Editorial 02/10

Liebe Leserin, lieber Leser.

Wie stinklangweilig wäre es doch, wenn man sich immer einig wäre. Ich erinnere mich noch, wie ich als Kind die extravaganteste Farbmischung erzielen wollte, indem ich alle Farben des Malkastens zusammenpanschte. Was dabei rauskam, war in der Nivellierung jeder knalligen Spitze jedes Mal zutiefst enttäuschend: eine öde graue Matsche.

Ein Heft wie Missy gäbe es vermutlich gar nicht, wenn alles nur auf zusammengepanschten Konsens angelegt wäre. So wie es Auseinandersetzungen innerhalb der feministischen Bewegung gibt und geben muss, so erreichen uns zu jedem Heft verschiedenste Zuschriften von LeserInnen mit höchst unterschiedlichen Meinungen. Und auch unter uns Herausgeberinnen fliegen, wenn nicht die sprichwörtlichen Fetzen, so doch passionierte Argumente für oder gegen ein Thema durch die Luft – und nicht immer kann eine Einigung erzielt werden. So waren dieses Mal die Meinungen zur Fotostrecke über Ramallah geteilt: Während meine Kolleginnen dafür waren, den Konflikt nicht auszublenden, sondern mit kritischen Nachfragen an die Fotografin Malin Schulz zu flankieren, sah ich die Gefahr, durch eine bildliche, empathische Parteinahme eine politische Position zu beziehen, die nicht die unsrige ist. Nach langen Diskussionen haben, ganz demokratisch, die Mehrheitsverhältnisse gesiegt.

Beim Rest des Heftes waren wir uns dagegen erschreckend einig: Zum Beispiel darin, mit Kate Nash eine bemerkenswerte Künstlerin aufs Cover zu nehmen, die trotz ihres Erfolgs überhaupt kein Problem damit hat, sich als Feministin zu positionieren. Oder darin, den Trend zu Do-It-Yourself und das ihn umgebende Spannungsfeld aus Selbstermächtigung und Selbstausbeutung mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Wir freuen uns auf weitere kontroverse Diskussionen wie auch auf vehemente Meinungsäußerungen von euch.

Sonja Eismann, Chris Köver, Stefanie Lohaus & Margarita Tsomou