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Die Macht des I und *.

16.03.18 > Inland, Missyverse

Von Anna Mayrhauser

Als ich 2009 meine Diplomarbeit im Studienfach Vergleichende Literaturwissenschaft zum Thema „Das Motiv des Reisens in der Popliteratur“ an der Universität Wien abgab, wurde mir nahegelegt, auf geschlechtergerechte Sprache zu verzichten. Ich tat es nicht. Schon bei der Themenfindung wurde mir sanft empfohlen, kein feministisches Thema zu wählen, daran habe ich mich aber wiederum leider gehalten. Mein Antwort darauf war also ein widerständiges – damals noch – Binnen-I.

© Eva Feuchter/Missy Magazine

2009 ist noch nicht so lange her. Nicht nur aufgrund dieser Anekdote fällt es mir bis heute schwer, den ganzen „Tugendterror“ und „Genderwahn“, der angeblich über Universitäten und öffentlichen Einrichtungen hereinbricht, ernst zu nehmen. Wir brauchen noch mehr davon!

Mittlerweile ist 2018 und während ich immer noch in zahlreichen Anmeldeformularen völlig sinn- und zusammenhangslos aufgefordert werde, mein Geschlecht anzugeben, entscheidet der Bundesgerichtshof, dass eine Frau nicht das Recht hat, auch als solche adressiert zu werden.

Auf ihren Formularen für ihr Sparkassenkonto möchte die 80-jährige Feministin Marlies Krämer, die sich schon seit vielen Jahren für Gleichberechtigung in der Sprache einsetzt, gerne Kundin und nicht Kunde genannt werden. Das Gericht entschied anders, schwierige Texte würden dann nämlich noch schwieriger zu lesen sein, so die Argumentation.

Für dieses Ergebnis klagte sich Marlies Krämer durch mehrere Instanzen und ich bewundere diesen Kampf sehr, weil er sich so um die kleinen Dinge kümmert und doch an den entscheidenden Stellen wehtut.

In unserer Kolumne Missyverse bloggt die Redaktion des Missy Magazines, immer im Wechsel. Ab sofort, jeden Freitag.

Als Teenager las ich einmal in einer Frauenzeitschrift, von einer Autorin, die meinte, sie würde sich selbst als Schriftsteller bezeichnen und nicht als Schriftstellerin, weil das so klänge, als würde einem jemand die Wange tätscheln. Tja, warum nur. Damals fand ich das durchaus einleuchtend, Frauenhass lernt man auch in der Welt der Literatur von klein auf. Doch dann fiel mir glücklicherweise doch auf, dass das ziemlich misogyn ist.

Dass Sprache Realitäten prägt und erzeugt, ist keine Neuigkeit. Zahlreiche Experimente und Studien haben darauf hingewiesen. Wenn das generische Maskulinum verwendet wird, denken die Rezipient*innen hauptsächlich an Männer, so mitgemeint alle andere auch sein mögen.

Als ich vor etwa zehn Jahren meine ersten journalistischen Texte für eine Studierendenzeitschrift schrieb und mir Wörter wie „FührerInnenschein“ reinkorrigiert wurden, war ich erst irritiert. Binnen-I, klar, aber muss es denn so ein sperriges Wort sein? Doch gerade weil es mich als Leserin zum Stolpern brachte, passierte etwas in mir.
Je mehr ich wahrnahm, wie sehr geschlechtergerechte Sprache Menschen auf die Palme trieb, desto wichtiger fand ich, für sie zu kämpfen. Wenn es schon so hart ist, Frauen in der Sprache abzubilden, wie hart wird es dann erst sein, ihnen das gleiche Geld für gleiche Arbeit zu geben und Gleichberechtigung in allen gesellschaftlichen Belangen zu erreichen?

Seitdem hat sich wenig, aber doch ein bisschen etwas verändert. War es früher geradezu undenkbar, dass Medien, die nicht in linken Kontexten zu Hause sind, gendern, ringen sich heute selbst größere Medien ab und zu dazu durch. Zwar findet man bei „Zeit“ und „Spiegel“ so gut wie nie ein Binnen-I oder gar einen Gender Gap, doch bemühen sich etwa die Jugendportale der Verlage „ze.tt“ und „bento“ um geschlechtergerechte Sprache. Nervte mich die Website „Studivz“ vor zehn Jahren noch mit beständigen Nachfragen, weil ich nicht „männlich“ oder „weiblich“ im Profil stehen haben wollte, ist heute sogar bei Facebook durchgedrungen, dass es mehr Geschlechter gibt als zwei. Das sind sehr kleine Errungenschaften. Aber ein bisschen etwas ist es.

Heute benutzt die Missy das Sternchen. Wenn ich für andere Magazine schreibe und mir das Sternchen rausredigiert wird, bin ich irritiert. Hä, das stimmt doch so nicht? Es geht doch in diesem Satz gerade um alle? Gendern zwingt zum Präzise-Sein, zum Nachdenken über die eigene Sprache, darüber, wen man eigentlich meint und wen nicht. Und auch, wen man gerade eventuell ausschließt.

Wenn ich heute meine Diplomarbeit lese, finde ich es selber ein bisschen lustig, dass ich von „AutorInnen“ schreibe und dann eine Aufzählung ausschließlich männlicher Autoren folgt. Gendern fängt eben ganz klein an. Und es hat auch mich verändert.

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