Keine Angst vor Niemand

Yo Majesty sind nichts weniger als eine Sensation. Die beiden Rapperinnen aus Tampa, Florida, sind schwarz, sexy, street – und offen lesbisch. Ihre Mischung aus offensivem Booty Bass und rotziger Punk-Attitude könnte HipHop revolutionieren. Ach was: muss.

»You think you’re all that in your leather jacket«, singen Shunda K und Jwl. B auf ihrem ersten Album hymnisch, um dann höhnisch ein entschiedenes »No!« nachzuschieben. Und das war dann auch schon alles, was sie über die Macker-Allüren ihrer männlichen Kollegen innerhalb und außerhalb von HipHop zu sagen haben. Über Typen, die große Stücke vor allem auf sich selbst halten, gäbe es als Lady im Rap bestimmt noch mehr zu meckern. Aber Jwl. B winkt im Interview nur lässig ab: Jede/r müsse das machen, was er oder sie für richtig halte.

(c) Foto: Tim Saccent
(c) Foto: Tim Saccent

Ansonsten interessieren sich die beiden herzlich wenig für Dicke-Hosen- oder BlingBling-Rapster, und eher für ihr eigenes Geschlecht. Dass sie Frauen »hott« finden, daraus machen Yo Majesty kein Geheimnis, im Gegenteil. Einer der ersten Tracks, der den Underground-Ruhm des Duos, das früher noch ein Trio war, begründete, war »Kryptonite Pussy«, eine augenzwinkernde Huldigung der Power der Vagina. Und auch auf ihrer neuen Platte »Futuristically Speaking … Never Be Afraid« werden im halsbrecherisch schnell gerappten »Booty Klap« der Angebeteten harte Klapse auf dem Hintern verteilt. Das ist die perfekte Queerung aller Machismo-Hymnen von Ass & Titties-Protagonisten wie DJ Assault.. Und ein saftiger Tabubruch in dem Business, in dem es führende weibliche Stars offensichtlich immer noch für kommerziellen Selbstmord halten, sich als homo zu outen – oder wie viele bekennende HipHop-Lesben gibt es, von -Schwulen ganz zu schweigen? Die Produktion der 14 Titel, die sie gemeinsam mit dem zweiköpfigen britischen Producer-Team Hard Feelings UK ausgetüftelt haben, hat es in sich. Nicht nur der in Florida beheimatete partykompatible Booty Bass haut voll auf die Glocke. Auch wütend geschriene Punk-Momente sowie souliger Gospelgesang zementieren eindrucksvoll den Ausnahmestatus von Shunda K und Jwl B. Im Vordergrund steht jedoch meistens, ganz unverblümt, alles Fleischliche. Wobei sich die beiden nie um Klischees von »softer« weiblicher versus »harter« männlicher Sexualität scheren.

Im Bewusstsein dieser offensiven Sexiness wundert es zu hören, dass Jwl. B, die in toughen Verhältnissen bei ihrer Oma aufwuchs und als Mädchen missbraucht wurde, ihre Heimat immer noch bei Gott sieht – wenn auch nicht in der Kirche. »Ich lebe seit 15 Jahren offen als Lesbe. Als meine sexuelle Orientierung in dem Kirchenchor, in dem ich seit Jahren gesungen hatte, rauskam, wendeten sich von einem Tag auf den anderen alle von mir ab – sogar eine meiner besten Freundinnen. Was glaubst du, was man nach so einer Erfahrung für ein Verhältnis zur Kirche hat? Ich hatte immer eine große Liebe zur Musik, und Gott hat sich mein Talent zu eigen gemacht. Musik hat mir schon oft geholfen, denn sie ist ein Heilmittel für die Zurückgewiesenen.«
Shunda K, der andere Teil von Yo Majesty, hat dagegen versucht, das vermeintlich »Richtige« zu tun und dem Projekt für zwei Jahre den Rücken gekehrt, um einen christlichen Priester zu heiraten. Das Experiment ging gründlich in die Hose, und nun ist die Ex-Leichtathletin nicht nur zurück in der Gay-Szene, wo sie vor gut sechs Jahren auch Jwl. kennenlernte, sondern auch in der Band.

Über den Anpassungsdruck in der Branche sagt Jwl. B: »Je mehr du dich von den anderen unterscheidest, desto schöner bist du. Also sei du selbst und umarme deine Verschiedenheit – da ist nichts Negatives dran. Schau mich an, ich entspreche nicht den üblichen Schönheitsvorstellungen, ich bin dick, ich habe Dehnungsstreifen, aber ich liebe es, eine Frau zu sein. Ich liebe meine Vagina und meine Brüste, meine Haut, in der ich mich sehr wohl fühle.«

So wohl, dass Jwl. B bei Liveauftritten auch gerne mal ihr Shirt auszieht, um wie unzählige männliche Kollegen oben ohne über die Bühne zu teufeln und wie eine Verrückte den von ihr erfundenen wilden »Monkey« zu tanzen. Warum, verdammt noch mal, auch nicht? Nervig nur, dass sich Journalisten gerne in einer Mischung aus Faszination und latenter Abscheu auf diese gut ausschlachtbaren Performances stürzen – auch wenn bzw. gerade weil die kräftige Rapperin nicht den branchenüblichen Körpernormen entspricht. Jwl. B, die völlig in sich selbst zu ruhen scheint, ist das völlig schnurz. »Wir haben vor nichts Angst«, erklärt sie lapidar, und wer sie da so sitzen sieht, mit ihrer absoluten Indifferenz gegenüber allen Restriktionen und Disziplinierungen, die der Markt für Frauen im Entertainment-Sektor bereithält, weiß einfach, dass das stimmt. Sie habe einen Traum, gibt Jwl. amüsiert zu Protokoll und klingt dabei wie eine Gospel-Predigerin auf Acid mit Martin Luther King im Hinterkopf: »Yo Majesty wird die größte Band des Planeten, wir werden überall geradezu explodieren.« Bitte, wir können’s kaum abwarten.
TEXT: SONJA EISMANN

Yo Majesty: »Futuristically Speaking … Never Be Afraid«
(Domino/Indigo) bereits erschienen