Ich stehe auf einer Gummimatte, bekleidet nur mit einer Unterhose und schaue durch den Raum. Um mich herum stehen viele Regale mit Büchern und unter mir kniet eine Frau mit weißem Kittel und schaut jeden einzelnen meiner Leberflecken mit einem kleinen Mikroskop an. Sie fragt: „was studieren Sie denn?“ und ich antworte „Informatik“. Es gibt Standardantworten die ich daraufhin immer wieder höre und wie so oft bin ich auch diesmal ein bisschen gespannt, welche die Fragestellerin wählt. „Puhh, also davon hab‘ ich überhaupt keine Ahnung!“ lautet die Antwort der jungen Ärztin. Als ob die Ahnung von Haut und Haaren hatte, als sie aus der Schule kam, wohl kaum. Aber Haut und Haare kann man anfassen, Bits und Bytes eben nicht. Mein Studienfach bietet allerlei Gedankenspielraum für Vorurteile und verknüpft mit dem Thema Geschlecht führt das oft zu den absurdesten Statements und Fragen.

Vor einiger Zeit habe ich das Thema mal mit ein paar anderen Studentinnen besprochen und wir kamen zum Ergebnis, dass jedes Studienfach so eine Art Standard-Reaktionsmenge besitzt, also eine Hand voll Sätze die einem im Laufe der Zeit immer wieder in Small-Talk-Situationen begegnen. Interessant ist auch, dass einige meinen sie seien zu aller erst auf diese total originelle Frage oder Aussage gekommen. Zum Beispiel das gute alte „oh, jetzt analysierst du mich bestimmt gleich“, das Studierende im Fach Psychologie sich immer wieder anhören dürfen. Im Fall der Informatikerin, Maschinenbauerin, Physikerin, Eleketrotechnikerin  (..beliebig ergänzbar) kommt hingegen das „oh, und das als Frau!“ ins Spiel und die Frage „warum hast du dich für dieses Fach entschieden?“ brennt plötzlich so vielen unter den Nägeln, während sie im Traum nicht auf die Idee gekommen wären die BWLerin von nebenan mit dieser Frage zu löchern.

Die Selbstverständlichkeit mit der alle alles studieren können was sie wollen, scheint an dieser Stelle plötzlich keine mehr zu sein. Beim Gespräch mit den Studentinnen wurde ich nach meiner Einschätzung gefragt, wie denn diese Frage gemeint sei. Da ich mir kaum vorstellen kann, dass alle Fragestellenden dabei die Ansicht im Hinterkopf haben, dass gewisse Fächer nichts für Frauen sind, muss ich weiter überlegen. Meiner Ansicht nach müssen andere Menschen jedoch durchaus davon ausgehen, dass es unter den derzeitigen gesellschaftlichen Bedingungen beinahe ein Ding der Unmöglichkeit ist als Frau in bestimmten Berufen, Branchen oder Studienfächern zu landen. Bei näherem Nachfragen kommt dann oft die total logische Argumentation: „Frauen interessieren sich eben normalerweise nicht für x, weil Frauen sich eben nicht für x interessieren!“ und es existieren sogar Menschen in der Wissenschaft, die verzweifelt nach einer echten Begründung im menschlichen Gehirn such(t)en (und spätestens beim Blick auf andere Länder doch ins Straucheln kommen dürften). Im Zuge der Diskussion über eine niedrige Frauenbeteiligung in der Politik, die die Piratenpartei im Netz ausgelöst hatte, kam die Idee auf, dass das Berichten über einen niedrigen Frauenanteil in x selbst dazu führen könnte, dass Frauen abgeschreckt werden. Ich halte diese Idee erstens für zu kurz gedacht, denn bei der Wahl des eigenen Jobs oder Engagements kommen doch einige Faktoren zusammen. Zum Beispiel ist schon allein die Frage „kann ich das?“ geprägt von Erfahrungen mit anderen Menschen (Eltern, Lehrkräfte..) und nicht selten kommt auch die Frage nach dem gesellschaftlichen Ansehen und der Aufmerksamkeit die der Job für die eigene Person mit sich bringt. Darüber hinaus musste ich aber auch über dieses Verlangen danach, nicht über den gegenwärtigen Zustand zu sprechen etwas lachen. Denn wenn es Erfahrungen mit anderen Geschlechtergruppen sind, die abschrecken, dann wird wohl das Verschweigen des Geschlechteranteils nicht viel nützen. Spätestens im Hörsaal, umgeben von siebzig Männern und vier Frauen ergeben sich genügend fragwürdige Situationen.

Noch heute, nach vier erfolgreichen, theoretischen Semestern und ein paar Wochen Praktikum, habe ich keine Standardantwort auf Standardfragen. Mir fällt aber auf, dass es Menschen oftmals überhaupt nicht interessiert was ich in meinem Studium überhaupt so mache, weil Informatik automatisch in Schubladen gesteckt wird, bei denen Leute meinen, ganz genau zu wissen wie deren Beschriftung lauten muss. Das ist schade, denn mit Informatik-Abschluss kann man in nahezu jeder Branche arbeiten. Sowohl freiberuflich oder selbstständig, als auch in einem Angestelltenverhältnis. Umgang mit anderen Menschen und Kommunikation sind dabei meistens verdammt wichtig, was vermutlich eine der fatalsten Fehleinschätzungen ist, die die gängigen Nerdklischees so mit sich bringen. Ich gebe zu, dass mir das Grundstudium nicht so gut geschmeckt hat und einiges an Arbeit und Disziplin notwendig war um in diesem Studium zu überleben. Schaue ich mir jedoch andere Studiengänge an, ist dies mittlerweile dank Bachelor immer in irgendeiner Form gegeben. Jedoch habe ich gelernt Probleme zu lösen und mit einer anderen Denkweise an Dinge heranzugehen. Ich habe Programmieren gelernt, was mir die Möglichkeit gibt, eigene Dinge zu erschaffen die funktionieren und anschließend stolz darauf zu sein. Ich habe gelernt, in Teamprojekten zu arbeiten, also Code und Wissen zu teilen, zu lesen, zu beobachten, zu diskutieren und die Ideen anderer zu verstehen (oder auch nicht). Ich weiß wie ein Betriebssystem funktioniert, was dafür sorgt, dass unsere Computer überhaupt in der Lage sind uns die Dienste bereitzustellen, die wir als absolut selbstverständlich betrachten und natürlich wie ein Computer selbst funktioniert. Aber ich muss nicht da sitzen, vor meinem Computer und still vor mich hin programmieren. Ich könnte ebenso Menschen erklären wie Dinge funktionieren, sie bei Anforderungen und Problemen unterstützen, Ideen grafisch modellieren und die Welt in der wir leben insgesamt mit gestalten. Vom Fahrkartenautomaten, über medizinische Geräte, die Kaffeemaschine zum Smartphone und von dort zum Social Network, zum coolen Webprojekt, zum Messenger und all den Dingen, wie Roboterstaubsauger, die uns heute und morgen das Leben verschönern. Es wäre jedoch unfair zu verschweigen, dass die selben Kenntnisse auch für die Rüstungsindustrie oder den Betrieb von Atomkraftwerken benötigt werden und dass Technologien für Überwachung und nervige Werbung verwendet werden. Unter anderem deshalb ist es eben nicht total egal, wer die Zukunft gestaltet. Wenn wir absolut keine Möglichkeit haben Systeme und Zusammenhänge zu begreifen, dann liefern wir uns (z.B in Form unserer Daten) freiwillig anderen Menschen aus, die alles schon richten werden. Ich möchte wenigstens ein paar Zusammenhänge im Detail verstehen, auch wenn das nicht reicht um die Welt zu retten.