Martha Cooper: Tag Town

Karriere mit kurzen Fingernägeln
Als HipHop in den frühen Achtzigern entstanden ist, war Martha Cooper von Anfang an mit dabei. Mit uns sprach sie über ihr neues Buch „Tag Town“ und die Notwendigkeit für einen neuen feministischen Aufstand
Interview: Karla Fuchs

Hohe Nike-Sneakers, weite Hose, lässige Baumwolljacke – ihre Kleidung könnte die einer 15-Jährigen sein. Doch Martha „Marty” Cooper ist schon etwas länger dabei: Die 65-jährige New Yorker Fotografin war in den frühen Achtziger Jahren die erste, die Graffiti und HipHop-Kultur mit dem Fotoapparat festhielt. Mit ihrem Fotoband „Subway Art” von 1984, der die kunstvoll bemalten Züge jener Zeit abbildet, hat sie Geschichte geschrieben. Jetzt erscheint ihr siebtes Buch „Tag Town”, eine Hommage an die wilden Signaturen, die in den Siebziger und Achtziger Jahren die Straßen von New York zierten.

Im Unterschied zu kunstvoll gesprühten Graffiti-Pieces gelten Tags meist als Vandalismus. Was fasziniert Sie daran?
Tags sind durchaus eine eigene Kunstform: Erst wenn man selbst versucht, eines zu entwickeln, merkt man, wie komplex sie sind. In den 1970ern waren die Leute noch fasziniert von diesem neuen urbanen Phänomen. In einem Zeitungsartikel von 1975, der in „Tag Town“ abgedruckt ist, vergleicht ein Autor Tags mit der Kalligraphie des 8. Jahrhunderts. Heute finden viele Tags schlecht, weil sie sie nicht entziffern können. Lernt man aber, diese Markierungen richtig zu lesen, sind sie sehr interessant, weil sie darüber Auskunft geben, wer an einem bestimmten Ort war.

Sie haben lange als Fotojournalistin für Zeitungen und Zeitschriften gearbeitet und sind unter anderem mit dem Motorrad von Indien nach England gefahren. Was machen Sie heute?
Fotojournalismus interessiert mich nicht mehr – National Geographic und so, das hatte ich alles schon. Jetzt arbeite ich als freischaffende Fotografin in New York, vor allem für gemeinnützige Organisationen. Am liebsten mache ich Fotos von vergänglicher Architektur, zum Beispiel von Obdachlosen-Hütten. Dann betreibe ich noch die Internetseite Kodakgirl.com, eine Hommage an Fotografinnen auf der ganzen Welt, die für ihre Arbeit nie anerkannt wurden.

1974 haben Sie Hera mitgegründet, eine feministische Galerie nur für Künstlerinnen, und diesen Sommer haben Sie in Berlin das Frauen-HipHop-Festival „We B-Girlz“ mitorganisiert. Ist Feminismus heute noch aktuell?
Ich dachte, wir hätten die Gleichberechtigungskämpfe bereits ausgefochten. Aber wenn ich mir Rap-Texte heute anhöre, bemerke ich eine Rückentwicklung. Vielleicht ist es deswegen wieder Zeit für einen feministischen Aufstand. Wir älteren Frauen sollten den Jüngeren zeigen, dass sie sich den Normen, die andere ihnen vorschreiben, nicht anpassen müssen. Ich möchte ein Vorbild dafür sein, dass man als Frau auch mit kurzen Haaren und Fingernägeln Karriere machen kann.

Martha Cooper, Tobias Barenthin Lindblad „Tag Town“ (Dokument), 110 S., 19,90 EUR, www.dokument.org