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TEAM Film. Musik. Tanz. Körper: Frauenfiguren in Tarantino Filmen – von Kampfmaschinen und Sexobjekten

share tweet  In Filmen reproduzieren sich Normen, Regeln und Verhaltensmuster direkt, aber auch indirekt, vor unseren Augen. Die Leistung des filmischen Mediums besteht darin, „dass es etwas, das für sich bereits etwas bedeutet, auf eine bedeutende Art und Weise kommuniziert“ (Borstnar et al 2002: 12). Deshalb lassen uns Filme nicht nur das sehen, was der Regisseur…

19.05.11 >

In Filmen reproduzieren sich Normen, Regeln und Verhaltensmuster direkt, aber auch indirekt, vor unseren Augen. Die Leistung des filmischen Mediums besteht darin, „dass es etwas, das für sich bereits etwas bedeutet, auf eine bedeutende Art und Weise kommuniziert“ (Borstnar et al 2002: 12). Deshalb lassen uns Filme nicht nur das sehen, was der Regisseur oder die Regisseurin intendiert, sondern wir „hören und sehen viel mehr als das“, weil wir unsere eigenen Erfahrungen und Werte miteinbeziehen (Monaco 2006: 46).

Auch deshalb befasse ich mich mit dem Medium Film; und um genau zu sein, mit Filmen, die in der heutigen Zeit aktuell und auch gleichermassen umstritten sind – und welche Werke wären dafür besser geeignet als die von Quentin Tarantino? Kaum ein Regisseur versteht es dermassen, mit Normen und Verhaltensregeln zu spielen. Gerade Tarantino ist dafür bekannt, Tabus und Normen zu brechen bzw. diese zu parodieren. Allerdings werden manchmal eben erst durch den spielerischen Umgang und durch die Brüche die mit der Zeit Norm gewordenen Regeln einer Gesellschaft sichtbar. Aus diesem Grund gilt es nun die Frauenfiguren in Tarantinos Filmen einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Ein Motiv von Tarantino ist das der Gewalt. Er benutzt sie als Mittel, um die Geschlechtergrenzen (gewaltsam) zu überschreiten und damit Weiblichkeit und Männlichkeit in den Hintergrund zu stellen – durch diese Perspektive kann man Tarantino als Feminist ansehen, der gerade durch diese (Um)Positionierung der Frau auf ihre Rolle in der Gesellschaft aufmerksam machen will. Die Geschlechterforschung hat dabei erkannt, dass der visuelle Input einer der Schlüssel dazu ist, wie Geschlecht in unserer westlichen Kultur definiert wird. Ein Film repräsentiert, konstruiert und ist demnach performativ und Geschlecht entsteht also in ihm und durch ihn.

Auch wenn Tarantinos Figuren (egal welches Geschlecht) abgebrühte Killer sind, können wir uns irgendwie mit ihnen identifizieren. Oft legen sie doch menschliche Züge an den Tag, wie sie jeder von uns kennt; beispielsweise indem sie, zwischen den Gewaltexzessen, zum Beispiel wie zwei alte Freunde tratschen à la Jules und Vincent in Pulp Fiction.

Die Frauenfiguren sind in seinen Filmen eher atypisch: Frauen bei Tarantino stehen den Männern oft in puncto Brutalität und Abgebrühtheit in nichts nach, oder sind ihnen sogar überlegen, was in anderen Filmen weniger der Fall ist. Meist hat ein femininer Filmcharakter mindestens Züge von stereotypen weiblichen Attributen (mütterlich, redselig, romantisch, modeinteressiert etc.). Bei Tarantino gibt es solche Eigenschaften zwar auch, doch nicht ausschliesslich.

Da Quentin, Kenner und Schöpfer des Exploitationskinos, als Meister der Subversion gilt, verwundert es daher nicht, dass in seinen Filmen Frauen oft nicht nur das Tanzbein, sondern auch die Fäuste schwingen, und er so die essentialistischen Konzeptionen von Weiblichkeit durch Dekonstruktion und darauf folgendes Neuentwerfen ins Wanken bringt. Werfen wir einen Blick auf die Rolle der Kate Fuller in From Dusk till Dawn, dann sollte schnell deutlich werden, was damit gemeint ist. In der eigentlich zarten Pfarrerstochter steckt viel mehr als anfangs zu erwarten ist, denn sie ist diejenige, die am Schluss mit dem kriminellen Seth überlebt, weil sie sich durchgekämpft hat.

Gleichermassen verhält es sich in Death Proof, wo sich Stuntmanfahrer Mike mit dem Töten junger Frauen vergnügt. In der ersten Hälfte des Films sucht er sich vier Opfer aus, die dem Stereotyp Frau entsprechen: Sie sind immer mit anderen Frauen unterwegs, quatschen viel, müssen dringend aufs Klo, knutschen fast willenlos mit Männern rum und tanzen Poledance – ein klarer Fall eines klischiert-pejoraitven Blicks auf Weiblichkeit und eines leichten Spiels für Mike.

In der zweiten Hälfte, bei seinen neuen Opfern, läuft der Hase allerdings in eine andere Richtung. Zuerst sieht es zwar so aus, als hätte Mike auch hier Erfolg, sie von der Strasse zu stossen, als die Frauen eine Spritztour mit einem geliehenen Wagen unternehmen. Doch das Blatt wendet sich und die Frauen wehren sich und jagen ihn schlussendlich  bis zu seinem Tod, der nicht nur für einen physischen Tod steht, sondern auch als Symbol für den Sieg über die männliche Herrschaft gelesen werden kann. Tarantinos Glaube an die Stärke der Frau wird dabei besonders in Inglorious Basterds deutlich.

Hier ist es nämlich die Frau, die die Welt rettet, indem sie ihr geliebtes Kino niederbrennt, als 300 Nazis, inklusive Hitler, dort eine Filmpremiere geniessen. Wie ernst es dem „Filmfreak und Kultregisseur“ Tarantino ist, sieht man an seiner Auffassung, Kino rette Leben (Mz-web.de). Dass diese Ehre in seinem Film einer Frau zuteil werden darf, ist sicher ein grosses Kompliment an alle, die sich zu dieser Kategorie zugehörig fühlen.

Ein weiteres Beispiel: Gerade die Braut Beatrix Kiddo in Kill Bill, das wohl ergiebigste Werk für diese feministische Filmanalyse, ist das Paradebeispiel einer überdurchschnittlich starken Frau, wie sie selten auf der Leinwand zu sehen war. Sie gehört einem Killer-Clan an, beherrscht hohe Kampfkünste, wirkt unsterblich, kann kaltblütig und erbarmungslos sein, aber erscheint trotzdem weise und nicht völlig herzlos – eigentlich eine Männerrolle, wie wir sie aus anderen Actionreissern kennen; und auch ihre Gestik ist nicht gerade das, was man als weiblich konnotieren würde, denn sie ist ebenso wenig auffallend männlich, sondern vielmehr geschlechtsneutral.

Kiddo ist daher eine Kampfmaschine und das Thema Rache steht im Vordergrund und nicht ihre Genitalien. Dies entspricht dem “Bastelcharakter” eines „Bricoleurs”, dessen Geschlecht man eigentlich nicht klar zuordnen kann (Friedrich 2008: 75). Das wiederum unterstützt die These, dass es sich bei Frauenrollen in Tarantinos Filmen oftmals eben nicht um Frauenfiguren, sondern besser gesagt geschlechtslose Charaktere (Bricoleure) handelt. Diese schaffen die dekonstruktive und subversive “Verschränkung von Weiblichkeit und Gewalt” und erlauben somit einen Schritt über den Rand der Geschlechtergrenzen hinaus, indem sie uns lehren Gewalt geschlechtslos zu denken (Friedrich 2008: 7) – so könnte Gewalt in seinen Filmen also die vorherrschende Kategorie sein, und nicht das Geschlecht, allerdings ist das noch nicht wirklich möglich, da zuerst das veraltete schwache Bilder der Frau abgeschafft werden muss, um Platz für ein neues geschlechtsneutrales Personenbild zu schaffen.

Auch in seinen Filmen finden wir noch stereotype Blondchen wie z.B. Melanie aus Jackie Brown oder tanzende Sexobjekte wie in From Dusk till Dawn. Diese unterstreichen allerdings nur den Kontrast zu den starken Frauenfiguren/Kampfmaschinen und zeigen die Absurdität der Norm auf.

Quentin Tarantino liefert uns demnach verschiedene Formen von Weiblichkeit. Oftmals verschränkt er dabei die Eigenschaften der Charaktere und so lassen sich beispielsweise in der hauptsächlich geschlechtslosen Kampfmaschine Beatrix Kiddo auch feminine Seiten finden. Tarantino schafft es hierbei, durch Motive wie Rache, vielmehr Gewalt, den Fokus weg von den Geschlechterdifferenzen auf Handlungen zu lenken und versucht gleichzeitig, die Rolle der Frau in Filmen von der traditionellen Weiblichkeit zu entfremden und neu zu entwerfen – dadurch bricht er in seinen Werken mit den als normal geltenden Frauenbildern und interpretiert sie auf neue Weise.

Ausserdem gelingt es ihm zusätzlich, mittels Gewalt neue Geschlechter wie die Bricolagefigur zu konstruieren. Damit schafft er subversiv eine Varianz an Weiblichkeiten (sofern man noch von Weiblichkeiten sprechen kann und will), die die ZuschauerInnen hoffentlich zum Nachdenken anregen. An seinen Filmen lässt sich erkennen, wie leicht es ist, mit einem Begriff wie dem der Weiblichkeit zu spielen. Durch Tarantinos Werk wird so immer wieder deutlich, dass wir nicht nur Filme machen, sondern Filme auch uns.

Melissa

Literaturangaben:

Monaco, James (2006): Film verstehen. Kunst. Technik. Sprache. Geschichte und Theorie des Films und der neuen Medien. Rowohlt: Taschenbuch Verlag.

Jones, Amelia (2003): Feminism and Visual Culture Reader. London: Routledge

Friedrich, Kathrin (2008): Film.Killing.Gender. Weiblichkeit und Gewalt im zeitgenössischen Hollywood. Marburg: Tectum Verlag.

Borstnar, Nils et al. (2002): Einführung in die Film- und Fernsehwissenschaft. Konstanz: UVK- Verlagsgesellschaft mbH.

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