu jüdischer Identität, intersektionalem Feminismus, Heteronormativität/ Heterosexismus und Körpernormen. Jenseits des Blogs publiziert sie zu lesbisch-jüdischer Widerstandsgeschichte in der BRD, philosophiert privat über Magneto (XMen) als jüdische Widerstandsfigur und sammelt High Heels für ihr Superheld_innen-Dasein.

Von Debora Antmann

„Wir müssen mehr über Geld reden!“ Ich sitze in einem Gespräch über Klassismus. Eine Bekannte von mir regt sich – zu Recht – darüber auf, dass ständig alle so tun, als hätten sie keine Kohle. Sie hat es satt, dass die, die es sich leisten können, einerseits Gespräche über Geld tabuisieren und sich andererseits mit einer linken Ich-hab-doch-nix-Attitüde schmücken. Wir reden lange darüber, wer über Geld redet und wer nicht. Wer sich an das Tabu hält, für wen es überhaupt eins ist, über Geld zu sprechen, und wer es sich leisten kann, so zu tun, als wäre keins da, und ich stimme ihr in jedem einzelnen Punkt zu.

Ein Pfarrer hält einem Haufen Bargeld ein Kreuz entgegen, um sich zu schützen
Das böse Geld! © Tine Fetz

Trotzdem merke ich die Unruhe, die sich in mir breitmacht. Über Geld reden – das ist nicht nur ein Tabu für jene, die es sich leisten können. Wer als Jüd*in in Deutschland aufwächst, den lehrt die deutsche Gesellschaft drei wichtige Regeln: Wirke nicht zu klug, werde nicht zu einflussreich, rede auf gar keinen Fall und unter keinen Umständen über Geld! Denn alles drei ist für wc-Deutsche die perfekte Grundlage, tief in die antisemitische Dreckkiste zu greifen. Oh ja, und große Nasen, aber darauf haben „wir“ vermutlich am wenigsten Einfluss.

Seit ich denken kann, ist es eine sehr, sehr schlechte Idee, als Jüdin über Geld zu sprechen, welches zu haben, keins zu haben oder mit welchem gesehen zu werden. Das fängt in der Schule an, wenn du dir ’ne Mark leihst, sie am nächsten Tag zurückgibst und von Gleichaltrigen Sprüche über Zinsen und (jüdische) Banken hörst. Geld leihen und verleihen wird ununterbrochen mit antisemitischen Motiven unterlegt und begleitet. So mal als Scherz am Rande auch in linken Kreisen. Geld ausgeben als Jüdin, Geld verdienen als Jüdin, Geld haben als Jüdin, kein Geld haben als Jüdin, leihen oder verleihen als Jüdin, über Ausgaben sprechen als Jüdin, kalkulieren als Jüdin, über Honorare und Bezahlung sprechen als Jüdin, alles, was irgendwie im Entferntesten mit Geld (oder Besitz) zu tun hat, verändert sich umgehend, sobald Menschen wissen, dass du Jüd*in bist.

Kommentare, Scherze, Anspielungen, Spötteleien, Aggression, Vorwürfe, Rumdrucksen, seltsame Pausen … Geld verwandelt sich in meinem Beisein in „Judengold“ [sic!], in potenzielles Raubgold, ich mich zur „Geldjüdin“ [sic!], zur raffgierigen Spekulantin, alles, was ich besitze, zu „raffendem Kapital“ [sic!] und alles, was ich nicht besitze, zu einer Lüge. Kaum etwas fördert so viel antisemitisches Gebaren zutage wie (Gespräche über) Geld.

Dabei scheinen die Bilder so tief und fest zu sitzen, dass selbst Menschen, die ich für reflektiert halte, sich dieser kaum erwehren können. Wer denkt, sich in linken oder feministischen Communitys davor in Sicherheit bringen zu können: Pustekuchen! Denn auch in antikapitalistischen Kontexten hat „der Jude“ [sic!] als Ursprung und Verkörperung des Kapitalismus eine lange Tradition und diese ist zu spüren. Egal ob in Filmen oder Zeichentrickserien, das Bild hält sich.

Dass wc-Deutsche, die es sich leisten können, nicht über Geld reden (wollen), hat übrigens ’ne Menge mit dem Christentum zu tun. Die Glorifizierung von Armut auch. Das antisemitische Bild von „den Juden“ [sic!] als raffgierige Bankbesitzer sowieso. In diesem Sinne: Intersektionalität forever! Denn heute bin ich auch mit Zeichen geizig.


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