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Mit zweierlei Mass

Die Kampagne BDS spaltet – auch Feminist*innen. Warum ist ihr antisemitischer Charakter so schwer erkennbar?

17.03.18 > Europa, Welt

Von Jana Sotzko

Kurz vor einem Konzert häufen sich oft E-Mails unbekannter Absender im Postfach meiner Band. Letzte organisatorische Fragen hier, dubiose Videomitschnittsangebote da – alles schon gesehen im Alltag selbstorganisierter künstlerischer Arbeit. Diese Mails lassen sich schnell beantworten oder löschen. Der Aufruf zur Absage unseres Konzerts beim Berliner Pop-Kultur Festival im August 2017 hingegen, der meine Band nur wenige Tage vor dem Auftritt erreichte, war ein Novum. Eine zweite, von einer anderen Adresse gesendete E-Mail mit gleichem Inhalt folgte kurz darauf.

@ Sasha Zilbermann

Der Text der Nachrichten orientierte sich an einem Appell der internationalen Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions, kurz BDS, und forderte uns auf, auf „der richtigen Seite der Geschichte“ zu stehen, indem wir der von „Israel gesponserten“ Veranstaltung fernblieben. Zu diesem Zeitpunkt stand das Festival durch die Absage mehrerer Acts aus arabischen Ländern und die verärgerten Reaktionen von Politiker*innen, wie etwa dem Berliner Kultursenator Klaus Lederer, bereits im Fokus einer überregionalen medialen Debatte über Sinn und Unsinn kultureller Boykotts im Allgemeinen und der Sanktionierung Israels im Besonderen. Auslöser für die Angriffe auf die Veranstaltung war ein Reisekostenzuschuss der israelischen Botschaft in Höhe von fünfhundert Euro für die arabisch-jüdische Sängerin Riff Cohen. Dargestellt wurde diese Beteiligung durch den BDS als „eindeutiger Versuch, […] Israel als hippen, multikulturellen und fortschrittlichen Staat darzustellen, um seine Besatzung Palästinas und seine Menschenrechtsverletzungen zu übertünchen“, wie es etwa auf dem Blog der Bonner BDS-Gruppe heißt. Am Ende blieben acht Bands und Künstler*innen – darunter der Headliner Young Fathers – der Veranstaltung fern.

Die Kampagne BDS und ihre Forderungen sind damit spätestens in diesem Sommer auch in der deutschen Öffentlichkeit angekommen.

Worum aber handelt es sich bei dieser Bewegung? Auf ihrer Webseite nennt die Kampagne 2005 als ihr Gründungsjahr. Ein von 170 palästinensischen NGOs unterschriebener Aufruf formulierte die drei Kernforderungen der BDS: Israel solle „die Besetzung und Kolonialisierung allen arabischen Landes beenden“, den „arabisch-palästinensischen Bürgern Israels volle Gleichberechtigung zugestehen“ und den „palästinensischen Flüchtlingen die Rückkehr in ihre Heimat ermöglichen“. Dass es sich um eine palästinensisch geführte, friedliche Graswurzelbewegung handle, wird auf der Webseite immer wieder betont, ebenso die Formulierung, Israel sei ein Apartheidstaat, und die Forderung nach seiner Isolation beruhe auf dem Vorbild des südafrikanischen Kampfes gegen die staatlich festgelegte sogenannte Rassentrennung. Wer jedoch mehr erfahren möchte, stößt schnell auf Unklarheiten und offene Fragen. Nichts zur langen antisemitischen Tradition des Boykotts jüdischer Waren und Personen, nichts zur im Juli 2017 erklärten Unterstüt…

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