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Slutwalks in Deutschland: Eine feministische Bewegung

share tweet  Am 13. August gehen bei einer bundesweiten Demo in vielen deutschen Städten die selbsternannten Schlampen auf die Straße. Die Musikerin (Doctorella) und Autorin Sandra Grether („Madonna und wir. Bekenntnisse“), Mitglied der Berliner Slutwalk-Gruppe, und die Musikerin Krawalla (Räuberhöhle), die den Slutwalk unterstützt, erzählen im Missy-Interview, was es mit dem „Aufmarsch der Schlampen“ auf sich…

11.08.11 >

Am 13. August gehen bei einer bundesweiten Demo in vielen deutschen Städten die selbsternannten Schlampen auf die Straße. Die Musikerin (Doctorella) und Autorin Sandra Grether („Madonna und wir. Bekenntnisse“), Mitglied der Berliner Slutwalk-Gruppe, und die Musikerin Krawalla (Räuberhöhle), die den Slutwalk unterstützt, erzählen im Missy-Interview, was es mit dem „Aufmarsch der Schlampen“ auf sich hat.

Wofür engagieren sich die TeilnehmerInnen der Slutwalks in Deutschland genau?

Sandra Grether: Slutwalks sind Demonstrationen gegen Sexismus, sexualisierte Gewalt, Vergewaltigungsmythen und -verharmlosungen. Wichtig ist der Begriff der Solidarität: Menschen gehen weltweit für ihr Recht auf Selbstbestimmung hinsichtlich Körper, Gender, Sexualität und Begehren auf die Straße und fordern, dass Betroffenen sexualisierter Gewalt keine Schuld gegeben wird, da diese immer bei den Tätern liegt.

Wer engagiert sich in der Berliner Slutwalk-Bewegung?

Sandra: Die Berliner Gruppe besteht aus rund 20 Leuten. Dabei sind Musikerinnen, Bloggerinnen, Journalistinnen, Studentinnen, Pädagoginnen, Rapperinnen, Sexarbeiterinnen, GenderaktivistInnen und Schriftstellerinnen.

Worin unterscheiden sich die deutschen Slutwalks zu denen in anderen Ländern?

Sandra: In Deutschland assoziieren viele mit Feminismus leider immer noch das Klischee von der körperfeindlichen Feministin, die keinen Spaß hat. Auch ist die Auffassung, der Feminismus habe längst gesiegt und sei nicht mehr nötig, immer noch erschreckend weit verbreitet. Deshalb ist es gut – wenn auch traurig, dass das nötig ist – dass die Bilder der Slutwalks eine andere Sprache sprechen. Es gab hier nie ein „Pro-Sex“-Movement wie in den USA, vielleicht gerade, weil die Prüderie hier nicht so stark ist. Auch die Riot Grrrl Bewegung der 1990er-Jahre, die sich mit Slut-Slogans schmückte und eigentlich das Gegenteil meinte, wurde in Deutschland von der medial erschaffenen „Girlie“-Welle weichgespült und konnte nie wirklich zu einer Bewegung werden. Der Slutwalk in Berlin ist auch ein wenig die Party der ExzentrikerInnen, wir wollen den Slutwalk auch für die Aussage öffnen, dass es falsch ist, Menschen aufgrund ihres Auftritts oder ihrer Kleidung zu mobben.

Inwiefern drückt sich durch die Slutwalks eine neue feministische Bewegung aus?

Sandra: Durch die Slutwalks wird international sichtbar, dass abertausende von Menschen es satt haben, in einem System zu leben, das sexualisierte Übergriffe, Gewalt und Belästigungen verharmlost, legitimiert und den Opfern eine Mitschuld gibt! Es ist toll zu sehen, mit welcher Leidenschaft die Menschen in den anderen Ländern bisher demonstriert haben und mit welcher Präzision jede auf ihren Schildern ihre eigene Geschichte der Belästigung oder Vergewaltigung oder Solidarität erzählt.

Krawalla: Mich spricht diese Bewegung an, weil sie die verschiedensten Formen des Feminismus einlädt. Ich als Fan von Plüsch und Pink und einer „Ich-bin-gerne-Mädchen“-Attitüde, kann mich da genauso aufgehoben fühlen, wie vielleicht eine 70er-Jahre-Feministin, eine Butch, ein Genderaktivist oder eine Sexarbeiterin.

Warum bezeichnet ihr euch selbst als „Schlampen“?

Sandra: Es geht darum, eine eigene kulturelle Ermächtigung zu schaffen. Heather Jarvis, eine der Organisatorinnen des Slutwalk in Toronto, hat es treffend formuliert, als sie sagte: „Das Wort ‚Slut‘ wird verwendet, ob wir es wollen oder nicht. Es ist ein übermächtiges Wort, das Menschen beleidigen und verletzen soll. Lass uns versuchen, ein wenig Unsicherheit in seine beleidigende Wirkung zu bringen.“ Die selbsternannten Schlampen tragen Sprüchen auf ihren Transparenten, die man von einer ‚Schlampe‘ nicht erwarten würde. Bild und Text müssen immer zusammen betrachtet werden, nur so entsteht die Rekontextualisierung, und nur so kann die politische Aussage verstanden werden.

Krawalla: Ich finde es wichtig, gerade dieses Wort zu verwenden, weil es ohne nie diese Aufmerksamkeit weltweit gegeben hätte. Es eckt einfach an und die Leute diskutieren darüber, regen sich auf. Wir haben grundsätzlich schon viel zu lange geschwiegen, wenn wir so bezeichnet werden: Den Anstoß für alle Slutwalks gab die Aussage des kanadischen Polizisten, der verkündete, dass Frauen weniger häufig vergewaltigt würden, wenn sie sich nicht wie „sluts“ kleideten. Ganz davon abgesehen, dass das Quatsch ist, weil Frauen in jeder Art von Kostümierung betatscht, gedemütigt und vergewaltigt werden, ist es auch das klassische Beispiel für die Vergewaltigungsmythen, die immer noch kursieren. Wir kämpfen bei den Slutwalks nicht für das Recht, „uns sexy kleiden zu dürfen“, wie es die Mainstream-Presse leider gerne verbreitet. Sich sexy zu kleiden ist nur eine Option unter vielen.

Sandra: Es ist traurig, dass die Medien die Slutwalks gerne auf die Bilder von übertrieben sexuell gestylten Menschen reduzieren. Genauso dabei sind aber auch Menschen, die ’normale‘ Alltagskleidung tragen. Wie auch immer man ’normal‘ definieren will. Schließlich werden Menschen in jedweder Kleidung belästigt.

Mehr Infos zum Berliner Slutwalk: slutwalkberlin.de

de-de.facebook.com/SlutwalkBerlin

Hier gibt es eine Übersicht zu allen Slutwalks in Deutschland: slutwalkberlin.de/slutwalkunited

Am 11. August gibt es übrigens in Berlin eine Warm-Up-Party mit Sookee, Doctorella und Räuberhöhle zur Einstimmung auf den Slutwalk am 13. August! Die Party findet ab 21 Uhr im NBI Club in der Kulturbrauerei (Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin) statt.

Interview: Ana Maria Michel

Foto: Garry Knight


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