One size does NOT fit all!

share tweet  Körpernormen in der Modeindustrie Kleidung ist klimabedingt notwendig und im öffentlichen Raum auch weitestgehend gesetzlich vorgeschrieben. Neben dieser Funktion dient Kleidung aber auch als Ausdruck eines individuellen Lebensstils oder als Zeichen einer kollektiven Zugehörigkeit, die bis hin zu Uniformierung gehen kann. Kleidung war und ist ein höchst reglementiertes Feld und wurde deshalb von Feministinnen…

18.12.11 > Uncategorized

ARGE Dicke Weiber

Körpernormen in der Modeindustrie

Kleidung ist klimabedingt notwendig und im öffentlichen Raum auch weitestgehend gesetzlich vorgeschrieben. Neben dieser Funktion dient Kleidung aber auch als Ausdruck eines individuellen Lebensstils oder als Zeichen einer kollektiven Zugehörigkeit, die bis hin zu Uniformierung gehen kann. Kleidung war und ist ein höchst reglementiertes Feld und wurde deshalb von Feministinnen und Lesben immer schon als ein Werkzeug für ihre gesellschaftliche Befreiung verwendet. Die Verweigerung des Korsetts Ende des 19. Jahrhunderts, das Tragen von Hosen in den 1920er Jahren und die BH-Verbrennungen der 1970er Jahre sind Beispiele dafür. Auch für dicke Frauen ist das Ausbrechen aus den einschränkenden Kleidungskonventionen mehr als persönliche Selbstverwirklichung. Es ist politischer Widerstand!

»Normale« Damenbekleidung wird in den Konfektionsgrößen 34 – 44 (XS – L) produziert und verkauft. Alle Größen darüberhinaus gelten als sogenannte Übergrößen. Übergrößengeschäfte führen meist 44 – 58 (L – 4XL) . Die Größe 46 (XL) gilt in der Modewelt als magische Grenze zwischen Gut und Böse, zwischen Du-darfst-fast-alles-anziehen-was-du-willst und Kaschiere-deine-aus-den-Fugen-geratene-Figur. Ab Größe 60 (5XL) ist für die Modewelt alles jenseits von Gut und Böse. Da gilt offenbar das Motto »Verstecke dich in einer Höhle und komme erst wieder raus, wenn du abgenommen hast!«

Die angebotene »Plus-Size-Mode« unterscheidet sich von »normaler« Kleidung in Farben, Schnitten, Rocklängen und im Preis. Sie ist teurer und ihr haftet eine gewisse Scham an. Scham für den Körper, den sie kleiden soll und die Ermahnung, dass ein buntes, lustvolles Leben für dicke Frauen nicht vorgesehen ist. Den Satz »So etwas gibt es halt nicht in Deiner Größe!« hat jede von uns mehr als einmal gehört. Nein, so etwas gibt es nicht. Miniröcke, Leggins, gemusterte Strumpfhosen, Röhrenjeans, kurze Hosen, schulter- oder bauchfreie Tops und alle anderen körperbetonten Kleidungsstücke sind ausschließlich schlanken Frauen vorbehalten, denn die können es sich eben »von der Figur her leisten«. Die einzigen Ausnahmen bilden erfolgreiche Popstars wie etwa Beth Ditto, für die dann auch ein ansonsten ausgesprochen dickenfeindlicher Karl Lagerfeld schon mal etwas designt – der Imagepflege wegen, versteht sich.

Bei so einer Ausgangslage bleibt vielen modebewussten dicken Frauen nichts anderes übrig als selbst zu Nadel und Faden zu greifen. Entweder um die angebotene Kleidung zu ändern oder sich gänzlich Neues zu schneidern. Insbesondere im anglo-amerikanischen Raum entstand dadurch die Fatshionista-Szene, Bloggerinnen, die sich im Internet gegenseitig ihre Outfits zeigen und Tipps und Tricks zum Selbermachen verraten. Zwei dieser Fatshion-Bloggerinnen, Keena Bowden und Jessica Jarchow aus Kalifornien, werden in dem Dokumentarfilm The Fat Body (In)visible von Margitte Kristjansson porträtiert. Aktuell plant beispielsweise auch Kirsty Lou aus England ein DIY fatshion craft zine und freut sich über Beiträge.

Auch Kleidertauschbörsen oder Second Hand Läden für große Größen entstehen innerhalb der Fat Acceptance Bewegung da und dort (z.B. Re/Dress, Fat Fancy, Size Queen Clothing) und sie sind insbesondere in den USA – ähnlich wie die Frauenbuchläden für Feministinnen und Lesben – ein Anlaufpunkt für Dicken-AktivistInnen und wesentlicher Bestandteil der Bewegung. »Was es nicht gibt, müssen wir eben selbst machen.« Diese Herangehensweise ist wohl allen sozialen Bewegungen gemeinsam.

Obwohl das Umdenken der Mainstream-Modeindustrie da und dort in Werbekampagnen aufblitzt, ist es bislang noch nicht im realen Alltag angekommen. Noch immer gibt es für Frauen ab Größe 46 viel zu wenig Kleidung – auch im alternativen Sektor! Es wird Zeit, dass ModemacherInnen die körperliche Vielfalt respektieren. Und es wird Zeit, dass Modelabels, die gerademal zwei von ihren hundert Kleidungsstücken bis Größe XXL herstellen, aufhören, sich mit dem Stempel »Size Diversity« zu schmücken. Denn das ist blanke Verarschung.

Mehr als 40 Prozent aller Frauen tragen Konfektionsgröße 42 oder mehr. Wir lassen uns nicht (mehr) vorschreiben, was wir anziehen dürfen und was nicht. Wir haben es satt uns verstecken zu müssen. Die Scham ist vorbei!

Dicke Weiber Kleidertausch

Die ARGE Dicke Weiber plant für nächstes Jahr eine Kleider Tausch- und Schenkbörse für Frauen ab Größe 46 in Wien. Dazu suchen wir Frauen, die Lust haben mitzuorganisieren (tolle Kleidung aufstöbern und sammeln, die Veranstaltung bewerben, auf- und abbauen, einen Nähworkshop abhalten, T’Shirts gestalten, Kuchen backen, usw.)

Bei Interesse melde dich per Email: argedickeweiber@gmx.at

Text: ARGE Dicke Weiber