„Alles so schön bunt hier“ – Frauenfiguren zur Primetime

share tweet  Die Vielfältigkeit der im deutschen Fernsehen präsentierten Frauenfiguren wird größer. Diese Woche allein dürfen wir schlagende Frauen, verzweifelte Frauen und Model-Frauen im Fernsehen bewundern. In der Werbung dann noch putzende Frauen, bodytunende Frauen und babyfütternde Frauen. Montag 21:15 Uhr: Die schlagenden Frauen. RTL 2 strahlt seit ein paar Wochen „Die Mädchengang” aus. Ein wenig…

07.03.11 > Uncategorized

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Die Vielfältigkeit der im deutschen Fernsehen präsentierten Frauenfiguren wird größer. Diese Woche allein dürfen wir schlagende Frauen, verzweifelte Frauen und Model-Frauen im Fernsehen bewundern. In der Werbung dann noch putzende Frauen, bodytunende Frauen und babyfütternde Frauen.

Montag 21:15 Uhr: Die schlagenden Frauen. RTL 2 strahlt seit ein paar Wochen „Die Mädchengang” aus. Ein wenig schweres Schicksal, ein bisschen angeborene Aggressivität und das ganze dann ausgelebt von jungen Frauen. Schlagende Mädchen – das ist ein Thema, welches in den Medien ganz gut anzukommen scheint. 2009 übertitelt Spiegel Online einen Beitrag mit „Lidstrich und Leberprellung”, 2010 beschäftigt sich das WDR-Format Planet Wissen mit Mädchengewalt und in den einschlägigen Boulevardmagazinen von RTL, Pro7 und Co. erfreut sich das Thema ohnehin großer Beliebtheit.

Dort sieht das ganze dann eigentlich immer gleich aus. Die jungen Frauen werden kurz vorgestellt. Ihre Familienverhältnisse werden gezeigt, die Polizeiakten werden durchgewälzt. Am besten wird auch noch ein Austicker dargestellt (wahlweise Raub, Körperverletzung oder zumindest die Beleidigung unbehelligter Passant_innen). Dann werden die Mädchen zusammengebracht, hassen sich kurz gegenseitig, bis sie eine Allianz gegen die unterstützende Psychologin oder den fordernden Coach bilden. Ja, die Mädchengang läuft genau so. RTL 2 beschreibt das Format: „Sie sind jung, aggressiv und unberechenbar. Sechs Mädchen befinden sich auf dem direkten Weg ins Abseits – Endstation Knast. Aus Frust und Perspektivlosigkeit wurden Hass und Gewalt. Die Strafregister der jungen Frauen sind lang. Eltern und Familie sind verzweifelt.” Unterstützend zur Sendung gibt es übrigens im Internet Porträts der Mädchen, Photostrecken und „Expert_innenchats”.

Was für ein Frauenbild bekommen wir hier? Mit Sicherheit ein unkonventionelles. Frauen schlagen immer noch weitaus weniger häufig zu, als Männer, wie in den Statistiken des Bundeskriminalamtes zu lesen ist (für 2009 etwa hier). (Eine Angleichung ist da auch sicher nicht erstrebenswert.) Die Soziologin Kirsten Bruhns meint auf Spiegel Online, dass Mädchen unter anderem häufiger zuschlagen als noch vor Jahren, weil sich das weibliche Rollenbild verändert hat. Sie wird wie folgt zitiert: „Heute sollen sich auch Frauen durchsetzen können, sich nichts gefallen lassen. Das spielt eine ganz zentrale Rolle in der Argumentation der Mädchen. Gerade wenn sie in ihren Familien noch ein Bild vermittelt bekommen, dass Frauen sich eigentlich unterordnen müssen, dass Weiblichkeit Schwäche assoziiert, dann lehnen sie sich dagegen auf. Sie wollen keine Opfer sein. Im Gegensatz zu früher ist Schwäche auch bei Frauen keine Tugend mehr. Sich zu prügeln und gleichzeitig ein attraktives Mädchen zu sein, ist kein Widerspruch für die Täterinnen.” Aus dieser Aussage wird auch schon klar, dass es nicht immer die eine Ursache gibt. Selbstwertgefühl, Familie, Gesellschaft – hat alles seinen Anteil.

Quelle: RTL 2.
Quelle: RTL 2.

Natürlich bleibt die soziologische Analyse in der Sendung aus. Die Mädchengang will nicht bilden und nicht für Verständnis werben. Die Mädchengang will den voyeuristischen Ansprüchen der Zuschauer_innen genügen. Und das scheint der Fall zu sein. Schließlich ist die aktuell laufende Staffel bereits die zweite. Mediensoziolog_innen würden vermutlich sagen, dass es schon seine Gründe hat, dass so eine Sendung Zuschauer_innen findet. Schließlich nehmen wir uns für unsere Mediensozialisation, was wir für unsere Entwicklung brauchen, auch aus Trash-Formaten.

Die Mädchengang ist eine Sendung über eine Randgruppe. Aber nur, weil hier eine medial unterrepräsentierte Frauengruppe präsentiert wird, ist die Sendung noch lange nicht gut. RTL 2 folgt hier einem Schema, welches im Privatfernsehen schon länger populär ist: Man nehme ein paar gescheiterte Existenzen, setze sie einer Extremsituation aus und warte ab, was passiert. Das ist bei Bauer sucht Frau oder Teenager außer Kontrolle auch nicht anders. Scheint trotzdem zu gefallen. Auf Quotenmeter.de ist zu lesen: „Auf 7,1 Prozent inder werberelevanten Zielgruppe kam das Format – deutlich mehr als gegen Ende der ersten Staffel.” Die Werberelavanz macht nur nochmal deutlich, dass es RTL 2 hier nicht um die Läuterung der Protagonistinnen geht. Was zu erwarten war. “It’s fun.”