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Das wird man wohl noch fragen dürfen

Missys unvollständiges Antisemitismus- FAQ

17.03.18 > Europa, Inland, Welt

Von Stella Hindemith und Stefanie Lohaus

Ich hab in der Schule schon so viel zum Holocaust gemacht und früher auch ganz viele Bücher dazu gelesen. Muss ich euer Dossier trotzdem lesen? Reicht jetzt doch mal, oder?
Tatsächlich denken heute viele Leute an den Holocaust, wenn sie das Wort Antisemitismus hören. In unserem Dossier geht es aber um aktuellen Antisemitismus, nicht um den Holocaust. Wenn Antisemitismus auf diese Extremform reduziert wird, wird seine gegenwärtige Ausprägung leicht übersehen. Wie etwa der Antisemitismus, der schon in dieser Frage steckt. Man nennt ihn sekundären Antisemitismus. Die Forderung nach einem „Schlussstrich“ existiert seit Jahrzehnten und hat vermutlich damit zu tun, dass das Wissen über den Holocaust es so schwierig macht, auf Deutschland mal so richtig stolz zu sein. Das Gefühl, genug über den Holocaust geredet zu haben, ist völlig unabhängig vom Wissensstand der einzelnen Person zum Holocaust, wie Untersuchungen zum Thema zeigen. Mit dieser Abwehrhaltung geht einher, dass Jüdinnen_Juden unterstellt wird, dass sie das Gedenken an den Holocaust instrumentalisieren, um sich Vorteile zu verschaffen. In seiner extremen Ausformung reicht sekundärer Anti­semitismus bis zur Leugnung des Holocausts. Alltäglicher sind Verharmlosungen und genervte Forderungen nach einem Schlussstrich.

@ Sasha Zilbermann

Na gut. Aber die Palästinenser*innen werden von Israel unterdrückt. Das werde ich wohl noch sagen dürfen!
Et voilà. Das ist ein Beleg für ein antisemitisches Stereotyp. Denn: Es gibt doch überall Kritisches zu Israel zu lesen. Schau mal ins Netz auf die Seiten einer Tageszeitung oder einer Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International. Eine Studie der TU Berlin, die während des Gaza-Kriegs 2012 deutsche Onlinemedien untersuchte, kam zum Schluss, dass der Israel-Palästina-Konflikt im Vergleich zu anderen militärischen Konflikten wie in China oder Russland überproportional häufig Thema war und dass das israelische Militär bei drei Viertel der Artikel als Aggressor dargestellt wurde. Warum behaupten dann so viele Menschen, dass Israel in den Medien so positiv wegkomme? Die Aussage geht nicht nur von einem vermeintlichen Tabu aus, sondern auch davon, dass es irgendjemanden gibt, der dieses Tabu erfolgreich durchsetzt. Im Zweifelsfall wird davon ausgegangen, dass alle Menschen und vor allem „die Medien“ diesem Tabu folgen. Diese Aussage knüpft also an antisemitische Verschwörungstheorien an, die von einer Übermacht „der Juden“ in der Welt ausgehen.

Verschwörungstheorien? Die gibt es nach wie vor? Die Weisen von Zion und so?

Aber hallo! Die Wirkung der sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“ – eine antisemitische Hetzschrift, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Umlauf gebracht wurde – kann man global in verschiedenen politischen Strömungen und Gruppen beobachten. Den „Protokollen“ zufolge haben sich die „Juden“ verschworen, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Aktuelle Versionen dieser Idee finden sich derzeit in Diskussionen der Linken wieder, die meinen, dass „die Juden“ bzw. Israelis hinter dem Rechtsruck in den USA stecken. In konservativen bis rechten Kreisen konnte man früher oft hören, die Juden steckten hinter der russischen Revolution bzw. hinter allem, was irgendwie links ist. Heute faseln Leute wie der AfD-Politiker Wolfgang Gedeon von einer vermeintlichen „zionistischen Unterwanderung“ Europas. Diese Verschwörungstheorie ist also ein Chamäleon, das sich an das politische Weltbild der jeweiligen Gruppe anpasst. Der Kern bleibt aber immer derselbe: Hinter allem politischen Übel steck…

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