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Spiel die Stöckelschuh-Gitarre!

Kaum zu glauben: obwohl die Chicks on Speed die letzten zwei Jahre nicht nur damit beschäftigt waren, Videos, Kunst, Handarbeit und Veranstaltungsreihen (siehe Bericht in Missy 02/09) auf der ganzen Welt zu produzieren, sondern auch noch massive Veränderungen in der Bandstruktur zu bewältigen hatten, haben sie tatsächlich noch Zeit für ein neues Album gefunden. „Cutting…

02.06.09 >

Kaum zu glauben: obwohl die Chicks on Speed die letzten zwei Jahre nicht nur damit beschäftigt waren, Videos, Kunst, Handarbeit und Veranstaltungsreihen (siehe Bericht in Missy 02/09) auf der ganzen Welt zu produzieren, sondern auch noch massive Veränderungen in der Bandstruktur zu bewältigen hatten, haben sie tatsächlich noch Zeit für ein neues Album gefunden. „Cutting The Edge“ heißt es, erstreckt sich über zwei CDs und ist wie immer furchtlos in Inhalt und Ästhetik. Mit Alex Murray-Leslie sprach – bzw. konversierte per E-Mail – Sonja Eismann.



Missy: Euer langjähriges Mitglied Kiki Morse hat vergangenes Jahr die Chicks verlassen. Was hat sich nach ihrem Weggang geändert? In den Liner Notes sprecht ihr von einem darauf folgenden „Soul Searching“ zwischen den zwei verbliebenen Mitgliedern, also dir und Melissa Logan.

Alex Murray-Leslie: Das war Vivien Goldmans Interpretation von Kikis Weggang. Tatsächlich war es wohl eher eine organische Entwicklung. Nach zehn Jahren intensiver gemeinsamer Arbeit wollte Kiki ihre Solokarriere verfolgen. Es kann manchmal ziemlich klaustrophobisch sein, in einer Band zu spielen. Daher ist es wichtig, dass es ein gut funktionierendes Gleichgewicht gibt, bei dem auf die persönlichen Bedürfnisse der Einzelnen geachtet wird – ungefähr wie in einer Beziehung.

Mittlerweile arbeitet ihr ja mit mehreren Künstlerinnen zusammen, die nicht fixer Bestandteil der Band sind.

Der Übergang vom fixen Trio zur Kollaboration mit verschiedenen Künstlerinnen ist relativ natürlich vor sich gegangen. Als Kiki die Band verlassen hat, hatten wir gar keine Zeit nachzudenken, weil wir so viele Projekte am Laufen hatten. Immer beschäftigt zu bleiben und uns weiter nach vorne zu bewegen, hat uns über den Split hinweggeholfen.

Seid ihr im Moment also ein Duo mit regelmäßigen Kontributorinnen oder sind die anderen auch „richtige Chicks“?

Melissa und ich sind die Gründerinnen und Kernmitglieder der Chicks on Speed. Wir kollaborieren aber regelmäßig mit den Künstlerinnen Anat Ben-David, A.L. Steiner, Kathi Glas und nun auch mit der Pariserin Faustine Kopiejwski von der Band Koko Von Napoo, die dieses Jahr unsere Drummerin für Live-Auftritte ist. Anat und die anderen verfolgen aber ihre eigenen Solokarrieren, weswegen für sie die Chicks nur ein Stein im Mosaik sind.
Für unsere Live-Shows haben wir nun meistens drei oder vier Chicks auf der Bühne. Wenn es die „Super Show“ ist, die wir in Museen und Theatern aufführen, können es manchmal sogar bis zu 15 sein!

Musikalisch habt ihr euch wie stets weiter entwickelt, aber euer „Trademark Sound“ ist trotzdem noch gut zu erkennen. Woher kamen all diese neuen Einflüsse – also z.B. Eurodance, 90er-Mega-Rave-Techno, dunkler Retro-Electro und Girl Group Vibes?

Seit unseren Anfängen 1997 haben wir ältere Musikgenres referenziert und neu interpretiert, indem wir textliche und musikalische Elemente so verdreht haben, so dass sie nicht nur im „then“, sondern auch im „now“ relevant waren. Die erste 7“, die wir gemacht haben, „Warm Leatherette“, war eine Electro-Cover-Version des New-Wave/Punk-Hits von The Normal – bekanntlich die damalige Band des Mute-Chefs Daniel Miller. Die dritte 7“, „Smash Metal“, war von Heavy Metal beeinflusst, und die Single „Glamour Girl“ von 1999, produziert mit Christopher Just, war ein House Track. Es gibt bei den Chicks on Speed also eine lange Tradition, musikalische Genres zu referenzieren und dabei auch selbstreferenziell zu werden.

Ein gutes Beispiel für diese Arbeitsweise war es, als Ted Gaier, Melissas Ehemann, uns ein Tape mit Frauenpunkbands gab, unter anderem mit The Raincoats, Delta 5, Malaria und Kleenex. Wir fühlten uns diesen Bands und ihrer Message sofort so verwandt, dass wir ihre Musik und Attitüde unbedingt in unsere heutige Sprache übersetzen mussten. Wir haben sie durch neue Themenschwerpunkte personalisiert, aber versucht, die Intensität der Darbietung und vor allem der Haltung zu bewahren.

Sind die oben genannten Genres, die auf eurer neuen Platte zu hören sind, Teil dessen, was ihr in letzter Zeit einfach gerne angehört habt oder war es eine bewusste Entscheidung, diese Stile wieder hervorzuholen? Und welche Rolle spielten dabei eure Produzenten wie Christopher Just und Gerhard Potuznik?

Wir haben es uns ganz bewusst zum Ziel gemacht, eine Platte zu produzieren, die alles vom 60er-Jahre-Kaugummi-Pop bis zu Old School Techno in sich vereint. Wir sind riesige Musik-Fans und sammeln jede Art von Musik, von daher schwirren all diese Styles sowieso permanent in unseren Köpfen herum.

Die Produzenten, mit denen wir zusammengearbeitet haben, haben auch eine große Rolle gespielt. Gerhard und Mark Stewart haben das musikalische Gesamtbild sicherlich ein wenig düsterer eingefärbt, wohingegen Christopher wieder ordentlich Humor reingeklatscht hat, wie einen massiven Beat auf dem Dance Floor.

Auf „Cutting The Edge“ finden sich eine Menge Referenzen zu Do-It-Yourself-Strategien und Crafting-Techniken – mir gefiel besonders die gesprochene Anleitung „How To Build A High Heeled Shoe Guitar“.

Die High Heeled Shoe Guitar gibt es tatsächlich! Dieser in eine Gitarre verwandelte Stöckelschuh ist ein Instrument, das ich live auf der Bühne spiele. Ich glaube, die Idee wurde ursprünglich aus dem Frust geboren, den ich beim Schuhe-Kaufen schon so oft erlebt habe: Ich bin groß und habe riesige Füße, so dass es für mich fast unmöglich ist, Stöckelschuhe in meiner Schuhgröße zu finden.
Es ist also eine Art Fetisch, ein Objekt des Begehrens, das so nun eine neue Identität der Funktionalität angenommen hat – was ja letztlich sowieso wichtiger ist als die Oberflächlichkeit des Äußeren, des „Looks“. Ich habe den Schuh von Zara ganz billig recyclet. Ich habe ihn mir geschnappt und dann gemeinsam mit Steve Dawson, der den Großteil unseres Albums produziert hat, für ein Projekt namens „SHOE FUCK“ im Contemporary Art Centre in Vilnius eine Gitarre daraus gebastelt. Wir wollen übrigens eine ganze Serie von Stöckelschuh-Gitarren herstellen, jede einzelne auf einen anderen Akkord gestimmt, wie das Sonic Youth mit ihren Rock-Gitarren machen. Der Plan ist, das High Heeled Shoe Orchestra dann noch dieses Jahr live in einem Museum zu präsentieren.

Diese Schuh-Gitarre ist nur ein Teil unserer immer weiter wachsenden Kollektion von Objekt-Instrumenten, die wir mit TechnikerInnen und KünstlerInnen für unsere Bühnenauftritte entwerfen und dann bauen. Wir sind geradezu davon besessen, handgemachte Instrumente zu spielen, die speziell von uns designt wurden, einen bestimmten Sound auf der Bühne oder im Studio zu kreiieren. Traditionelle Instrumente geben einfach nicht genug her.

Eine letzte Frage: Der „Scream Song“, auf dem ihr völlig entfesselt herumschreit, ist sehr „hysterisch“ – wie auch eure Musik oft als bewusst „hysterisch“ erlebt wird. Ist das eine Strategie, um die Pathologisierung von „lauten“ oder ungewöhnlichen Frauen zu brechen?

Für mich ist Schreien ganz einfach die Befreiung von der Mittelmäßigkeit. Es ist etwas völlig Natürliches.

Chicks on Speed: „Cutting The Edge“ (COS Records / Indigo) erscheint am 29.05.
www.chicksonspeed-records.com. Mehr zu „Girl Monster“, der aktuellen Veranstaltungsreihe der Chicks on Speed im Hamburger Theater Kampnagel, könnt ihr in der aktuellen Ausgabe von Missy lesen.