Gastblog Berlinale

(Kino)welt im Umbruch

Liebe Missys: Die diesjährige Berlinale endet ein klein wenig überraschend mit einem Goldenen-Bären-Gewinner, den ich – bei aller Sympathie für Jurypräsident Mike Leigh – als Altherren-Entscheidung empfinde. Zwar haben die über 80-jährigen Taviani-Brüder mit ihrem altmeisterlich hübsch in durchkomponierten Schwarzweißbildern fotografierten Film ein interessantes Thema aufgegriffen, sind meiner Meinung nach diesem aber nicht gerecht geworden. Ihr semidokumentarischer Film „Cesare deve morire“ („Cäsar muss sterben“) spielt in der römischen Strafanstalt Rebibbia: Dort sitzen verurteilte Mafiosi, Drogenhändler und Mörder ein. Gemeinsam proben sie das Shakespeare Stück „Julius Caesar“ ein. Zu Beginn des Films gibt es eine sehr gelungene Casting-Szene in denen die künftigen Laiendarsteller ihre biographischen Daten einmal weinerlich und einmal wütend vorbringen müssen. Was für Gesichter, was für schauspielerische Talente und wie viel Einfühlungsvermögen ist an diesen Menschen, die zum Großteil lebenslänglich einsitzen, für die Welt verloren gegangen! Jeder Zuschauer brennt förmlich darauf nun mehr von diesen Menschen und ihrer Lebensgeschichte zu erfahren, wir hoffen auf einen Film, der uns die dramatische Verbindung zwischen dem Leben der Männer und dem Stück aufzeigt, stattdessen werden wir größtenteils nur Zeugin des Entstehungsprozess der Inszenierung.

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Hoffnung im Herzen der Finsternis

In den beiden letzten Tagen des Wettbewerbs haben mich zwei Filme sehr  beeindruckt, die tatsächlich mit Laienschauspielern in den Hauptrollen besetzt sind und gewissermaßen auf leisen, unaufdringlichen Sohlen daherkommen, obwohl die realen Probleme, die sie behandeln, größer und entsetzlicher nicht sein könnten: Gemeint ist zunächst einmal „Just the wind“, ein minimalistischer A-day-in-a-life-Film des ungarischen Regisseurs Bence Fliegauf: Es ist der letzte Tag im Leben der Familie von Mari, einer tapferen Roma-Frau, die mit ihren Kindern in einem sehr ärmlichen Häuschen in einer Romasiedlung wohnt: Morgens steht sie in aller Frühe auf, füttert den hinfälligen Vater und macht sich auf den Weg zu ihren diversen Putzjobs. Tags zuvor wurde eine andere Romafamilie des Dorfes brutal hingemetzelt. (Der Film beruht auf wahren Tatsachen! – Der Vorspann weist ausdrücklich auf eine fremdenfeindliche Mordserie hin, die sich vor einigen Jahren in Ungarn ereignet hat.)

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Kaputte Familien und eiserne Ladies

Ihr kennt ja sicher das Zitat von Tolstoi: Jede unglückliche Familie ist auf ihre Art unglücklich. In den letzten Berlinale-Tagen schossen mir diese weisen Worte wieder öfter durch den Kopf. Dysfunktionale Familien sind im Weltkino zur traurigen Normalität geworden. Bei „Jayne Mansfield’s Car“ (<–Trailer), einem herrlich durchgeknallten (aber auch durchdachten!) und berührenden Film von Billy Bob Thornton, den dieser übrigens mit russischem Geld produziert hat – wahrscheinlich haben die Amis bei soviel abgedrehtem Humor dankend abgewunken – geht es um eine total kaputte Familie in Alabama im Jahre 1969…: Der Patriarch Jim Caldwell – herrlich knorrig gespielt von Robert Duvall – dessen Besitz ungefähr so groß ist wie die Heimatplantage Tara in „Vom Winde verweht“ – hadert mit seinem Schicksal und seinen Söhnen: Zwei von ihnen sind im Zweiten Weltkrieg gewesen und haben die Schnauze vom Kriegspielen dermaßen voll, dass der eine von ihnen (Kevin Bacon) seine Freizeit hauptsächlich damit verbringt, Drogen zu konsumieren und gegen den Vietnam-Krieg zu demonstrieren und der andere – gespielt von Thornton höchstpersönlich (übrigens der Ex von Angelina, ein bisschen gossip darf ja wohl sein) – ist ein richtig schräger Nichtsnutz, der Autos sammelt und immer sagt was er denkt… Read more »

Draußen vor der Tür

Ich gebe es zu: Menschen wie Ursula von der Leyen mit ihren wohlgeratenen sieben Kindern samt treusorgendem Ehemann und ihrem geradlinigen beruflichen Erfolg sind mir suspekt. Schließlich haben auch die Tage von Supermännern und Superfrauen nur 24 Stunden…Noch suspekter als Ursula war mir bislang Angelina Jolie: Sechs Kinder, Pilotenschein, schön anzuschauen, super erfolgreiche Schauspielerin, Geld wie Heu, seit zehn Jahren Sonderbotschafterin für das UNO-Flüchtlingswerk UNHCR und dazu auch noch Brad…Als ich davon hörte, dass Angelina Jolie eine Geschichte, die im Bosnienkrieg spielte, verfilmen wollte, ging es mir wie ihren aus Serben und Bosniern bunt zusammengewürfelten Schauspielern, die nach erfolgreichem Casting erfuhren, wer Regie bei „In The Land Of Blood And Honey“ führen wird: Ich hielt es für einen Witz. Wann wollte diese Frau um Himmels Willen auch noch – selbst mit einer Heerschar an Bediensteten im Rücken – Regie führen? Zudem bei einem Film, der auf keinen Fall „hollywoodlike“ geraten darf, will sie nicht die Leidtragenden dieses Krieges und Neider in aller Welt gegen sich aufbringen. Dann wurde ich aber zunehmend neugierig und war sowohl von dem Ergebnis, als auch von der Regisseurin selbst auf der Pressekonferenz in Berlin recht angenehm überrascht. Ihr melodramatischer Kriegsfilm ist ziemlich harte Kost und wird seinem Anspruch einprägsame Bilder für die Schrecken des Krieges zu finden – und insbesondere des Kriegs gegen die Frauen -  ohne sie jedoch effekthascherisch auszuschlachten, weitgehend gerecht. Doch worum geht’s? Sarajevo 1992. Ailja ist muslimische Bosnierin und Danijel ist ein Serbe, ein Christ. Sie sind frisch verliebt, gehen gemeinsam aus und flirten in einem Tanzcafé miteinander. Bis in der Disco eine Bombe explodiert. Sie markiert den furchtbaren Beginn der ethnischen Säuberungen.  Wenig später wird Ailja in ein serbisches Camp deportiert, einer der Kommandanten ist tatsächlich Danjel, dessen Vater der große General Vukojevic ist. Dank Danijels Schutzes bleibt ihr zunächst erspart, was den anderen Frauen wiederfährt: Sie werden auf das Widerlichste erniedrigt und vergewaltigt. Dieser spezielle Krieg der Männer gegen die Frauen ist im Fokus der Regiedebütantin. Read more »

Zum Tode verurteilt versus Überleben in der DDR

Begonnen hat der Wettbewerb der diesjährigen Berlinale mit dem ödesten Revolutionsfilm aller Zeiten: “Leb wohl, meine Königin!”  Mit Wehmut dachten viele an Kirsten Dunst in Sofia Coppolas hinreißende Verfilmung des Lebens von “Marie Antoinette” zurück. Diane Krugers Schauspielkunst, die wir in “Barfuss auf Nacktschnecken” noch bewundert haben, mußte angesichts des unschlüssigen Drehbuchs versagen. Weder nehmen wir ihr in dem Film, in dem es um die letzten Tage vor Ausbruch der französischen Revolution am Hof von Versailles geht, die Königin, noch ihre lesbischen Neigungen ab. Immerhin gab es ein paar hinreißenden Roben zu bestaunen, so dass ich mich nicht wie mein Sitznachbar gezwungen sah, ein Nickerchen einzulegen.

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Weibliche Lebensentwürfe in Debütfilmen

Bevor der Filmwahnsinn morgen offiziell losgeht noch rasch eine Empfehlung für drei  ungewöhnliche Debütfilme mit Nachhall, die einem also noch Tage danach immer wieder in den Sinn kommen: Da wäre zum einen „Hemel“ von der Regisseurin Sacha Polaks. „Hemel“ bedeutet Himmel und ist der Name einer jungen Frau, die ihre Partner beim Sex schneller wechselt als Bohlen seine Ehefrauen.  Vertraulichkeit entwickelt sie nur gegenüber ihrem Vater Gijs, mit dem sie seit dem Tod ihrer Mutter zusammenlebt. Die eigenartige, arg intime Beziehung zwischen den beiden lässt keine Verbindlichkeit in ihren jeweiligen Affären zu. Dies ändert sich jedoch als sich dieser George-Clooney-Abklatsch von einem Vater ernsthaft verliebt…Hemel, setzt ihre Sexualität ein, um zu provozieren und immer wieder auszuprobieren, ob der Lebensentwurf ihres geliebten Gigolo-Vaters womöglich auch ihr passt. Bis auch sie sich ein wenig verliebt…Lieblingsszene: Hemel erklärt einem entsetzten christliches Liebespaar, das mit dem Sex noch bis zur Ehe warten will, da sie es  „nicht eilig haben“, dass es beim Sex doch nicht darum geht „noch den Bus zu kriegen“… Der Film erinnert mich streckenweise an einen herrlich irritierenden Film der letzten Berlinale – „Brownian Movement“ mit Sandra Hüller, ein Film, der ebenfalls zum Nachsinnen über weibliche Sexualität, Freiheit,  Einsamkeit, Selbstbestimmung und den eigenen Lebensentwurf einlud.

Hier der holländische Trailer, für einen ersten Eindruck oder für diejenigen unter Euch die dieser schön anzuhörenden Sprache mächtig sind:

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Berlinale: Gucken – nicht gucken – lieber lesen

Heute hat der Vorverkauf für die Berlinale-Tickets begonnen, hier also rasch noch ein paar Tipps: Wäre Miranda July Japanerin, sie würde bestimmt einen ähnlich poetischen Film wie Naoko Ogigami, die schon 2008 mit „Menage (Glasses)“ bezauberte, machen.. „Rentaneko (Rent-a-cat)“ erzählt die – stellenweise herrlich absurd-komische – Geschichte einer eigensinnigen, jungen Frau, die an einsame Menschen Katzen verleiht…Der Film feiert auf der Berlinale seine Weltpremiere in der Panorama-Sektion.

Ähnlich poetisch, aber ernsthafter ist „L’age Atomique (Atomic Age)“ ein Film der Französin Héléna Klotz. In traumhaft-alptraumhaft-reduzierten Bildern wird die Geschichte zweier junger Männer, die sich im Pariser Nachtleben amüsieren wollen, aber auch zu vergessen suchen, erzählt. Der hypnotisierende Film hat die Atmosphäre einer Frage, die einer der Protagonisten mal seinem Freund stellt „Wenn etwas passiert und niemand darüber redet – passiert es dann trotzdem?“ Ein Film, in den sich unsere pubertierenden Söhne gerne verirren dürften…Mein persönlicher Lieblingssatz dieses „bisexueller-Werther-tanzt-zu–John-Maus-Films“: „We should dim the cities and return to the blackest lights…“ Hach.

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Was ist eine Hure, was ist ein Mann?

Am 6. Februar um 10 Uhr beginnt in den bekannten Vorverkaufsstellen und online der Run auf die Berlinale-Tickets. Zwei der dort gezeigten Film möchte ich Euch unbedingt ans Herz legen: Einer der Eröffnungsfilme der Panorama-Sektion ist „Elles“ („Das bessere Leben“) von der polnischen Regisseurin Malgorzata Szumowska. Die Hauptdarstellerin, die unvergleichliche Juliette Binoche wählte auch dieses Mal mit der ihr eigenen traumwandlerischen Sicherheit ein herrlich irritierendes Drehbuch aus. Diesmal spielt sie Anne, eine gutsituierte Journalistin der Frauenzeitschrift ELLE, die gleichzeitig versucht ihre Story über Charlotte und Alicja, zwei Studentinnen, die nebenher als Eskortmädchen arbeiten müssen, zu Ende zu bringen und nebenher Haushalt, Familie und selbstherrlichen Ehemann zu betreuen. Die Begegnung mit diesen aufrichtigen, jungen Frauen lässt sie endlich einmal über den bürgerlichen Tellerrand blicken: Familie, Sex, Geld, Feminismus und Chancengleichheit  – nach der Begegnung mit Charlotte und Alicja sieht sie all dies mit neuen Augen.

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Karen Blixen und andere Schwestern

Meine lieben Missys, da bin ich wieder mit meinem Gastblog Berlinale, mit dem ich Euch hoffentlich ein wenig den Weg durch den diesjährigen Berlinale-Filmdschungel weisen kann. Geändert hat sich bei mir seit dem letzten Jahr nicht so viel – außer mein Nachname und dass ich seit kurzem Westernreiterin bin (Jihuuuuu!) – also in den nächsten knapp drei Wochen wird Euch die freie Journalistin und pathologisch neugierige Gabriele Summen (war einfach der schönere Nachname…) mit ein paar Gedanken und Tipps zur Berlinale unterhalten. Nachdem ich mir in den letzten drei Wochen bereits einige Panorama-, Forums- und Perspektive-deutsches-Kino-Filme (in vorgezogenen Pressevorführungen) für Euch angeschaut habe, ging’s gestern also zur alljährlichen Berlinale-Pressekonferenz bei der der ewige Festspielleiter Dieter Kosslick (seit zehn Jahren im Amt) mal rührend um Ernsthaftigkeit bemüht, mal gewohnt kalauernd das Wettbewerbsprogramm vorstellte: Read more »

And the winner is…

gabyberlinale-rahmen1Jedes Jahr gibt es einen Wettbewerbs-Film, den ich verpasse, weil er in aller Herrgottsfrühe im Berlinale Palast gezeigt wird und ich gerade kein weiteres schweres Menschenschicksal, dass womöglich noch in einem unterdrückten Land spielt, mehr sehen kann. Vorletztes Jahr war das „La Teta Asustada“. Letztes Jahr, war dieser Film „Bal“ und in diesem Jahr war es „Nader And Simin, A Seperation“. Diese Filme sind leider immer sichere Kandidaten für den goldenen Bären. So auch dieses Mal. Wer also im nächsten Jahr vorzeitig wissen möchte, wer den goldenen Bären gewinnt, der möge sich vertrauensvoll an mich wenden. Eine Menge goldene Bären abgeräumt, nämlich einen für den besten Film und gleich zwei silberne für die besten Darstellerinnen und die besten Darsteller hat also der iranische Film „Nader And Simin, A Separation“. Doch worum geht’s? Simin, die Ehefrau will weg aus dem Iran. Sie möchte, dass ihre Tochter unter besseren Lebensumständen aufwächst. Doch ihr Mann Nader möchte seinen demenzkranken Vater nicht im Stich lassen. Verzweifelt reicht Simin die Scheidung ein. Doch der Richter lehnt ihren Antrag ab und das Beziehungsdrama nimmt seinen Verlauf. Read more »