Marie-Luise Schramm – Was ist sexy?

schrammDie Schauspielerin über ihren Job, weibliche Schönheitsklischees und ihre Rolle als das kleine, dicke Mädchen des deutschen Films & Fernsehens.

Eigentlich wollte Marie-Luise Schramm Fußballprofi werden. Doch dann ist ihr die Schauspielerei dazwischengekommen. Kein Wunder, wenn beide Eltern Schauspieler sind, und man seine Kindheit fast komplett im Theater verbringt. Bereits mit neun Jahren beginnt die gebürtige Ost-Berlinerin als Synchronsprecherin, mit zehn ergattert sie ihren ersten Fernsehauftritt in der ZDF-Serie »Unser Charly«. Es folgen weitere Rollen in Serien wie dem »Traumschiff« und »Praxis Bülowbogen«.

Endgültig angefixt von der Schauspielerei beschließt sie, mit 15 die Schule zu schmeißen, um sich ausschließlich ihrer Leidenschaft zu widmen. Ein Entschluss, den die 25-Jährige bis heute nicht bereut hat, und der sich spätestens 2002, seit der Verleihung des heiß begehrten Max-Ophüls-Preises als beste Schauspielerin, als absolut richtig erwies. Der endgültige Durchbruch folgte dann 2004 mit ihrer Rolle in Katinka Feistls Spielfilmdebüt »Bin ich sexy?«. Für ihre Darstellung der jungen Mareike, die alles daransetzt, um ihren Traum vom Modelsein zu verwirklichen, wurde sie von ZuschauerInnen und KritikerInnen geliebt und heimste unter anderem den Förderpreis Deutscher Film als beste Nachwuchsschauspielerin ein.

Es sind die etwas anderen, abseitigeren Rollen, die Marie-Luise Schramms Filmografie auszeichnen. Filme, die sich trauen, die sozial Benachteiligten unserer Gesellschaft zu zeigen. So wie Vanessa Jopps »Komm näher« oder Marie-Luise Schramms letzte Kinoproduktion »Was am Ende zählt«, in der sie eine minderjährige Obdachlose spielt, die versucht, zusammen mit ihrer besten Freundin deren Kind großzuziehen. Eine Rolle, für die sie beim Brooklyn International Filmfestival 2008 den Preis als beste Schauspielerin verliehen bekam.

In »Bin ich sexy?« spielst du die selbstbewusste Mareike, die klein und weiblich rund ist, aber trotzdem unbedingt Model werden will. Was macht für dich einen Menschen sexy? Intelligenz, Humor – eben die inneren Werte. Ein Mensch muss für mich nicht wie ein Topmodel aussehen, um sexy zu wirken. Im Gegensatz zu Mareike, die am Anfang des Filmes noch denkt, dass man den typischen Schönheitsidealen entsprechen muss, um auf andere anziehend zu wirken, ist für mich das Innere eines Menschen schon immer wichtiger gewesen als das Äußere. Mareike hingegen muss erst durch eine Autoimmunerkrankung ihre Haare verlieren, um zu erkennen, dass Schönheit eine innere Einstellung ist.

Wie wichtig ist es für Frauen in unserer Gesellschaft, sexy zu wirken? Leider ist es für die meisten sehr, sehr wichtig, einem bestimmten Bild von Sexiness zu entsprechen. Ich persönlich kann diese ganze Diskussion um die Frage, wer sexy ist oder nicht, langsam nicht mehr hören. Es gibt viel wichtigere Dinge im Leben, um die man sich einen Kopf machen sollte. Bei uns zu Hause ging es nie um Äußerlichkeiten. Ich habe Frauen immer belächelt, die sich zu sehr mit ihrem Äußeren beschäftigen. Natürlich gab es auch Momente, in denen ich gedacht habe, dass vieles einfacher für mich wäre, wenn ich dem typischen Schönheitsideal entsprechen würde. Aber im Endeffekt bin ich mit mir und meinem Äußeren zufrieden. Die Leute mögen mich eben, weil ich so bin, wie ich bin.

Wirkt sich diese Abweichung vom typischen Schauspielerinnen-Äußeren auch auf die Rollen aus, die dir angeboten werden? Und wie. In jedem dritten Drehbuch, das ich lese, ist für mich der Part des kleinen, dicken Mädchens vorgesehen. Aber das ist beim Fernsehen eben so: Wenn du einmal in einer Schublade steckst, ist es wahnsinnig schwierig, da wieder herauszukommen. Ich hatte eine Phase, in der mich das Thema Gewicht sehr beschäftigt hat, weil ich ständig lesen musste, ich wäre dick – dabei trage ich Kleidergröße 34!

Ich habe es auch schon oft erlebt, dass ich zu einem Casting komme und die Anwesenden regelrecht irritiert sind, weil ich nicht dem entspreche, was sie sich vorgestellt haben. Ich hatte diesbezüglich auch mal ein sehr interessantes Erlebnis bei der Verleihung des New Faces Awards, wo eine Journalistin auf mich zu stürmte und erstaunt feststellte, dass ich ja richtig dünn sei. Dabei hätte ich doch gerade auf der Leinwand noch ausgesehen wie Marianne Sägebrecht. Worauf ich ihr nur erwidern konnte: »Danke. Ich bin jetzt übrigens dicker als während des Drehs.«

Die berühmten fünf Kilo, die die Kamera auf die Hüften zaubert. Richtig! Bei »Bin ich sexy?« haben mir jedoch nicht nur die Kamera zu ein paar Kilos mehr verholfen. Da trug ich auch noch Polster unter den Klamotten.

Du spielst immer sehr eigene, selbstbestimmte Frauen, die alles daransetzen, ihre Träume zu realisieren. Zufall oder suchst du dir diese Rollen gezielt aus? Grundsätzlich finde ich starke Charaktere toll! Aber ich denke, die meisten Leute sehen mich auch einfach in diesen Figuren. Die Kleine, Zarte, Liebe traut mir wahrscheinlich keiner zu. Dabei würde ich das gerne mal spielen. Prinzipiell kommt es mir bei der Auswahl meiner Rollen immer darauf an, was der Charakter hergibt, ob es einen interessanten Background gibt, auf den ich zurückgreifen kann. Wenn das stimmt, ist es mir auch egal, ob es eine Haupt- oder Nebenrolle ist. Oft sind gerade die kleinen Rollen besonders spannend und anspruchsvoller als die Hauptcharaktere.

Die deutsche Fernsehlandschaft ist in weiten Teilen eher bieder und wenig innovativ, was Frauenrollen angeht. In den USA hingegen gibt es Serien, in denen lesbische oder irgendwie »schräge« Frauen im Mittelpunkt des Geschehens stehen, Charaktere, die von dominanten Normen abweichen. Woran, glaubst du, liegt dieser Unterschied? Vielleicht halten deutsche Produzenten solche Figuren und Settings für zu abseitig. Dabei würde ich im deutschen TV gern mal solche abgedrehten Charaktere wie Ally McBeal sehen. Die RTL-Serie »Doctor’s Diary«, an die ich mich anfangs überhaupt nicht herangetraut habe, hat mich wirklich positiv überrascht. Die Serie kann etwas. Man guckt gerne zu und lässt sich vom Tempo mitreißen. Vor allem in Sachen Tempo und Mitreißen sind uns die USA weit überlegen. Aber ich bin guter Hoffnung, dass wir in Deutschland genauso mutig werden.

Gleichzeitig sehen selbst in den interessanten US-Serien die Frauen immer so aus, als kämen sie geradewegs aus dem Schönheitssalon. Stinknormale, wenig geschminkte Frauen im üblichen Casual-Style sieht man im Fernsehen kaum. Sind normal aussehende Frauen mit der Illusionswelt des Fernsehens nicht kompatibel? Diese Frage habe ich mir auch schon oft gestellt: Warum muss im Fernsehen alles immer so perfekt sein? Damit man mit seiner eigenen Welt noch unzufriedener ist? Vielleicht fehlt den deutschen Sendern einfach der Mut und der Blick für das Normale. In jedem Fall ist man es irgendwann leid, diesen perfekten Menschen bei ihrem perfekten Leben zuzusehen, weil es so wenig mit der eigenen Realität gemein hat.

Kann es auch an der Eitelkeit der Schauspielerinnen liegen?

Mag schon sein. Ich würde mich aber nicht scheuen, so wie ich bin vor die Kamera zu treten.

Gibt es eine Frauenfigur im deutschen Fernsehen, mit der du dich identifizieren kannst? Im deutschen Fernsehen fällt mir niemand ein. Ansonsten, vom Beklopptheitsgrad her, würde ich sagen: Ally McBeal. Ich habe auch ständig mein Kopfkino am Laufen.

Schaust du überhaupt deutsches Fernsehen? Im Moment komme ich wenig dazu. Das hängt aber auch mit meiner 20 Monate alten Tochter zusammen. Zurzeit schaue ich abends entweder Fußball oder DVDs. Ich bin gerade dabei, mir alle Staffeln von »Grey’s Anatomy« anzusehen.

Auch dort tragen alle, abgesehen von der Oberärztin Miranda Bailey, Kleidergröße 34. Ah, Bailey. Die mag ich besonders gerne, die wütet immer wie ein Drache durchs Krankenhaus. Aber klar, »Grey’s Anatomy« spiegelt in keiner Weise die Realität im Krankenhaus wider. Zumindest habe ich dort nie so schöne Ärzte gesehen. Aber ich mag die Liebesgeschichte zwischen Meredith und Derek (Anm.: den beiden Hauptfiguren) einfach gerne.

Welche Frauenfigur würdest du selbst gerne mal spielen? Ich würde wahnsinnig gerne mal eine Psychopathin spielen. Oder eine Frau mit Tourette-Syndrom. Ich finde, es wird viel zu wenig über das Tourette-Syndrom gesprochen, und wenn, wird es immer ins Lächerliche gezogen. Ich habe mal eine Dokumentation darüber gesehen und danach wahnsinnig viel gelesen, weil ich unbedingt noch mehr darüber wissen wollte. Die Betroffenen leiden extrem unter dieser Krankheit, weil sie sich stark auf ihr Sozialleben auswirkt. Dabei sind die Menschen ja nicht bekloppt, sondern einfach nur krank. Aber sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Das zu spielen stelle ich mir wahnsinnig schwierig vor. Aber vielleicht könnte ich dadurch den Zuschauern die dunkle Seite dieser Krankheit nahebringen.

Die Feministin Simone de Beauvoir schrieb in den 1940er Jahren, dass man nicht als Frau zur Welt kommt, sondern dazu gemacht wird. Inwieweit beeinflusst das Fernsehen das heutige Frauenbild? Da sind wir wieder bei dem Punkt, dass man im Fernsehen nur die perfekten, topgestylten Frauen sieht. Wie kann man es Männern dann verübeln, dass sie alle wie die Bekloppten dastehen und sich auch so ein Model als Freundin wünschen? Die denken, dass alle Frauen so perfekt ausschauen müssen, weil sie es rund um die Uhr suggeriert bekommen. Von daher: Ja, das heutige Frauenbild wird ganz klar von den Medien vorgegeben. Man muss schon sehr stark sein, um sich diesem Bild zu verweigern. Und zugleich das Glück haben einen Menschen zu finden, der nicht in solchen Kategorien denkt.

Du bist alleinerziehende Mutter. Was hältst du von der in Deutschland noch immer weitverbreiteten Meinung, dass Frauen vornehmlich zu ihrem Kind gehören? Gar nichts. Man muss ja nur mal rüber nach Frankreich schauen, da ist es ganz normal, dass Mütter recht schnell wieder anfangen zu arbeiten. Ich persönlich finde das auch vollkommen richtig und könnte mir nicht vorstellen, rund um die Uhr Mutter zu sein.

Gibt es etwas, das du deiner Tochter als Frau mit auf den Weg geben willst? Bleib dir treu und lass dir nichts von außen aufzwängen. Entscheide für dich allein und folge deinem Bauchgefühl. Es dauert noch eine Weile, bis meine Tochter in das Alter kommt, in dem Aussehen, Gewicht und ähnliche Fragen eine Rolle spielen. Ich kann jetzt noch nicht sagen, wie es dann sein wird und ob meine Erziehung bis dahin gefruchtet hat, aber ich will ihr in jedem Fall beibringen, dass Toleranz und Respekt weitaus wichtigere Eigenschaften sind als der perfekte Lidstrich. Ansonsten lege ich in meiner Erziehung Wert darauf, dass meine Tochter im Dreck wühlt und Fußball spielt.

Du wolltest als Kind ja auch Fußballer werden! Stimmt. Fußballer wohlgemerkt, nicht Fußballerin. Als Kind wollte ich immer lieber ein Junge sein. Kein Wunder, bei drei großen Brüdern. Das erste Wort meiner Tochter war übrigens »Hertha«, was ich super finde. Der eindeutige Beweis, dass sie meine Tochter ist!

Filme mit Marie-Luise Schramm:

»Was am Ende zählt« D 2007. Regie: Julia von Heinz | Mit Marie-Luise Schramm, Paula Kalenberg, Katy Karrenbauer u.a. | 104 Min.

»Komm näher« D 2006. Regie: Vanessa Jopp | Mit Marie-Luise Schramm, Meret Becker u.a. | 104 Min.

»Bin ich sexy?« D 2004. Regie: Kathrin Feistl | Mit Marie-Luise Schramm | 89 Min.

»Mama ist unmöglich« TV-Serie MDR 1997-1999. Regie: diverse | Mit Franziska Troegner, Angelika Milster, Marie-Luise Schramm u.a.

Fotos:Tanja Kernweiss | Text: Bettina Schuler